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und Zu einem Cülturfaktor gemacht, so ist heute noch fürgewisse Arien des festen Besitzes, für Wald, Weide undWasser das Princip dcs kommunalen oder korporativen,Eigenthums hochzuhalten. Dieser Auffassung entsprichtauch das alte deutsche Recht. Wald, Weide und Wasserwaren bekanntlich im Mitielalter „gemeine Nutzungenaller Markgenossen".
Gerade beim Walde tritt die Verderblichkcit derindividualistischen Theorie dcs Liberalismus, die Schädlich-keit der Verfolgung des Privatinteresses gegenüber demGemeinwohl, auffallend zu Tage. Die Erklärung desWaldes zum freien Privatcigcnthum bedeutet den Unter-gang der Forste und damit den Untergang der Frucht-barkeit des Landes. Der Wald ist wie kaum etwasanderes ei nwichtigerFaktord es Gemein Wohlesund soll niemals der freien privaten Benutzung, demPrivatinteresse und der privaten Spekulation ausgeliefertwerden. Der Privatbesitzer, welcher seinen Waldkomplexausrottet, schädigt in den meisten Fällen damit die an-grenzenden Besitzer und das umliegende Land, dem er dieFeuchtigkeit entzieht oder das er den Stürmen preisgibt.Am Walde haben alle ein Interesse, Gemeinde, Staatund das ganze Volk; ein Volk, welches noch einenreichen Waldbestand besitzt, hat damit in gewissem Sinneseine Zukunft garantirt.
So sehr die Forstrechte der einzelnen Landgemeindenhochzuhalten sind, eben so sehr ist die Auslieferung dcsWaldes an die Privaten und die private Willkür Zu ver-nrtheilen. Der Mensch soll nur vorübergehender Nutz-nießer der Erde und kein Verwüster derselben sein.Der Wald ist nicht nur für das gegenwärtige Geschlecht,er ist für alle Geschlechter und für alle Zeiten vorhanden.Wir dürfen nicht nach dem brutalen Grundsätze:nvus lo ciäluAö! handeln und in herzloser Verfolgungdes privaten und zeitlichen Interesses den Enkel berauben.Wir sollen den Wald nur ideell, nicht wirklich theilen.Wir müssen uns abgewöhnen, Grund und Boden vomindividualistischen und kapitalistischen Standpunkt aus zubetrachten. Grund und Boden repräseniirt keine Waareund kein Stück Geld, sondern ein Stück des allen ge-meinsamen Vaterlandes. Grund und Boden, und damitauch der Wald, ist kein Spielball kapitalistischer und per-sönlicher Speculation, sondern das festeste Fundamentdes allgemeinen Wohles.
(Fortsetzung folgt.)
Zm Mm'.ritinsfmge.
Von Adam Hirsch mann, Pfarrer in Schöuseld.
Die Kontroverse über die Märtyrer von Agannumscheint nicht zum Abschlüsse kommen zu wollen. Neuer-dings liegen zwei wissenschaftliche Publikationen H überden hl. Mauritius und seine Genossen vor, welche wenigerdarauf gehen, neues Material zu bieten, als einen Ueber-blick über den Stand der Frage zu gewähren.
I. Schmid, Professor der Theologie und Domherrin Luzern , erzählt zuerst den wesentlichen Inhalt derAufzeichnung des Eucherins, Erzbischofes von Lyon434—450, der von Jsaar, Bischof von Genf , und Theodor,Bischof von Oktodurum, welcher am Grabe der Thebäergegen 350 die erste Kirche erbaut hatte, über das Er-eigniß von Agannum glaubwürdige Nachrichten erhalten
' ') Schmid, Der bl. Mauritius und seine Genossen. Luzern ,1895, Näber. 31 Seiten. Berg, Der hl. Mauritius und diethebäische Legion . Halle a. S-, Mühlmann's Verlagsbuchhand-lung, 1895. 59 Seiten.
hatte. Daran reiht sich eine kurze Notiz über die zwekkeRecension des Anonymus von Agannum, welcher die The-bäer in Jerusalem getauft werden und in Rom mit PapstMarccllinus zusammentreffen läßt, zugleich die christlichenSoldaten gegen die Bagauden verwendet wissen will.
Mit vollem Recht bemerkt Schmid, daß gerade dieJdentisicirung dieses späteren Berichtes mit der eucheri-anischen Passion die meiste Verwirrung in die Unter-suchung über die Wahrheit des Martyriums der Thebäergebracht habe und für viele Forscher Ursache zur Ver-werfung der ganzen Ueberlieferung geworden sei.
Die Dichter des Mittelaltcrs, die Martyrologicnund Kalendarien schloffen sich fast ausnahmslos an diezweite Recension an, deren Widersprüche den Zorn dcskalvinischen Predigers Armand Dnbourdicu 1705 heraus-forderten, so daß er die ganze Tradition als unhaltbarverwarf. Ihm traten entgegen Jos. de l'Jsle 1737,Elens in dem großen Sammelwerke der Bollandisten (Illans. Faxt. VI iora. zum 22. September) 1757, DeNivaz 1779, der wohl die beste Vertheidigung der vonSpreng 1756 zu gemeinen Wegelagerern herabgedrücktenThebäer geschrieben hat.
Im 19. Jahrhunderte holte Nettberg aus der Rüst-kammer Dubourdicus mit völliger Jgnorirung der Ar-beiten von Cleus und De Nivaz die längst widerlegtenArgumente hervor, fand aber an Braun, Gilpke, Fried-rich, Lütolf schlagfertige Gegner. In neuester Zeit habenDucis, Montmälian, insbesondere Allard ihre Feder inden Dienst der Vertheidigung für die Wahrheit dcseucherianischen Berichtes gestellt, während Hunziker undStolle zwar an der Glaubwürdigkeit des Eucherins nichtrüttelten, aber gleichwohl die Zahl der Märtyrer aufeinige wenige Offiziere und Soldaten herabzudrückensuchten.
So hat Schmid uns ein getreues Bild von demüterarischen Kampfe für und gegen die Thebäer gezeichnet,wir haben keine der erschienenen Schriften bei ihmvermißt.
Gleiches Lob hinsichtlich der Kenntniß und Be-nützung der einschlägigen Literatur können wir Bergnicht zutheilen, obgleich es der Verfasser S. 13 als seineAufgabe bezeichnet: „den gegenwärtigen Stand der Unter-suchung darzulegen, Wind und Sonne noch einmal zutheilen und soviel als möglich den historischen Kern derLegende zu ermitteln". So kennt Berg die eingehendenStudien des französischen Geschichtsschreibers Paul Allardsnicht, der die Anschauung vertritt, daß bei St. Mauricenur ein Hilfscorps (vexillatlo) der Wuth des rohenMaximian zum Opfer gefallen sei. Auch die Arbeitenvon Stolle und Schmid sind dem Oberpfarrer von Pyritzentgangen. Aber dessen ungeachtet wagt er die kühneBehauptung, daß die katholischen Historiker, ohne Zweifelaus Rücksicht auf das Tridentinum, °) es sich zur Aufgabe
2) Die Angäbe Seite 10 Anm. 7 aus dem LlartzeroloZina,Ui6ronz'iina.mmi ist jetzt nach der inzwischen erschienenen Aus-gabe desselben von De Noffi und Dnchesne im II. November-bande der Leta Lauetormu xag-. 124 (auch separat) zu ver-bessern.
o) In der Anm. 2 Seite 11 weiß Berg zu berichten, daßjede Kritik dcs Lebens, der Reliquien eines Märtyrers oderHeiligen, die nicht aus eine Glorification desselben hinausläuft,für den Katholiken ein äanmanelnm sei, sein Buch in den Indexbringe. Aber zu Gunsten der Bollandisten muß Berg selbsteine Ausnahme zugestehen. Wir haben auch nicht gehört, daßStolberg , der in seiner „Geschichte der Religion Jesu" dieThatsächlichkcit des Martyriums der Thebäer leugnete, oderKnöpfler, der in dem Lehrbuch der Kircheugcschichte Seite 59