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Einleitung und Sittenspiegel für Richter und Könige
vorangeschickt . Umsomehr muß es auffallen , daß mau
erst im Jahre 1849 daran dachte , diese Neimchronik dem
deutschen Publikum durch Druck zugänglich zu machen .
Freilich erschienen wie zur Entschädigung zu gleicher Zeit
zwei Ausgaben , die beide in ihrer Art vortrefflich sind ,
nämlich :
1 . die Ausgabe des ( oom Wartburgfeste her be¬
kannten ) Jahnschülers Hans Ferdinand Maßmann * ) , der
seiner Publikation die Heidelberger Handschrift saeo . XIII
zu Grunde legte ;
- 2 . die Ausgabe von Josef Diemer ( Wien ) , der im
Jahre 1841 eine wichtige Handschrift im Stift Voran
in Steiermark entdeckt hatte ( die außer der Kaiserchronik
noch einige bis dahin unbekannte deutsche Gedichte des
11 . und 12 . Jahrhunderts enthielt ) und ihr als der
ältesten ( saso . XII ) den Vorzug gab .
In neuester Zeit endlich hat Edward Schröder
( Nou . Oerra . List . Deutsche Chroniken I . Bd . Hannover
1892 ) nicht nur einen geläuterten Text geliefert , son¬
dern auch in einer gediegenen Einleitung neues Material
zur Aufhellung der Entstehungsgeschichte der Kaiserchronik
zu Tage gefördert , ohne jedoch die Frage über die Person
des Autors zum völligen Abschluß zu bringen .
Um die Bedeutung des genannten Reimwerkes zu
ermessen , müssen wir einen Blick auf die litterarischen
Zustünde im 10 . und 11 . Jahrhundert werfen .
Nach dem kräftigen Anlauf , den die deutsche Dichtung
tm Zeitalter der Karolinger genommen hatte , trat unter
der Regierung der sächsischen und salischen Könige plötzlich
ein Rückschlag ein . Zwar war es auch jetzt noch der
Klerus , aus dem sich fast ausschließlich die Dichter re -
krutirten , aber er bediente sich seit dem 10 . Jahrhundert
nicht mehr der deutschen , sondern der ihm geläufigeren
lateinischen Sprache , welche in jener Zeit die alleinige
Schrift - und Gelehrtensprache war . Demzufolge prüsen -
tirte sich schon damals , wie später im Zeitalter der Hu¬
manisten , nicht nur das Heldenepos und das Kirchenlied ,
sondern auch die Lyrik und Spruchdichtung , ja sogar
das Drama und die Thiermäre mit ihrem satirischen
Beigeschmack in diesem fremdartigen Gewände , ohne daß
sich jedoch die deutsche Denkart der Dichter verläugnete .
Man denke nur an den oiannkortm des
Ekkehard von St . Gallen , den Iluvälisbus des Frou -
mund von Tegernsee , das lateinische Nibelungenlied des
Priesters Konrad ( aus Passau ) , die Sequenzen des Notker
Balbulus , die xrovsrffia und den tstwaloZus des Kanzlers
Wipo , die sariuing . Lurana, , die Dramen der Nonne
Hrotswitha von Gandersheim und ihr carinsii äs Zsstis
Oääonis , das oarmsii äs dsllo Laxornoo , die sogen ,
esdasis caxtivi u . a . m . Ihren Höhepunkt erreichte
diese lateinische Dichtung in den Huiriiuäia , des Dichters
Metellus von Tegernsee ( um 1160 ) , die an Formvollendung
hinter den Werken der Neulateiner nicht zurückstehen ( Nach¬
ahmung sämmtlicher Metren des Horaz und der Lusolioa ,
des Vergil ) , dem InZurinus des Mönches Guntherus von
Pairis im Elsaß ( einem Heldengedicht über die Thaten
Barbarossa ' s in Italien in 6 tausend antik gebauten
Hexametern ) aus dem Jahre 1187 , und dem Imäus äs
aävsntu Lntsobristi , einem Drama , das kurz vor dem
Aufbruche Barbarossa ' s nach dem gelobten Lande ( 1189 )
' ) Quedlinburg u . Leipzig . 2 Bde . Text ; ein dritter Band ,
der einen ungcmcin reichhaltigen Commentar bietet , erschien
ebenda 1854 .
im Kloster Tegernsee ( von dem Scholastikus WerinherS )
gedichtet und aufgeführt wurde .
Merkwürdiger Weise waren es nun aber die Wall¬
fahrten nach dem Grabe Christi und die Kreuzzüge , welche
eine Rückkehr zur volksthümlichen Dichtung bewirkten .
Insbesondere ist eine Pilgerfahrt vom Jahre 1064/65
für die deutsche Literaturgeschichte epochemachend geworden ,
da die Entstehung des ersten Liedes in mittelhochdeutscher
Sprache , von dem wir Kunde haben , damit zusammen¬
hängt . Im Jahre 1065 trat nämlich der ziemlich seltene
Fall ein , daß Ostern auf den 27 . März traf , d . h . mit
dem Kalendertag der rssurrsotio 6llristi zusammenfiel .
Daher machte sich um Martini 1064 eine ungewöhnlich
große Schaar von Pilgern aus Deutschland auf , um den
jüngsten Tag im gelobten Lande zu erwarten . Nach der
geringsten Schätzung belief sich die Menge auf 7000 ,
nach andern sogar auf 12,000 Mann . An der Spitze
derselben standen der Erzbischof Sigfried von Mainz ,
die Bischöfe Wilhelm von Utrecht , Otto von Negensburg
und Günther von Bamberg . Von dem letzteren nun ,
der durch seine Hünengestalt die Bewunderung der Griechen
und der Araber erregte , aber schon am 23 . Juli 1065
auf der Rückreise zu Oedenburg in Ungarn starb , wird
uns folgendes berichtet :
„ Der gute Bischof Günther von Babenberg ,
Der hieß machen ein viel gut Werk .
Er hieß da seine Pfaffen
Ein gut Lied machen .
Eines Liedes sie begunden ( begannen ) ,
Want ( Da ) sie die Buch künden ( kannten ) .
Ezzo ? ) begunde schreiben ( dichten ) ,
Wille 2 ) fand die Weise ( Melodie ) .
Da er die Weise da gewann ,
Da eilten sie sich alle münchcn " ( Mönche zu werden ) . * )
Das in diesen Versen angedeutete Gedicht des Scho -
lasticus Ezzo ( der noch heute erhaltene sogen . Ezzoleich )
war in deutscher Sprache abgefaßt und handelte von den
Wundern Christi . Es genügt , als Probe die Schlu߬
strophe desselben anzuführen :
„ Unsre Erlösung ist gethan !
Des loben wir Gott Vater all '
Und loben des auch seinen Sohlt ,
kro nobia orueiüxum .
Der dir Mensche wollte sein .
Unser Urtheil ( Gericht ) das ist sein .
Das dritte , der heilige Athem ( Geist ) ,
Der soll uns auch ( be ) gnaden .
Wir glauben , daß die Namen drei
Eine wahre Gottheit sei .
Also ( salls ) uns findet der Tod ,
So wird unS gelobnet .
Da ( wo ) wir den Leib nahmen
Dahin wieder ( zurück ) sollen wir . Amen . "
Damit war der Bann gebrochen , der bis dahin die
deutsche Dichtung einem Dornröschen gleich in Schlaf
befangen hielt , und wie bei einem Morgenconcert der
Vögel erst einer zu singen anhebt , allmählig aber immer
mehr einstimmen , bis ein mächtiger Chorus erschallt , in
den sich zuletzt auch der freche Spatz einmischt , so begann
es sich jetzt auch im deutschen Dichterhain zu regen . Ge¬
rade in der oben angeführten Vorauer Handschrift ist uns
eine Reihe solcher Gesänge aus der zweiten Hälfte deS
11 . Jahrhunderts und dem Anfang des 12 . Jahrhunderts
überliefert , deren Stoff meist aus der Bibel genommen
2 ) Ein Domherr aus Bamberg , der Bischof Günther auf
seiner Reise nach Palästina begleitet hatte .
° ) Abt von Kl . Micbclsberg bei Bamberg 1032 — 1085 .
" ) Des besseren Verständnisses halber haben wir die mittel¬
hochdeutschen Verse hier und im Folgenden etwas mvdermsirt «