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zehnmal mehr Fragen geknüpft werden könnten, als dergründlichste Kenner des Biencnlebens beantworten kann.Uns ist es für jetzt nnr um ein Beispiel zu thun, dasuns schlagend zeigt, wir haben eS bei den verschiedenstenThiergattnngen mit instinktiven Kräften zu thun, dieuns zu der Annahme einer besonderen seelischen Begabungder Thiere unweigerlich zwingen.
Um nun das Wesen dieser besondern Begabungrichtig zu erkennen, überblicken wir kurz daZ ganze Ge-biet der seelischen Thätigkeit. Nach drei Seiten äußertsich die Wirksamkeit der menschlichen Seele, nämlich alsDenk-, Gefühls- und Begehrungsvermögen, und diesedrei Kräfte haben im Thiere in gewissen Schranken ihreAnalogien, und gerade auf diese Schranken kommt es an.
Kann dein Hund denken? Diese hochinteressanteFrage tritt oft an uns heran. Sie muß durchaus ver-neint werden, und in dem engeren Sinne des Wortes„denken" mit vollem Rechte. Allein der Begriff „denken"umfaßt vielerlei: Gedächtniß, Phantasie, Verstand undVernunft. Die unterste dieser vier Stufen, das Gedächt-niß, kommt dem Thiere zu, und zwar in einem beschränktenMaße, nämlich als Gedächtniß mechanischer Bewegungen.Das beweist schon jener Hund, der, als er einmal diePforte zu offnen durch Zufall gelernt hatte, sie fernerzu offnen wußte. Herr Z. verkaufte ein Pferd. Jahreund Tage vergingen; er hatte längst seinen Fuchs ver-gessen. Da fährt eines Tages der Käufer am Gutshofevorüber, und ehe er sich's versieht, ist der Fuchs durchdas Thor auf den Hof getrabt. „War das nicht unseralter Fuchs?" fragte der Herr den Kutscher. „Ja wohl",sagt der, „er muß unsern Hafer noch nicht vergessenhaben." „Wie lauge ist es denn her, daß er nicht mehrauf dem Hof war?" „Das muß ja wohl schon an diezehn Jahre sein," lautete die Antwort. Auch das histor-ische Wiehern des Pferdes, das dem Darms, det HystaSpes Sohn, die persische Königskrone einbrachte, war Sachedes Gedächtnisses.
Aber kann dein Hund fühlen? will ich nun einmalfragen. „Ohne Zweifel," entgeguet jeder, der einenHund besitzt. Aber was kann er denn fühlen? Schlägethun ihm weh, und Liebkosungen thun ihm wohl, mitandern Worten: das Thier empfindet sinnlichen Schmerzund sinnliche Lust. Damit ist aber auch sein Gefühls-vermögen zu Ende. Diese Gesühlsthätigkeit bezeichnetabermals die unterste Stufe einer Leiter, auf der wirhöher hinauf Gefühle für das Schöne und Häßliche, fürdas Wahre und Unwahre, für Recht und Unrecht,Pflichtgefühl und — je mehr diese alle abgestumpft sind— Selbstgefühl finden, die sämmtlich nur dem Menscheneignen.
Aber endlich: kann dein Hund etwas begehren?Die Frage ist fast lächerlich. Begehrt er denn nichtFutter und, wenn er angelegt wird, Freiheit? Wohl.aber damit ist die Frage noch nicht beantwortet. DennBegehrungsvermögen ist Trieb, dann Willkür und zuletztfreier Wille; und wiederum kommt die unterste Stufevon diesen dreien den; Thiere zu. Es regt sich in ihmder Trieb zur Fortpflanzung, und dieser geht auf dieErhaltung des Individuums. Nun sind wir offenbardem Begriff des Instinkts nahe, denn alles, was wir sonennen, dient diesen beiden Zwecken: der Sclbsterhaltuugund der Erhaltung der Gattung. Der Instinkt erscheintrecht eigentlich als die Kraft, die in dem Kampf um dasDasein auch dem schwächsten Geschöpf die Existenz sichert,indem sie ein Gegengewicht bildet gegen die Uebermacht
der sinnlichen Triebe. So ist er denn im Grunde einangeborenes AhiinngsverMögen für das zur Selbst-erhaltung Dienliche.
Dieses Ahnnngsvermögen ist im Thier weit ent-wickelter und reger als bei uns Menschen. Und das hatseinen Grund. Auch in uns gibt es instinktive Ahn-ungen; aber der Instinkt unserer Seele wird durch dasUeberwiegen der Entwicklung des Erkenutuißvermögensvon Hause aus weniger geweckt, durch das Urtheilen ausGründen überall zurückgedrängt, zumal aber durch dieEntscheidung unseres Willens durchweg geradezu aufge-hoben. Beim Thiere dagegen, durch alle diese Faktorenunbeeinflußt, entfaltet er sich frei und wirkt frei; dasThier findet ohne Erfahrung, ohne Schlüsse, ohne Wahldie seinem Zweck dienenden Mitte! und Wege.
Dennoch ist etwas dem thierischen Instinkt Achn-liches in unserer Seele vorhanden, ich meine die Anti-pathien und Sympathien. Vermöge dieser unwillkürlichenZu- und Abneigungen ahnen auch wir Gutes und Böses,das sich uns naht, ohne uns der Gründe dieserAhnungen bewußt zu werden. Hieraus erklären sich zweiThatsachen. Einmal die, daß auf niederen Stufen dergeistigen Entwicklung, wie bei Ungebildeten und beiKindern, der Instinkt stärker ist, als bei geistig ent-wickelten Menschen. Es gilt auch hier das inhaltsreicheWort:
„Was kein Verstand dcr Ncrstäiidiacn ficht,
Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüth."
Sodann, daß das vollkommenste Maß des Instinktesgerade der Thierwclt gegeben ist, weil er in ihrem Seelen-leben die Ueberlegnng und den Willen gewissermaßen er-setzen soll.
Cuvier, ' dcr von den Darwinisten verspotteteForscher, sieht offenbar zehnmal schärfer, als seine vonVorurteilen geblendeten Gegner, wenn er sagt: „DieThiere werden beim Instinkt gleichsam von einer ange-borenen Idee als einem Traum verfolgt. DaZ, wasdiesen Traum erregt, kaun nur die nach vernünftigenGesetzen wirkende, organisirende Kraft, die Endursache desGeschöpfes selbst sein." Gewiß, nur nicht occasioualistisch,in jedem einzelnen Falle, sondern wie Professor Wigandsagt: „So gewiß, wie in der Natur alles göttliche Thatist, so gewiß geht in der Natur alles natürlich her. Gott hat durch freie That die Gesetze so gesetzt, daß in demgesetzmäßigen Verlauf gerade sein Wille sich verwirkliche."*)Man könnte auch sagen: Gott hat beim Akte dcr Schöpfungjede Thiergattung mit dem ihr eigenthümlichen Instinkteals einer originalen, bleibenden Mitgift begabt.
Da nun aber in der Thierwclt für den Zweck derErhaltung der Gattung die Erhaltung des weiblichen Jn-! dividuums von größerer Wichtigkeit ist, als die des männ-lichen, und die Erhaltung der Gattung wenigstens dieeine Seite, wie wir sahen, des Zweckes alles Instinktesist, so scheint es, als ob durchweg in dcr Thierwelt derInstinkt des Weibchens lebhafter und feiner ist, als derdes Männchens. Ganz ausfallend ist diese Erscheinungbei den Bienen. Während die Drohne überwiegend„dick, dumm und gefräßig" erscheint, zeigt sich dieKönigin, um das mindeste zu sagen, graziös in ihrenBewegungen, schüchtern und scheu vor jeder Beobachtung,waS aber die Existenz des Volkes betrifft, vielfach soklug und berechnend, daß es nicht mehr bloß wunderbar,sondern geradezu erstaunlich ist. Um nur eines cmzn-
*) Zntfragcn dcS christlichen VvlkcS. Bd. III, 5 und 6.