Ausgabe 
(10.7.1896) 28
 
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sensitive Natur wie Nietzsche blieb dies gewiß nicht ohneEinfluß; es ist deßhalb ganz berechtigt, von einemFcmininismus" Nietzsche's zu reden, wenn auch seineAnhänger sich dagegen wehren.

Gerade die Art von Nietzsche's Denken ist für dieseAuffassung beweisend; er dachte Alles aus dem Herzenund durch das Herz, wenn wir so sagen dürfen. SeineGedanken sind so regellos, so tief leidenschaftlich, so ganzund gar individuell! Ein Gedanke, der ihm einmal klargeworden, wurde zu einem Stück von Nietzsche's Ich",und das Lossagen davon durch eine spätere, andere Er-kenntniß war ihm immer ein Sterben. Es schreitet deß-halb mit dem wachsenden Anarchismus seiner Erkenntnißauch sein körperliches Leiden vorwärts, bis auf dem Höhe-punkt des Schaffens, bei den gigantischsten Plänen,der Umwerthung sämmtlicher Werthe", der Wahnsinnüber den unseligen Denker hereinbricht.

Auch das Gcmüthsleben Nietzsche's gleicht mehrjenem des Weibes als eines Mannes, noch dazu einessolchen, der alsgrößter Denker" gefeiert wird: SeineBegeisterung wie sein Haß geht leicht in's Ungemessene,seine Laune ist unberechenbar, seine Eitelkeit maßlos, undalle seine Leidenschaften haben etwas Abgründiges. Auseinem schwärmerischen Verehrer Wagners , dem er einsonnenhelles Glück" dankte, wird er der grimmigste Hasserdieser Musik; er nennt nun die Sympathie dafür eineseinerKrankheiten". Aehnlich macht es Nietzsche mitSchopenhauer , Paul Rse und der ganzen modernenCultur.

Diese Schwankungen lassen sich nicht mehr durcheinfache Meinung-änderungen erklären, sie sind die An-zeichen einer äußeren Ursache, eines krankhaften Zu-standes.

Damit kommen wir auf die viel und heiß umstritteneFrage nach den Entwicklungsstufen in Nietzsche's Denken.Frau Lou Andreas , deren Nietzsche-Biographie sich derweitesten Leserkreise und so ziemlich aller Sympathienaußer denjenigen der Nietzsche-Narren und -Fanatikererfreut, nimmt drei Perioden an: die erste steht unterdem künstlerischen Einflüsse Wagners und der PhilosophieSchopenhauers ; die zweite gilt dem Positivismus in derZubereitung des P. Nse; die dritte ist die Originalzeit,in welcher Nietzsche, frei von allem fremden Einfluß,der Welt die Offenbarungen seines irrlichtelirendenGenius schenkte. Andere wollen Nietzsche von Anfangan als selbstständigen Denker aufgefaßt wissen, der imZarathustra " den harmonischen Abschluß seiner Welt-anschauung gegeben; wieder andere meinen wieder anders.Nietzsche selbst möchte seine früheren Schriften mit denzuletzt erschienenen Werken durch eigens hiefür gekünstelteVorreden zu, einem Ganzen verbinden doch: manmerkt die Absicht und wird verstimmt.

Wir nehmen, nach reiflicher Uebcrlegung und aufGrund des Studiums der Personalakten Nietzsche's , zweiklar zu Tage tretende Schaffensperioden an; die Oppo-sition der Nietzsche-Anbeter genirt uns dabei um soweniger, als wir Aeußerungen des Meisters selber fürunsere Auffassung citiren können. Nietzsche hatte eineZeit geistiger und physischer Gesundheit und eine Periodedes schwersten Nervenleidens, das sein Denken unver-kennbar, ja wesentlich beeinflußt hat.

Nietzsche (Gesammt-Ausgabe seiner Werke Bd. IX,474, 455) gesteht, daß der um Neujahr 1876 erfolgendeZusammenbrach seiner Gesundheit allenseinen Lebensplänen eine andere Richtung

gab; zwei Jahre vorher, als die ersten Spuren jenesUebels erkennbar wurden, schreibt er:^)In mir gährtjetzt sehr Vieles und mitunter sehr Extremes und sehrGewagtes?

Dieseextremen" undgewagten" Ansichten lassensich anfangs nur vereinzelt constatiren; mit der zunehmen-den Krankheit Nietzsche's werden sie häufiger, bis sie vomJahre 1876 an in zusammenhängender Form auftreten.Erst von da an wird Nietzsche Philosoph, und zwar jenerPhilosoph, dessen antimetaphysischer und antimoralischerRadikalismus allmählig zu einer wahren Anarchie desDenkens wie Physisch zum Wahnsinn führte. Wir be-zeichnen damit das Hauptwerk Nietzsche's , um dessent-willen ihm jetzt Tausende principienloser, unreifer Leutebacchantisch zujauchzen, nicht als eine That des Wahn-sinnes, aber als die Folge hochgradiger Nervosität, alsetwas durch und durch Krankhaftes.

Nietzsche hat diesen Grundzug seines späteren Wesensselber geahnt, wenn er ihn auch anders erklärte; er hatsich davor gefürchtet, aber ihn nicht verhindern können.In derGenealogie der Moral " (131, 153)schreibt er:Wer nicht nur seine Nase zum Riechenhat, der spürt fast überall, wohin er heute auch nurtritt, etwas wie Irrenhaus-, wie Krankenhausluft. /Wahrscheinlich sind auch wir noch die Opfer, die Beute,die Kranken des Zeitgeschmackes und Zeitgeistes, so sehrwir uns auch als dessen Verächter fühlen, wahrscheinlichinficirt er auch uns noch."

Diese Auffassung von Nietzsche's geistigem Schaffendeutet auch überzeugend seine früheren Aeußerungen desRadikalismus, welche seine Freunde als Anzeichen desin Nietzsche schon von Anbeginn vorhandenen Systemesauslegen wollen. Nietzsche ist eine bewegliche, unersätt-liche Natur mit einem dämonischen Herrschertrieb; den-noch wäre er nicht so abstrus geworden, wenn nichtKrankheit ihn beeinflußt Hütte.

Wer einmal Nervenleiden!» war, der weiß aus eigenerbitterster Erfahrung, wie da Gedanken und Empfindungenin uns wachwerden, vor denen wir uns in gesundenZeiten entsetzten. Nietzsche aber hatte ein entsetzlichesNervenleiden, das ihn oft dem Tode nahgebracht. Dazukommt noch, daß Nietzsche nicht nur am Glauben, son-dern auch an der ganzen modernen Cultur verzweifelteund deßhalb in seiner physischen Einsamkeit auch geistigganz allein stand; zwar ein Genie, aber ein krankes undirregeleitetes.

So allein erklären sich auch alle Widersprüche diesesDenkers, die systematische Geister mit Befremden oderWiderwillen erfüllen: der ewige Wechsel seiner Gesichts-punkte, die Unfähigkeit, einen festen Grundstock von Er-kenntnissen als sicheres Fundament seiner Weltanschau-ung festzulegen, die seltsame Mischung von poetischemMysticismus und hartem Jntellectualismus (Diese neueTafel, o meine Brüder, stelle ich euch: werdet hart."Zarath. 3. Theil), die eigenthümlichen Aeußerungen seinerselbstherrlichen Laune und ästhetischen Genußsucht, wiedie ergreifenden Schilderungen kranker Seelen.

Diesen irren und wirren Seelenzustand, seinenSeelenzustand, hat Nietzsche in demDon Juan derErkenntniß" ergreifend geschildert (Morgenröthe 327):Er hat Geist, Kitzel und Genuß an Jagd und Intriguender Erkenntniß bis an die höchsten und fernstenSterne der Erkenntniß hinauf!Bis ihm zuletzt nichts

2 ) Elisabeth Förster-Nietzsche: Das Leben Fr. Nietz'che's.I. Band,