Nord - als Süddeutschland , Göttingen , Berlin , Laudshut ,
Prag , Wien u . a . , und lernte dabei sowohl die damaligen
Celebritäten dieser Hochschulen , als auch den Stand der
Wissenschaft in der Nähe kennen . Mit manchem Pro¬
fessor blieb er die Zeit seines Lebens in stetem Brief¬
wechsel .
Zurückgekehrt nach Tübingen , begann er seine Vor¬
lesungen im Sommersemester 1823 über Kirchengeschichte ,
Patrologie und zum Theil auch über Kirchenrccht . Die
größere Erstlingsschrift , die er herausgab , ist „ die Ein¬
heit in der Kirche , oder das Princip des Katholicismus " .
Die Schrift kennzeichnet sowohl den großen Geist , als das
tiefe Gemüth ihres Verfassers , obwohl manches in derselben
enthalten ist , was er selbst später nicht mehr billigte .
Er schrieb in dieser Beziehung an seinen Freund Joseph
Lipp , den nachherigen Bischof von Rottenburg : „ Ich werde
ungern daran erinnert , eS ist die Arbeit einer begeisterten
Jugend , die es mit Gott , Kirche und Welt redlich meinte ,
aber Manches , waS darin steht , könnte ich jetzt nicht mehr
vertreten ; es ist nicht alles gehörig verdaut und bündig
dargestellt . " Die kirchliche Wissenschaft war auf ihn jetzt
aufmerksam geworden , es folgten Berufungen nach Frei -
burg , Breslau , für den jugendlichen Gelehrten sehr ver¬
lockend , er schlug sie aus , blieb in Tübingen , wo er bald
zum außerordentlichen beziehungsweise ordentlichen Pro¬
fessor der Theologie vorrückte . Die preußische Regierung
wollte Möhler in Bonn haben , und er war nicht abge¬
neigt , diesem Rufe zu folgen . Der damalige Erzbischof
von Köln , Graf Spiegel , aber verhinderte die Berufung
beziehungsweise die Annahme derselben durch Möhler .
Hermes hatte nämlich mehrere Sätze in der genannten
Schrift Mahlers „ Die Einheit in der Kirche " als nicht
kirchlich bezeichnet . Der Erzbischof verlangte nun die
Zurücknahme dieser Schrift , Möhler aber verweigerte
jeden förmlichen Widerruf und blieb , wo er war . Dieses
Vorgehen und Verlangen des Erzbischofs muß jedem
sonderbar erscheinen . Wollte er katholischer sein , als
Möhler ? oder wollte er Möhler nicht , weil am Ende er
katholischer war , als der Erzbischof mitsammt Hermes ?
Daß letzterer die Verstöße gegen die Kirche in der Schrift
Möhlers fand , beweist einfach die uralte Wahrheit des
Satzes : „ Du siehst den Splitter im Auge deines Bruders ,
den Balken im eigenen Auge aber siehst du nicht " . Wir
haben keine Kirchengeschichte der damaligen Zeit zu schreiben
und bemerken aä stoo nur das Eine , daß ja Hermes
stlbst den bekannten Satz aufstellte : „ xar iirtalleetum
rrä ücieiu " , mit welchem Erfolg , ist jedem bekannt . Und
kannte denn der Erzbischof das alsbald folgende Werk
Möhlers nicht : „ Athanasius der Große und die Kirche
seiner Zeit " ? , kannte er nicht dessen epochemachendes Werk
„ Symbolik " , das doch alle Zweifel an der ächt kirch¬
lichen Gesinnung Möhlers verscheuchen mußte ? Kurz ,
wir glauben , der Erzbischof wollte den für seine Kirche
begeisterten jungen Theologen nicht , vielleicht , weil ihn
eben Hermes nicht wollte , und für Möhler selbst war
dies recht gut , der Himmel fügte es wohl so , denn er
wäre mitten in Streitigkeiten hinein versetzt worden , die
seiner Natur absolut nicht gepaßt hätten , die aber auch
für seinen Gesundheitszustand , der nie der beste war ,
sicher sehr schädlich gewesen wären . Später , um dies so¬
fort hier noch anzufügen , bot ihm die preußische Re¬
gierung eine Domherrnstelle in Köln an und zugleich ,
wenn er es wünsche , eine Professur , aber er schlug auch
diesen glänzenden Ruf aus .
Es würde unsere Aufgabe weit übersteigen , wenn
wir die vielen kleineren Werke und Schriften Möhlers
aufzählen und einer Kritik unterziehen wollten , die sehr
vielen Abhandlungen in verschiedenen Zeitschriften anführen
würden , allein der eben genannten beiden Werke muß
auch hier Erwähnung geschehen . In seinem „ Athanasius "
ist ein ungemein großer Reichthum dogmatischer , kirchen -
historischer und patristischer Forschungen niedergelegt , und
gerade diese Arbeit hat Möhler zu seinem größten Werke
den Impuls gegeben , zu seiner „ Symbolik oder Dar¬
stellung der dogmatischen Gegensätze der Katholiken und
Protestanten nach ihren öffentlichen Bekenninißschriften " .
Er erblickte nämlich die Kirche seiner Tage dem Pro¬
testantismus gegenüber ganz in der gleichen Lage , wie
die katholische Kirche des vierten Jahrhunderts dem
Arianismus gegenüber . Nach langem Quellenstudium ,
nachdem er längere Zeit Vortrüge über diesen weitver¬
zweigten Gegenstand gehalten , erschien die Schrift im
Jahre 1832 und erlebte in den nächsten Jahren sofort
mehrere Auflagen . Alzog sagt in seiner Kirchengeschichte
hierüber : „ Die Symbolik wirkte gleich einem elektrischen
Schlag auf die Gemüther . Dieses Buch hat das ka¬
tholische Glanbenssystem vergleichungsweise mit dem des
Lutherthums und der reformatorischen Kirche in so ge¬
diegener und anziehender Weise dargestellt , daß die pro¬
testantischen Theologen alsbald den seitherigen Stand¬
punkt vornehmen Jgnorirens katholischer Schriften ver¬
ließen , zu zahlreichen Kritiken sich anschickten , ja an vielen
Universitäten Vorlesungen über jene hielten , natürlich
um das unliebsame Werk zu widerlegen . " Die treffende
Inschrift auf dem Grabe des allzufrüh in München ver¬
storbenen Verfassers : „ votansor üäai , iitsrarura äsous ,
eoolösias solaruen " , verkündet nachfolgenden Geschlechtern
fein hohes Verdienst um die katholische Kirche , besonders
in Deutschland . Döllinger urtheilt über die „ Symbolik "
u . a . folgendermaßen : „ Es ist das beste Buch in dieser
Art , und in gewissem Sinne noch immer einzig . Seit
dem Erscheinen der Symbolik von Möhler haben wir erst
eine Wissenschaft der Symbolik und haben ein klassisches
Buch über dieselbe . Wir haben kein protestantisches
Buch , welches verdiente , als Settenstück zum Möhler -
schen Werke genannt zu werden . Meine Vortrüge sollen
u . a . dazu dienen , das Verständniß des Möhler ' schen
Werkes klar zu machen , oder auf manches hinzuweisen ,
was in demselben Übergängen oder nicht gehörig hervor¬
gehoben ist . "
( Schluß folgt . )
Die Entstehung der Kaiserchnmik .
L . 8 . Die sogenannte Kaiserchronik oder oronioa ,
wie sie sich selbst nennt — der Name Kaiserchronik rührt
von Docen ( 1807 ) her — ist das erste Geschichtswerk in
deutscher Sprache und nimmt daher zunächst das Interesse
des Geschichtsforschers in Anspruch . Aber auch der Literar¬
historiker hat Ursache , sich mit ihr eingehend zu beschäftigen ,
da sie eines der frühesten und obendrein umfangreichsten
Erzeugnisse der mittelhochdeutschen Literaturperiode ist —
sie umfaßt , die späteren Fortsetzungen nicht miteingerechnet ,
17,283 Verszeilen — und wegen ihres reichen Sagen -
inhalts zu den beliebtesten Unterhaltungsbüchern des
Mittelalters gehörte , wie aus der großen Zahl der er¬
haltenen Handschriften ( circa 30 ) und den mehrfachen
Ueberarbeitungen in Vers und Prosa hervorgeht . Zudem
wurde sie wegen ihrer Tendenz zum Moralisiren sogar
den deutschen Nechtsbüchern , welche unter dem Namen
Sachsenspiegel und Schwabenspiegel bekannt find , als