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mehr zu erjagen übrig bleibt, als das absolut Wehthuendeder Erkenntniß, gleich dem Trinker, der am Ende Absinthund Scheidewasser trinkt. So gelüstet es ihn am Endenach der Hölle — es ist die letzte Erkenntniß, die ihnverführt. Vielleicht, daß auch sie ihn enttäuscht, wiealles Erkannte! Und dann müßte er in alle Ewigkeitstehen bleiben, an die Enttäuschung festgenagelt und selberzum steinernen Gast geworden, mit einem Verlangen nacheiner Abendmahlzeit der Erkenntniß, die ihm nie mehrzu Theil wird! — Denn die ganze Welt der Dingehat diesem Hungrigen keinen Bissen mehr zu reichen."
Klingt das nicht wie der letzte Verzweiflungsschreieines in der Wüste verlassen Sterbenden?
Solche Zustände hat nur ein körperlich und geistigleidender Mensch; Nietzsche ist deßhalb gerade in seinemeigentlichen Lebenswerke mehr psychiatrisch als psychologischzu betrachten.
Max Nordau , der geistesprickelnde Schriftsteller desästhetischen Materialismus, hat dies bereits gethan inseinem Buch „Die Entartung".
Haben wir auch das „Problem Nietzsche" mit unsererAuffassung nicht gelöst, so haben wir es doch begreiflichergemacht: die Nietzsche-Anbeter freilich werden es uns nurdurch ein Anathem lohnen. Weigand hat in seiner geist-vollen Studie (Fr. Nietzsche. Ein psychologischer Versuch)dem Philosophen zu viel Ehre angethan; denn Nietzschekann vom künstlerischen Standpunkt allein nicht begriffenwerden. Im klebrigen ist das Buch die beste Deutungvon Nictzsche's complicirter Persönlichkeit.
Uns ist der bedauernswerths Mann ein Bild desmodernen Menschen in seinen schließlichen Errungen-schaften: die maßlose Selbstverherrlichung und Zügel-losigkcit führt Physisch zu« Wahnsinn, geistig zur Anarchiealles Denkens. Daher auch die Begeisterung aller „Mo-dernen" für Nictzsche's Geistcsart!
Am System Nietzsche ist nur der sich immer deut-licher entwickelnde Wahnsinn System, sonst nichts; andiesem Resultat ändern alle Nietzsche-Biographien undBiographen nichts, weil des Unseligen Geisteswerk zulaut und unwiderleglich das Brandmal eines Jrrgeistesan sich trügt.
ff. 8. Wie oft hört man heutigen Tages nicht denGedanken anssprccheu, daß die sog. Reformation denHauptanstoß zur Entfaltung des menschlichen Geistes,zur Hebung von Kunst und Wissenschaft, überhaupt zurheutigen Cultur gegeben habe. Bei Janssen kann mannachlesen, was von diesem protestantischen Axiom zu haltenist. Man kennt eben die alten Griechen und Römerbesser, als das Mitielalter. Was nun die Erfahrungs-wissenschaften anbelangt, so haben dieselben einmal mitder Theologie blutwenig zu thun, und dann waren übrigensSchießpulvsr und Compaß, Magnetnadel und Buchdrncker-knnst, das entdeckte Amerika und noch tausend andereDinge schon lange da, als Dr. Martinus mit demHammer an die Wittenberger Schloßkirche klopfte. Wiesteht es aber mit dem idealen Streben der Wissen-schaft? Hier wäre es am besten, unsere Gegner würdendavon gar nicht reden. Fast zwei Jahrhunderte langbrachte der Protestantismus hier Bleibendes und Schätz-bares gar nichts zu Stande. Der erste nun, der da ge-nannt werden kann und muß, ist G ottfricd WilhelmL e i b n i z.
Der 250. Geburtstag dieses Mannes — geb. am
b. Juli 1646 — wird von der Presse aller, nicht nurkatholikenfreundlicher Schattirungen benutzt, allerhandhistorische Betrachtungen anzustellen. Es ist richtig, weilbewiesene historische Thatsache: Leibniz ist derglänzendste Repräsentant deutscher Univer-salität und Tiefe im 17. Jahrhundert, einPolyhistor im vollsten Sinne des Wortes, „eine lebendigeAkademie", wie Friedrich II. ihn nannte. Unsere heutigenBerühmtheiten aus der Gelehrienrepublik sind durchwegSpezialisten; in früherer Zeit aber gab es Köpfe, diein allem zu Hause waren, in Theologie und Philosophie,in Staatswissenschaft und Politik, in Naturkunde undKunstproblemen Bescheid wußten. Der größten einer warLeibniz . Man könnte ihn vielleicht den protestantischenThomas von Aquin nennen; wir bitten aber, dieses„könnte" sehr zu betonen, denn was er dem Protestan-tismus verdankte und was er diesem für die Folgezeitwurde, das eben wollen wir kurz betrachten.
„Wenn die Billigkeit erheischt, daß man die Per-sonen schont, so erheischt doch die Frömmigkeit, daß mandie Gefährlichkeit der Lehren zeigt; und gefährlichsind jene Lehren, welche gegen die Vorsehung eines all-wissenden und allgercchten Gottes und gegen die persön-liche Unsterblichkeit der Seele ankämpfen, um von anderender Sitte und der Gesellschaft verderblichen Meinungengar nicht zu sprechen." So schrieb Leibniz im Jahre1704 in seinem reifsten philosophischen Werke: „Houvmmxessais sur l'airtLuäeuiout siumaiu". Was würde derMann sagen, wenn er unsere heutige Zeitlage inAugenschein nähme, jene Cultur, auf die man doch ge-wisserseits mit so großem Stolze hinzuweisen beliebt?! —Schon in seinen ersten philosophischen Schriften zieht ergegen die seichte Freigeisterei loS und sucht die kirch-lichen Lehren auch durch wissenschaftliche Beweisgründesicher zu stellen. Er verfaßt eine Schrift gegen denAtheismus, eine solche zur Vertheidigung des Dreieinig.keitsgeheimnisses, und später sucht er die GegenwartChristi im Altarssakrament zu beweisen. Um dieselbeZeit schreibt er, daß er sein irdisches Leben anwendenwolle, um sich des zukünftigen zu versichern, und daßdiese Sorge um seine Seele die vornehmste Ursache seinesPhilosophircns sei. Er kämpft namentlich gegen PeterBayle , jenen noch lange nicht genug gewürdigten Fran-zosen, bei dem auch unser „großer" Lessing in die Schuleging. Den Verheerungen, die der Protestantismus aufallen Gebieten angerichtet hatte, mit Freimuth und Offen-heit entgegenzutreten, das war eine Hauptaufgabe seinesLebens. Eben das macht uns Leibniz groß, daß er sichvon dem traditionellen Haß gegen alles Katholische los-sagte und sogar die Wiedervereinigung mit der altenKirche anstrebte.
Man will es Leibniz zum Vorwürfe machen, daßer bei seinen philosophischen Untersuchungen sich nichtausschließlich auf das reine Denken stellte, wie etwaSpinoza und Kant, sondern so viel mit Dingen aus derkatholischen Vorzeit liebäugelte. Ganz sicher hatte Leibniz eine höhere Meinung von der edlen Gottesgabe Ver-nunft, als etwa Martin Luther ; aber daß man mitdiesem Vermögen allein nicht landen könne, das konntedem scharfsinnigen Kopfe nicht entgehen. Da kommt nunder famose Buddhist Arthur Schopenhauer und will inLeibnizens Ruhm einen Beweis dafür erblichen, „daß dasAbsurde am leichtesten in der Welt Glück macht"! Der„Frankforter" fand gewiß in seinem trostlosen Pessi-mismus nicht das, was Leibniz bei der göttlichen Osfen-