Ausgabe 
(10.7.1896) 28
 
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kip. 28

10. M 1896.

Friedrich Nietzsche.

Ein Antichrist der Gegenwart.

Von Joseph Popp.

Er wird Reden gegen den Allerhöchsten c>us-stotzen, und die Heiligen des Allerhöchsten auf-reiben, und wird meinen, Zeit und Gesetz ändernzu können: sie werden in seine Hand gegebenwerden bis auf eine Zeit und zwei Zeiten undeine halbe Zeit. Und das Gericht wird sichsetzen, damit die Gewalt ihm genommen, zer-schlagen und vollends vernichtet werde."

Dan. VII. 25.

Diese großartige Vision des Propheten Daniel, inwelcher er den Antichrist in seinem vorübergehenden Siegund dauernden Untergang schaut, paßt ganz genau aufden Modephilosophen der Gegenwart, auf Friedrich Nietzsche,der als letztes Werk einenAntichrist" veröffentlicht, sichselber also nannte und in diesem Namen sich rühmte.

Er meinte. Alles ändern zu können; eineUm-werthung sämmtlicher Werthe" war sein titanenhaftesUnterfangen mancher hat sich in seine Kreise lockenlassen, immer mehr folgen; Nietzsche selber liegt mit ge-brochenen Schwingen auf der Erde er ist seit siebenJahren wahnsinnig.

Ob Nietzsche zum Antichrist überhaupt wird, ist nichtdeutbar; sein Geist aber ist der Geist des Antichrist:leidenschaftlichster Gotteshaß klingt aus dieser mänadischcnSeele in hundert Tönen.

Man kann Nietzsche unter den verschiedensten Ge-sichtspunkten betrachten, wie denn auch eine fast unüber-sehbare Hochfluth von Artikeln, Essays, Studien, Bro-schüren und Büchern sich des Mannes bemächtigt, umdessen Einfluß auf die Gegenwart zu schildern.

Wir betrachten das Individuum Nietzsche psychologisch-psychiatrisch, weil seine Ideen ihren Untergrund nicht inobjectiv Gegebenem, sondern in den persönlichen Empfind-ungen und Anschauungen einer krankhaften Natur haben;auch erweitert sich dadurch unsere Nietzsche-Studie mühe-los zu einer cultur-psychologischen Skizze des modernenGeisteslebens, dessen concreteste Erscheinung unser Philo-soph ist.

Nietzsche's Person und Art, seine Ideen und derenEinfluß auf die Gegenwart sollen im Folgenden skizzirtwerden.

I.

Fr. Nietzsche's Person und Art.

. Friedrich Wilhelm Nietzsche wurde geboren am 15.Oktober 1844 zu Röcken bei Lützen . Sein Vater warstreng lutherischer Pfarrer. Für einen Culturpsycho-logen ohne Arbeit wäre es ein interessanter Stoff, fest-zustellen, warum soviele Freigeister aus den Pasioren-häusern Deutschlands hervorgegangen sind. SeineSchulbildung empfing der Knabe in Schulpforta undging dann als Student der klassischen Philologie nachBonn , wo der berühmte Nitschl als Lehrer wirkte.Dieser gewann den jungen Nietzsche bald lieb als dengeistvollsten aller seiner bisherigen zahlreichen Schüler.Als der Lehrer nach Leipzig übersiedelte, folgte ihm seintreuer Jünger nach. Dort lernte Nietzsche den Com-ponisten Wagner und dessen Musik kennen, für die erbald im hellsten Enthusiasmus schwärmte; selber einguter Musiker, war die Art dieser Tonkunst für denjungen Mann mit dem gährenden Herzen eine freudigeGelegenheit, sich auszuschwelgen. Daher seine Aeußerung:

Ich wüßte nicht, auf welchem Wege ich je des reinstensonnenhellen Glückes theilhaftig geworden wäre, als durchWagners Musik."

Im Jahre 1869 wurde der junge Philologe, ohneseine Studien mit der obligaten Promotion abgeschlossenzu haben, auf Empfehlung RitschlL nach Basel als Uni-versitätsprofessor berufen; die ^.Iwu irratar von Leipzig gab dem Scheidenden das Diplom eines Ehrendoktorsals Geleitbrief mit. Zehn Jahre wirkte Nietzsche dortals begeisterter und begeisternder Lehrer der antikenSprachen und Cultur , bis er 1879 wegen hochgradigenNervenleidens der vorher schon öfters unterbrochenenLehrthätigkeit für immer entsagte.

Nun beginnt des unglücklichen Mannes ruhelosesWanderleben, das ihn alseosouns tu§itivu8" durchdie Schweiz nach Tirol und Oberitalien trieb; überallsuchte er an den stillsten und heilkräftigsten Plätzen Ge-nesung seines furchtbaren Kopfleidens, das ihm wie seinSchatten folgte. Da brach in Turin 1889, als eineErlösung, der Wahnsinn über den Müde-Gehctzten herein. Welch schauerliches Geschick für einen so hoch ge-spannten und mächtigen Geist; ein Menetekel jedem, derin titanenhaftem Streben Gott und der Natur trotzen will!

Ganz im Gegensatz zu diesem grandiosen Kampfemit einem erdrückenden Leiden steht der äußere MenschNietzsche, wie ihn seine Freundin, Frau Lou Andreas/ )schildert:

Etwas Verborgenes, die Ahnung einer verschwie-genen Einsamkeit das war der erste, starke Eindruck,durch den Nietzsche's Erscheinung fesselte. Dem flüchtigenBeschauer bot sich nichts Auffallendes; der mittelgroßeMann in seiner überaus einfachen, aber auch überaussorgfältigen Kleidung, mit den ruhigen Zügen und demschlicht zurückgestrichenen Haar, konnte leicht übersehenwerden. Die feinen, höchst ausdrucksvollen Mundliuienwerden durch einen vornübergekämmten großen Schuurr-bart fast völlig verdeckt; er hatte ein leises Lachen, einegeräuschlose Art zu sprechen und einen vorsichtigen, nach-denklichen Gang, wobei er sich ein wenig in den Schulternwiegte; man konnte sich schwer diese Gestalt inmitteneiner Menschenmenge vorstellen sie trug das Gepräge desAbseitsstehens, des Alleinseins". Ein Bild Nietzsche'smit ähnlichen Zügen ist gegenwärtig im Glaspalast inMünchen ausgestellt.

Er selbst war für sein Aeußcres trotz feiner schlechtenAugen nicht blind. Den Materialismus Nietzsche's wieseine Selbstgefälligkeit charakterisirt der Ausspruch überseine kleinen und fein modcllirten Ohren, von denen ersagte, sie seien diewahren Ohren für Unerhörtes"(Zarathustra I, 25); ähnlich bezeichnete er seine zart- undedelgeformten Hände als Zeichen seines Geistes.Esgibt Menschen, welche auf unvermeidliche Weise Geisthaben, sie mögen sich drehen und wenden, wie sie wollen,und die Hände vor die verrätherischen Augen halten( als ob die Hände keine Verräther wären!

An einem Mann, noch dazu an einem Philosophen,finden wir dergleichen Aeußerungen läppisch; sie machenschon einer Frau keine Ehre. UebrigenS war Nietzsche derauserlesene Liebling der Damen, wie er denn auch ganzunter weiblichem Einfluß aufgewachsen ist. Auf eine so

AndrcaS-SalcmL, Lou: Friedrich Nietzsche in seinen

Werke».

-) Jenseits von Gut und Böse 283.