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barung entdeckte; er hätte am wenigsten Ursache, seinemPhilosophenneide Luft zu machen. Er gehört zu jenerKlasse von Leuten, die unser Leibniz selbst also schildert:„Mit großer Rednergabe sprachen sie von der Erhaben-heit und den sittlichsnden Wirkungen der Wissenschaft,und beschimpften sich dabei oft gegenseitig so, daß manhätte glauben können, man wäre unter einer aufgeregtenMenge auf der Gasse."
Die Betrachtung Leibnizens in theologischer undphilosophischer Hinsicht drängt jedem den Gedanken auf:Nicht weiter auf der verwegenen Bahn! Zurück zumAlten und Guten! Möge man an seinem Jubiläums-tage aus ihm machen, was man will, der moderne Pro-testantismus hat am wenigsten Ursache, sich seiner zufreuen. Die Formel, in die man Leibniz' Strebenbringen könnte, müßte allein heißen: Das objective,historisch gewordene Christenthum, nicht subjektive, flug-sandartige Ansichten können die Menschheit retten!
Die religiösen Orden und ihre Geschichte.
l>. Von jeher haben es die „Kinder der Welt", diein ihrer Art meist klüger sind als die „Kinder desLichtes", richtig erkannt, daß der Kirche durch Bekämpfungder religiösen Orden, sicher aber durch deren Unterdrückungder schwerste Schlag versetzt werden kann. Wirkt dochdas Beispiel freiwilliger Entsagung erhebend auf Welt-klerus und Laienthum, ebenso aber auch der Mangeleines solchen Vorbildes lockernd auf die priesterlicheDisziplin und lähmend auf die Bethätigung des Glaubensunter dem Volke. Auch in der Gegenwart ist der Sturmauf die Orden allenthalben in vollem Gange, in Frank-reich wie in Deutschland gehört die „Ordensfrage" nochnicht zu den beigelegten: dort sucht man ihnen die Lebens-bedingungen zu entziehen, hier erringen sie sich erst müh-sam und allmählig wider die eingewurzelten Vorurtheileihre frühere wahlberechtigte Existenz, und noch immer istdem unvergleichlichen, dem segensreichsten und anerkannterWeise auf der Höhe der Wissenschaft stehenden Orden,der Gesellschaft Jesu , kein Platz auf deutscher Erde gegönnt.Selbst in gut katholisch sein wollenden Kreisen herrschtüber Orden und Ordensleben oft ein solcher Wirrwarranerzogener oder durch Nomanlektüre eingesogener, ver-schrobener Ansichten, daß es kein Luxus ist, wenn derfruchtbare Schriftsteller L. v. Hammerstein >) aus derGesellschaft Jesu im 65. Ergänzungshefte der hochge-schätzten „Stimmen aus Maria-Laach" das katholischeOrdenswesen vom apologetischen Standpunkt aus einereingehenden Besprechung unterzieht. Die Methode, welcheauch den übrigen Schriften des beliebten Verfassers einenso außerordentlichen Erfolg verschafft hat, ist auch hiereingehalten: das Thema bewegt sich theils in Brief-,theils in Gesprächsform, vermeidet jede lehrhafte Trocken-heit, geht dabei freilich nicht sonderlich tief, erfaßt aberdesto wirksamer das Gemüth auch des widerhaarigenLesers. Unter Beibringung reichen statistischen Materialserreicht das frisch geschriebene Buch seinen Zweck vollauf,das katholische Ordenswesen unserm Verständniß näherzu bringen, seine hohe sociale Bedeutung zu zeigen unddie Unhaltbarkeit der gegen dasselbe erhobenen Beschuldig-ungen darzuthun. Der Verfasser zeigt uns trefflich denwahren Werth jener schreckhaften Schlagwörter von der
„todten Hand", vom „unbedingten Gehorsam", von dertrüben „Vereinsamung", der ungesunden „Weltflucht"und der „Vaterlandslosigkeit" der Klosterleute. Ein Blickanf die Missionen in und außer Lande, sowie auf dievorzüglichen Leistungen der Orden im Schulwesen genügt,um uns auch zu überzeugen, daß die Orden höchst zeit-gemäß sind. „Das Ordenswesen, sagt der Verfasser ge-radezu, ist die Blüthe des Katholicismus, des Christen-thums". Den Culturpankern milderer oder wildererTonart ist Hammerstcins Buch dringend zu empfehlen,aber auch bei Katholiken wird es die Verehrung, die dasVolk mit Recht seinen Ordensmännern oft in so rühren-der Weise entgegenbringt, rechtfertigen und vermehren.
Die beste Apologetik deS Ordenswesens ist jedenfallsdessen Geschichte. Mit Freuden begrüßen wir ein kürz-lich erschienenes Werk des unermüdlich thätigen Bamberger Lycealprofessors Or. Max Heimbucher ^), das uns inübersichtlicher Weise die Geschichte der katholischen Ordenund Kongregationen in wissenschaftlicher Darstellung vor-führt. Die Geschichte, sie allein gibt uns ja den richt-igen und zuverlässigen Maßstab der Beurtheilung, sie be-wahrt uns ebenso vor übertriebener, leichtblütiger Be-wunderung wie vor überlegener Geringschätzung; sie läßtdie Thatsachen sprechen, die uns Schritt für Schritt er-innern, daß auch innerhalb der Klostermauern die MenschenMenschen bleiben und ihre Leidenschaften durch Schleierund Kutten durchbrechen können, daß aber auch die KlösterCulturstätten allerersten Ranges sind, mit denen sich keineandere menschliche Civilisationsarbeit, sei es mit demSchwert oder dem Pflug oder der Feder, auch nur imentferntesten wessen kann. Das treffliche Werk bildetden 10. Band der theologischen „wissenschaftlichen Hand-bibliothek" ; für jetzt liegt der erste Theil vor, ein zweiterBand, der in Bälde folgen soll, wird das Werk zumAbschluß bringen. Die Einleitung (S. 1—30) ist vor-nehmlich kirchenrechtlicher Natur und handelt vom Begriffeines Ordens, von der Einthcilung der Orden, vom Ur-sprung des Ordenslebens, von der Würdigung des Ordens-wesens und endlich von der Literatur über Orden undKongregationen. Da man im Juden- und Heidenthum,im Islam und besonders bei den Buddhisten Erschein-ungen findet, die dem Mönchthum der christlichen Kircheähnlich sind, so hat man von «katholischer Seite, wie zuerwarten, mit Vergnügen diese Aehnlichkeit nicht nur ganzbesonders betont, sondern sogar einen inneren Zusammen-hang (z. B. mit dem Buddhismus ) construirt, um vorallem das katholische Ordensleben als unbiblischen, trübenund unnatürlichen Asketismus darzustellen und herabzu-setzen. Daß man da weit neben das Ziel geschossen,sieht jeder, der offene Augen hat, um in der hl. Schriftdie drastischen Warnungen vor „Augenlust, Fleischeslustund Hoffart des Lebens", vor der „Welt, die im Argenliegt" u. s. w. zu lesen; das dürfte wahrlich genügen,um den Drang erklären zu können, die „Welt und ihreLust" zu fliehen, in abgeschiedener Entsagung sein Heilbesser und sicherer „in Furcht und Zittern" zu wirken.Daß die Vergleiche mit dem anßerchristlichen, theilweise(wie in Tibet) hochentwickelten, ernsten Asketenthum vongroßem Interesse sind, soll damit nicht geleugnet werden;die von Heimbncher angeführte Literatur dient vortrefflichzur Einführung in das Studium derartiger Fragen. Dererste Abschnitt des Werkes handelt nun von den Anfängen
2) Heimbncher Max, Die Orden und Kongregationender katholischen Kirche. I. Bd. 8°, X -s- 531 SS- M. 6,00;geb. M. 7,M. Padcrborn. Schvaiiigh, 1896.