Ausgabe 
(8.5.1896) 19
 
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Einleitung und Sittenspiegel für Richter und Königevorangeschickt. Umsomehr muß es auffallen, daß mauerst im Jahre 1849 daran dachte, diese Neimchronik demdeutschen Publikum durch Druck zugänglich zu machen.Freilich erschienen wie zur Entschädigung zu gleicher Zeitzwei Ausgaben, die beide in ihrer Art vortrefflich sind,nämlich:

1. die Ausgabe des (oom Wartburgfeste her be-kannten) Jahnschülers Hans Ferdinand Maßmann *), derseiner Publikation die Heidelberger Handschrift saeo. XIIIzu Grunde legte;

- 2. die Ausgabe von Josef Diemer (Wien ), der imJahre 1841 eine wichtige Handschrift im Stift Voranin Steiermark entdeckt hatte (die außer der Kaiserchroniknoch einige bis dahin unbekannte deutsche Gedichte des11. und 12. Jahrhunderts enthielt) und ihr als derältesten (saso. XII) den Vorzug gab.

In neuester Zeit endlich hat Edward Schröder (Nou. Oerra. List. Deutsche Chroniken I. Bd. Hannover1892) nicht nur einen geläuterten Text geliefert, son-dern auch in einer gediegenen Einleitung neues Materialzur Aufhellung der Entstehungsgeschichte der Kaiserchronikzu Tage gefördert, ohne jedoch die Frage über die Persondes Autors zum völligen Abschluß zu bringen.

Um die Bedeutung des genannten Reimwerkes zuermessen, müssen wir einen Blick auf die litterarischenZustünde im 10. und 11. Jahrhundert werfen.

Nach dem kräftigen Anlauf, den die deutsche Dichtungtm Zeitalter der Karolinger genommen hatte, trat unterder Regierung der sächsischen und salischen Könige plötzlichein Rückschlag ein. Zwar war es auch jetzt noch derKlerus, aus dem sich fast ausschließlich die Dichter re-krutirten, aber er bediente sich seit dem 10. Jahrhundertnicht mehr der deutschen , sondern der ihm geläufigerenlateinischen Sprache, welche in jener Zeit die alleinigeSchrift- und Gelehrtensprache war. Demzufolge prüsen-tirte sich schon damals, wie später im Zeitalter der Hu-manisten, nicht nur das Heldenepos und das Kirchenlied,sondern auch die Lyrik und Spruchdichtung, ja sogardas Drama und die Thiermäre mit ihrem satirischenBeigeschmack in diesem fremdartigen Gewände, ohne daßsich jedoch die deutsche Denkart der Dichter verläugnete.Man denke nur an den oiannkortm des

Ekkehard von St. Gallen, den Iluvälisbus des Frou-mund von Tegernsee , das lateinische Nibelungenlied desPriesters Konrad (aus Passau), die Sequenzen des NotkerBalbulus , die xrovsrffia und den tstwaloZus des KanzlersWipo, die sariuing. Lurana,, die Dramen der NonneHrotswitha von Gandersheim und ihr carinsii äs ZsstisOääonis, das oarmsii äs dsllo Laxornoo, die sogen,esdasis caxtivi u. a. m. Ihren Höhepunkt erreichtediese lateinische Dichtung in den Huiriiuäia, des DichtersMetellus von Tegernsee (um 1160), die an Formvollendunghinter den Werken der Neulateiner nicht zurückstehen (Nach-ahmung sämmtlicher Metren des Horaz und der Lusolioa,des Vergil), dem InZurinus des Mönches Guntherus vonPairis im Elsaß (einem Heldengedicht über die ThatenBarbarossa's in Italien in 6 tausend antik gebautenHexametern) aus dem Jahre 1187, und dem Imäus äsaävsntu Lntsobristi, einem Drama, das kurz vor demAufbruche Barbarossa's nach dem gelobten Lande (1189)

') Quedlinburg u. Leipzig . 2 Bde. Text; ein dritter Band,der einen ungcmcin reichhaltigen Commentar bietet, erschienebenda 1854.

im Kloster Tegernsee (von dem Scholastikus WerinherS)gedichtet und aufgeführt wurde.

Merkwürdiger Weise waren es nun aber die Wall-fahrten nach dem Grabe Christi und die Kreuzzüge, welcheeine Rückkehr zur volksthümlichen Dichtung bewirkten.Insbesondere ist eine Pilgerfahrt vom Jahre 1064/65für die deutsche Literaturgeschichte epochemachend geworden,da die Entstehung des ersten Liedes in mittelhochdeutscherSprache, von dem wir Kunde haben, damit zusammen-hängt. Im Jahre 1065 trat nämlich der ziemlich selteneFall ein, daß Ostern auf den 27. März traf, d. h. mitdem Kalendertag der rssurrsotio 6llristi zusammenfiel.Daher machte sich um Martini 1064 eine ungewöhnlichgroße Schaar von Pilgern aus Deutschland auf, um denjüngsten Tag im gelobten Lande zu erwarten. Nach dergeringsten Schätzung belief sich die Menge auf 7000,nach andern sogar auf 12,000 Mann. An der Spitzederselben standen der Erzbischof Sigfried von Mainz,die Bischöfe Wilhelm von Utrecht , Otto von Negensburgund Günther von Bamberg. Von dem letzteren nun,der durch seine Hünengestalt die Bewunderung der Griechenund der Araber erregte, aber schon am 23. Juli 1065auf der Rückreise zu Oedenburg in Ungarn starb, wirduns folgendes berichtet:

Der gute Bischof Günther von Babenberg,

Der hieß machen ein viel gut Werk.

Er hieß da seine PfaffenEin gut Lied machen.

Eines Liedes sie begunden (begannen),

Want (Da) sie die Buch künden (kannten).

Ezzo?) begunde schreiben (dichten),

Wille 2) fand die Weise (Melodie).

Da er die Weise da gewann,

Da eilten sie sich alle münchcn" (Mönche zu werden). *)

Das in diesen Versen angedeutete Gedicht des Scho-lasticus Ezzo (der noch heute erhaltene sogen. Ezzoleich)war in deutscher Sprache abgefaßt und handelte von denWundern Christi. Es genügt, als Probe die Schluß-strophe desselben anzuführen:

Unsre Erlösung ist gethan!

Des loben wir Gott Vater all'

Und loben des auch seinen Sohlt,kro nobia orueiüxum.

Der dir Mensche wollte sein.

Unser Urtheil (Gericht) das ist sein.

Das dritte, der heilige Athem (Geist),

Der soll uns auch (be)gnaden.

Wir glauben, daß die Namen dreiEine wahre Gottheit sei.

Also (salls) uns findet der Tod,

So wird unS gelobnet.

Da (wo) wir den Leib nahmenDahin wieder (zurück) sollen wir. Amen."

Damit war der Bann gebrochen, der bis dahin diedeutsche Dichtung einem Dornröschen gleich in Schlafbefangen hielt, und wie bei einem Morgenconcert derVögel erst einer zu singen anhebt, allmählig aber immermehr einstimmen, bis ein mächtiger Chorus erschallt, inden sich zuletzt auch der freche Spatz einmischt, so begannes sich jetzt auch im deutschen Dichterhain zu regen. Ge-rade in der oben angeführten Vorauer Handschrift ist unseine Reihe solcher Gesänge aus der zweiten Hälfte deS11. Jahrhunderts und dem Anfang des 12. Jahrhundertsüberliefert, deren Stoff meist aus der Bibel genommen

2) Ein Domherr aus Bamberg , der Bischof Günther aufseiner Reise nach Palästina begleitet hatte.

°) Abt von Kl. Micbclsberg bei Bamberg 10321085.

") Des besseren Verständnisses halber haben wir die mittel-hochdeutschen Verse hier und im Folgenden etwas mvdermsirt«