Ausgabe 
(8.5.1896) 19
 
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Nord- als Süddeutschland, Göttingen, Berlin , Laudshut,Prag, Wien u. a., und lernte dabei sowohl die damaligenCelebritäten dieser Hochschulen, als auch den Stand derWissenschaft in der Nähe kennen. Mit manchem Pro-fessor blieb er die Zeit seines Lebens in stetem Brief-wechsel.

Zurückgekehrt nach Tübingen , begann er seine Vor-lesungen im Sommersemester 1823 über Kirchengeschichte,Patrologie und zum Theil auch über Kirchenrccht. Diegrößere Erstlingsschrift, die er herausgab, istdie Ein-heit in der Kirche, oder das Princip des Katholicismus".Die Schrift kennzeichnet sowohl den großen Geist, als dastiefe Gemüth ihres Verfassers, obwohl manches in derselbenenthalten ist, was er selbst später nicht mehr billigte.Er schrieb in dieser Beziehung an seinen Freund JosephLipp, den nachherigen Bischof von Rottenburg :Ich werdeungern daran erinnert, eS ist die Arbeit einer begeistertenJugend, die es mit Gott, Kirche und Welt redlich meinte,aber Manches, waS darin steht, könnte ich jetzt nicht mehrvertreten; es ist nicht alles gehörig verdaut und bündigdargestellt." Die kirchliche Wissenschaft war auf ihn jetztaufmerksam geworden, es folgten Berufungen nach Frei-burg, Breslau , für den jugendlichen Gelehrten sehr ver-lockend, er schlug sie aus, blieb in Tübingen , wo er baldzum außerordentlichen beziehungsweise ordentlichen Pro-fessor der Theologie vorrückte. Die preußische Regierungwollte Möhler in Bonn haben, und er war nicht abge-neigt, diesem Rufe zu folgen. Der damalige Erzbischofvon Köln, Graf Spiegel , aber verhinderte die Berufungbeziehungsweise die Annahme derselben durch Möhler .Hermes hatte nämlich mehrere Sätze in der genanntenSchrift Mahlers Die Einheit in der Kirche" als nichtkirchlich bezeichnet. Der Erzbischof verlangte nun dieZurücknahme dieser Schrift, Möhler aber verweigertejeden förmlichen Widerruf und blieb, wo er war. DiesesVorgehen und Verlangen des Erzbischofs muß jedemsonderbar erscheinen. Wollte er katholischer sein, alsMöhler? oder wollte er Möhler nicht, weil am Ende erkatholischer war, als der Erzbischof mitsammt Hermes?Daß letzterer die Verstöße gegen die Kirche in der SchriftMöhlers fand, beweist einfach die uralte Wahrheit desSatzes:Du siehst den Splitter im Auge deines Bruders,den Balken im eigenen Auge aber siehst du nicht". Wirhaben keine Kirchengeschichte der damaligen Zeit zu schreibenund bemerken stoo nur das Eine, daß ja Hermesstlbst den bekannten Satz aufstellte:xar iirtalleetumrrä ücieiu", mit welchem Erfolg, ist jedem bekannt. Undkannte denn der Erzbischof das alsbald folgende WerkMöhlers nicht:Athanasius der Große und die Kircheseiner Zeit" ?, kannte er nicht dessen epochemachendes WerkSymbolik", das doch alle Zweifel an der ächt kirch-lichen Gesinnung Möhlers verscheuchen mußte? Kurz,wir glauben, der Erzbischof wollte den für seine Kirchebegeisterten jungen Theologen nicht, vielleicht, weil ihneben Hermes nicht wollte, und für Möhler selbst wardies recht gut, der Himmel fügte es wohl so, denn erwäre mitten in Streitigkeiten hinein versetzt worden, dieseiner Natur absolut nicht gepaßt hätten, die aber auchfür seinen Gesundheitszustand, der nie der beste war,sicher sehr schädlich gewesen wären. Später, um dies so-fort hier noch anzufügen, bot ihm die preußische Re-gierung eine Domherrnstelle in Köln an und zugleich,wenn er es wünsche, eine Professur, aber er schlug auchdiesen glänzenden Ruf aus.

Es würde unsere Aufgabe weit übersteigen, wenn

wir die vielen kleineren Werke und Schriften Möhlersaufzählen und einer Kritik unterziehen wollten, die sehrvielen Abhandlungen in verschiedenen Zeitschriften anführenwürden, allein der eben genannten beiden Werke mußauch hier Erwähnung geschehen. In seinemAthanasius "ist ein ungemein großer Reichthum dogmatischer, kirchen-historischer und patristischer Forschungen niedergelegt, undgerade diese Arbeit hat Möhler zu seinem größten Werkeden Impuls gegeben, zu seinerSymbolik oder Dar-stellung der dogmatischen Gegensätze der Katholiken undProtestanten nach ihren öffentlichen Bekenninißschriften".Er erblickte nämlich die Kirche seiner Tage dem Pro-testantismus gegenüber ganz in der gleichen Lage, wiedie katholische Kirche des vierten Jahrhunderts demArianismus gegenüber. Nach langem Quellenstudium,nachdem er längere Zeit Vortrüge über diesen weitver-zweigten Gegenstand gehalten, erschien die Schrift imJahre 1832 und erlebte in den nächsten Jahren sofortmehrere Auflagen. Alzog sagt in seiner Kirchengeschichtehierüber:Die Symbolik wirkte gleich einem elektrischenSchlag auf die Gemüther. Dieses Buch hat das ka-tholische Glanbenssystem vergleichungsweise mit dem desLutherthums und der reformatorischen Kirche in so ge-diegener und anziehender Weise dargestellt, daß die pro-testantischen Theologen alsbald den seitherigen Stand-punkt vornehmen Jgnorirens katholischer Schriften ver-ließen, zu zahlreichen Kritiken sich anschickten, ja an vielenUniversitäten Vorlesungen über jene hielten, natürlichum das unliebsame Werk zu widerlegen." Die treffendeInschrift auf dem Grabe des allzufrüh in München ver-storbenen Verfassers:votansor üäai, iitsrarura äsous,eoolösias solaruen", verkündet nachfolgenden Geschlechternfein hohes Verdienst um die katholische Kirche , besondersin Deutschland . Döllinger urtheilt über dieSymbolik"u. a. folgendermaßen:Es ist das beste Buch in dieserArt, und in gewissem Sinne noch immer einzig. Seitdem Erscheinen der Symbolik von Möhler haben wir ersteine Wissenschaft der Symbolik und haben ein klassischesBuch über dieselbe. Wir haben kein protestantischesBuch, welches verdiente, als Settenstück zum Möhler -schen Werke genannt zu werden. Meine Vortrüge sollenu. a. dazu dienen, das Verständniß des Möhler 'schenWerkes klar zu machen, oder auf manches hinzuweisen,was in demselben Übergängen oder nicht gehörig hervor-gehoben ist."

(Schluß folgt.)

Die Entstehung der Kaiserchnmik.

L. 8. Die sogenannte Kaiserchronik oder oronioa,wie sie sich selbst nennt der Name Kaiserchronik rührtvon Docen (1807) her ist das erste Geschichtswerk indeutscher Sprache und nimmt daher zunächst das Interessedes Geschichtsforschers in Anspruch. Aber auch der Literar-historiker hat Ursache, sich mit ihr eingehend zu beschäftigen,da sie eines der frühesten und obendrein umfangreichstenErzeugnisse der mittelhochdeutschen Literaturperiode istsie umfaßt, die späteren Fortsetzungen nicht miteingerechnet,17,283 Verszeilen und wegen ihres reichen Sagen-inhalts zu den beliebtesten Unterhaltungsbüchern desMittelalters gehörte, wie aus der großen Zahl der er-haltenen Handschriften (circa 30) und den mehrfachenUeberarbeitungen in Vers und Prosa hervorgeht. Zudemwurde sie wegen ihrer Tendenz zum Moralisiren sogarden deutschen Nechtsbüchern, welche unter dem NamenSachsenspiegel und Schwabenspiegel bekannt find, als