Ausgabe 
(12.6.1896) 24
 
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Herrn Pros. von Török hören die LebcnSfunktionen nicht aus,sondern werden nur herabgesetzt, der Sarg wird nicht ver-schlossen. Kühn und Pros. Nüdinger weisen die Ansicht, daßeS sich hier um eine mystische Kraft der Seele bandle, ent-schieden zurück. Der Vorsitzende dankt nochmals den Rednerndes Abends und schließt für Heuer die Vortragsabende.

Recensionen und Notizen.

Frox 1996. rHx'Larcar" 1996.

8° x. 490. är. 4..

a. Unter der Kalenderliteratur, mit der wir bei jedemJahreswechsel überschwemmt werden, nimmt auch ein uns zu-gegangenerJllustrirter Volkskalender auj'S Jahr 1896" ingriechischer Sprache einen ehrenvollen Platz ein. Er nennt sichund wird (Heuer im zweiten Jahrgang) von denausgezeichneten Philologen und Schriftstellern Drosinis undKasdoniS herausgegeben; hergestellt ist derselbe in der Druckereider Zeitung ,/Dort'a", eines sehr empschlenswerthen, ganz ausder Höhe der Zeitforderungen siebenden Blattes, dessen Mit-arbeiter die bedeutendsten Schriftsteller Griechenlands sind. Nichtschleckt sind die Bilder des Kalenders (Landschaften, Porträte),besonders aber ist sein Lese-Inhalt ein so reicher, daß ihn derBesitzer wohl noch auch für spätere Jahre aufzuheben der MüheWerth finden wird: Wir finden außer den Zeittabellcn darinAstronomisches, Geschichtliches, Politisches, Erzählungen undGedichte, sogar eine ganze Komödie in der Volkssprache. Derbunte Wechsel des Gegenstandes wie des Stiles macht dieLektüre sehr unterhaltend und anregend, besonders für die stu-dirende Jugend, welche hier ein paar Mark besser anwendenkönnte, als mit manch anderer unvernünftiger Ausgabe. Manbezieht das Buch (gegen 3 M. 40 Pf.) am einfachsten durch dieBuchhandlung von M. Spirgatis in Leipzig .

Nationale Wohnungsreform. Von PaulLechler undAlbert Schäffle , K. K. Minister a. D. Verlag vonErnst Hofmann u. Co. in Berlin 8^V. 48. Preis 1 M.

Die vorliegende Schrift beschreibt in fesselnder Weise undmit klaren Zügen einen Weg zur Lösung der Wohnungsfrage.Sie beginnt mit einer Schilderung der Wohnungsnoth undihrer Gefahren, bespricht im Einzelnen die bisherigen Versucheund kommt dann in logischer Gedankenfolge darauf, daß beider weiten Ausdehnung der Wohnungönoth nur mit Antheil-nahme des Staates eine durchgreifende Abhilfe geschaffen werdenkönne. Die folgenden Capitel enthalten einen genau durchdachtenund unschwer ausführbaren Plan. Der Vorschlag geht davonaus, daß eine nationale Wohnungsreform für den Staat keinerleinennenSwcrthe Opfer erheische, daß nur der Staat seinen Crediteinzusetzen habe, um, ohne Belastung der Steuerzahler, eineOrganisation durchzuführen, welche die brennendste aller socialenFragen in wirthschaftlicher und moralischer Beziehung zu lösenim Stande sei. Die treffliche Schrift ist durch den Anhang ausder Feder eines unserer bedeutendsten VolkSwirtbschaftS- undStaatSkenner, des bekannten Ministers a. D. Dr. Albert Schäffle bereichert, der die Lcchlcr'schen Ausführungennicht blos alskerngesund, sondern als den einzig praktisch zielführlichen Wegzur Lösung der Wohnungsfrage im großen Stil" bezeichnet.

Cochem , k. Martin von, Orä. 6ap. Herziges Büchleinoder herzliche Anmuthungcn, Betrachtungen und Gebete.Nach der Originalausgabe aus dem Jahre 1699 her-gestellt durch ?. Bcnedikt von Calcar, Orit. 6ap.7. Auflage^ Mit kirchlicher Approbation. 16. (XVIHund 248 L>.) geh. 90 Pfg., gebunden in Halbleinwand1 M. 20 Pf. Mainz . Franz Kirchheim. 1996.

Aus der großen Zahl der vortrefflichen Werke des sei.?. Martin von Cochem aus dem Kapuzinerorden bietetf k. Bcnedikt von Calcar allen Christen das vorliegende, bisvor wenigen Jahren völlig unbekannte Original-Büchlein dar,welches er unter dem TitelHerziges Büchlein" imJahre 1699 niedergeschrieben, und der Acbtissin des adeligenStiftes Oehren gewidmet hat. Beim Lesen dieses Büchleinssteigt vor unserem Geiste auf das Bild des in das innerlicheGebet versenkten hciligmäßigen Paters, und wunderbar ergreiftuns die Lebendigkeit seines Glaubens, die Festigkeit seines Ver-trauens, die Gluth seiner Liebe zu Gott . Wohl weicht seineBetrachtungsweise von der gewöhnlichen ab. Wer sie aber eine

Zeit lang übt, wird bald erkennen, wie sehr k. Martin vonCochem die wahren Bedürfnisse des menschlichen Herzens ver-standen und die denselben entsprechende Betrachtungsweise ge-funden, selbst geübt und gelehrt hat.

Einführung in die Musik von Adolph Pochhammer.Preis gebunden Mk. 1.. (Verlag desMusikführer",H. Bechhold. Frankfurt a. M.)

Ein prächtiges Büchlein liegt vor uns, ein Werk, das allesenthält, was der Musikfreund von der Musik wissen sollte:die Hauptpunkte der Musikgeschichte, die Elemente der prak-tischen und theoretischen Musik, die Musik-Instrumente undihre Anwendung. Wer hat nicht schon vergeblich Er-klärung von Begriffen wie Tonic«, Dominante, Contrapunkt ,Orgelpunkt, Suite, Fuge und vielen anderen Kunstausdrückengesucht? sie sind alle in einer auch für den weniger musikalischGebildeten faßlichen Weise erklärt. Zum Schluß enthält dasWerk, das sich durch Klarheit der Darstellung auszeichnet, nochein vollständiges musikalisches Lexikon. Das Büchlein ist rechthübsch ausgestattet und außerordentlich billig.

Wie kommt man mit Wenigem aus?" so betitelt sicheine kleine instruktive Schrift von Julie Navit einepraktische Anleitung zur häuslichen Geldwirihschaft undBuchführung. (Verlag von Lipsius L Tischer inKiel ; Preis 50 Pfg., bei 10 Exemplaren 30 Pfg.)

Die Verfasserin ist seit Jahren die Leiterin einer städtischenHauShaltungSschule und theilt aus ihrer reichen Erfahrung auf61 Seiten das Wesentlichste der Hauswirthschaft mit. DasBüchlein enthält einen Voranschlag für ein Einkommen von2000 Mark und 900 Mark für einen anfangenden Hausstand,sowie die Beschaffung einer Aussteuer für die erste Einrichtungzu 3000 Mark, ferner Voranschläge für alleinstehende Personen,für Dienstboten und endlich die Einrichtung für eine geregelteBuchführung. Sehr werthvoll, geradezu mustergiltig, sind diein einem Anhang hergegebenen Muster für Aussteuern zu3000 Mark und 800 Mark, sowie die Anlage eines vom Haus-herrn zu führenden Hauptbuches und eines von der Hausfraugeführten Wirthschaftöbuckes.

Mrscellen.

(Ueber die socialpolitische Thätigkeit derka-tholischen Kirche ") äußert sich in Conrad'sJahrbüchernsür Nationalökonomie und Statistik" der protestantischeBreslauer Professor Eliesier folgendermaßen:Die Stellung,welche der deutsche Katholizismus der Arbeiterfrage gegenübereingenommen hat, ist eine entschieden achtunggebietende, ist einesolche, die ihm meines Dafürhaltens eine weitere Entwickelungfür die Zukunft sichert. Die Centrumspartei ist zur Zeit weitniehr eine sociale, als eine kirchliche Partei. Durch die Für-sorge, die sie den arbeitenden Classen schenkt, gewinnt sie dieStimmen der niederen BevölkerungSschickten. Das Haupt-mittel dazu ist zweifellos die vortrefflich organisirteSeel sorge. Denn Thatsache ist, daß der Kaplau der einzigeist, der Herz zum Herzen mit dem Arbeiter redet, Frau und KindernRath ertheilt, sie im Unglück aufrichtet, ihnen Segen, Trost undAlmosen spendet. Ihm ist keine Stube zu eng, kein Arbeiterzu arm, kein Stolz hält ihn ab, selbst mit einem hcrabgekom-mcnen Manne zu reden. Nicht auf dem kalten, dogmatischenWege, sondern durch werkthätige Liebe wird das Volk imGlauben erhalten und dazu bekehrt. . . . Der Kaplan in denkatholischen Gebietstheilen hat in vielen Fällen Unterricht inden socialen und wirthschafllichen Fragen erhalten, und steht,weil er die Wünsche und Bedürfnisse des Arbeiterstandes kennt,demselben um Erhebliches näher, als andere. Haben doch mehrerekatholische Geistliche speciell Nationalökonomie studiren müssen;einzelne sind auf Reisen in Jndustriebczirke geschickt, nur umdort die Lage der arbeitenden Classen an Ort und Stelle auseigener Anschauung kennen zu lernen. Von allem dem ist beiuns (Protestanten) keine Rede. . . . Die mächtige sociale Be-wegung unserer Zeit ist nicht ein Paroxismus, der vorüber-gehen wird, sondern bekundet einen Fortschritt in der Ent-wickelung des VölkerlebcnS. Aufgabe der Kirche ist es. sich mitdieser Bewegung zu verständigen. Die Zeit wird dann lehren,ob sich auch heute noch jene viclverheißendcn Worte umdas Kreuz bewahrheiten werden:In diesem Zeichen istder Sieg!"

Veranttv. Redacteur; Air. Haas in Augsburg. 77- Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabbcrr in Augsburg .