Ausgabe 
(17.7.1896) 29
 
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17. Juli 1896.

Friedrich Nietzsche.

Ein Antichrist der Gegenwart.

Von Joseph Popp.

II.

Fr. Nietzsche's Ideen.

Wir haben in Nietzsche's Geistesleben zwei Periodenangenomuien, eine der Gesundheit und eine der Krank-heit. Wir haben diese Auffassung psychologisch zu be-gründen gesucht und wollen sie jetzt noch durch eineGegenüberstellung ihrer schriftstellerischen Ergebnisse er-weitern und festigen.

In der Zeit seiner körperlichen und geistigen Frischesind Nietzsche's Vorbilder und Lehrer Schopenhauer alsPhilosoph, Wagner als Künstler; beide bewundert erblind und versucht auf Grund von deren Welt- undKunstanschauung die altgriechisch- Cultur, die nach echterPhilolvgenart sein Höchstes ist, zu begreifen und zu er-klären Nietzsche geht ganz in dieser antiken Geistes-wclt auf, die er sich noch dazu nicht objectiv, sondernsubjeciiv anschaut, d. h. nicht wie sie war, sondern wieer sich dieselbe träumte und wünschte. Daher auch dieserEkel au der modernen Cultur, deren vernichtender Kri-tiker er geworden ist.

Die Geburt der Tragödie" und die vier sog.Un-zeitgemäßen Betrachtungen" sind das Produktjener Geistesrichtung.Die Geburt der Tragödie"ist ein genialer, wenn auch mißglückte- Versuch, diegriechische Tragödie aus dem Wesen des blühenden hellen-ischen Volksthumes zu erklären. Nietzsche hat mit diesemJugendwerk einen neuen Weg zur Welt der Griechen ge-funden und zeigt sich gerade hierin in seiner glänzendstenEigenschaft als feinsinniger Culiurpsychologe, zu dessenklassischer Vollendung er freilich zu viel Dichter war.

Noch mehr als durch diese Schrift verstieß Nietzschedurch seineunzeitgemäßen Betrachtungen" gegen dieöffentliche Meinung.Unzeitgemäß, das heißt gegen dieZeit und dadurch auf die Zeit und hoffentlich zu Gunsteneiner kommenden Zeit" will er darin wirken. Die vierBände dieser Betrachtungen handeln über:David Strauß ,der Bekenner und Schriftsteller."Vom Nutzen undNachtheil der Historie für das Leben."Schopen-hauer als Erzieher."Richard Wagner in Bayreuth."

Die verdienstvollste Arbeit Nietzsche's ist ohne Zweifeljene über Strauß, welchen Nietzsche bis zur Vernichtungbekämpft; vor allem kritisirt er dessen vielgelesenstes BuchDer alte und neue Glaube". Mit schonungsloser Satirewerden alle Schwächen des Werkes behandelt und dasGanze stilistisch, logisch, in Bezug auf wissenschaftlicheMethode und Haltbarkeit der Resultate an den Prangergestellt. Strauß' ganzes System reißt Nietzsche wie einKartenhaus nieder, und der gepriesene Theologen-Apostaterscheint am Schluß als ein erbärmlicher Stümper: Straußkein ernster Forscher, kein klassischer Schriftsteller, keinbahnbrechender Geist, als der er bis dahin gegolten,sondern ein Lobredner der trivialsten Alltäglichkeit, einepigonenhafter Nachbeter, ein modernerBildungsphilister",welcher nicht im Faust'schen, nicht einmal im Lesflng'schenSuchen nach Wahrheit seine Aufgabe sieht, sondern derin dem schamlosen Philisteropümismus, in dem behäbigen,bequemen Festhalten des von den großen Männern derVergangenheit gefundenen Culturideals seine Befriedigungfindet und anderen anpreist.

Die zweite Betrachtung geht der historischen Bildungder Gegenwart zu Leibe; Nietzsche sieht darin einZu-viel" und damit eine Gefahr für daS Geistes-Leben.Die dritteUnzeitgemäße" behandelt Schopenhauer .

Wer in dieser Schrift eines enthusiasmirten Schüler-eine gründliche Belehrung und Aufklärung über die Be-deutung des Meisters, seine Weltanschauung, seine histor-ische Stellung, ja über seine eigentliche Wirkung als Er-zieher wünscht, wird überrascht, wird enttäuscht sein. Ausden Weihrauchwolken, die vor dem Antlitz des Gefeiertenaufqnalmen, blicken uns zuweilen die Züge Nietzsche'sentgegen; es ist nicht der Schopenhauer der Wirklichkeit,der uns hier geschildert wird, sondern jener, welchen derschwärmerische Jünger sich vorstellt.

Die Arbeit über Wagner preist in überschwäng-lichster Weise dessen Musik, gehört aber nach dem Urtheilder Kenner zum Tiefsten und Besten, was seit Liszts epochemachenden Aufsätzen über diese Kunst geschriebenwurde.

In denunzeitgemäßen Betrachtungen" tritt Nietzscheals begeisterter Freund der griechischen Cultur gegen unseremoderne Cultur aus, die er bis in ihre innersten Herzens-günge kennt, bloßlegt und preisgibt. Da tritt mit ! cmHereinbräche seines schweren physischen Leidens auch derUmschwung im Geistesleben ein. Das erste Werk dicstrzweiten, philosophischen Periode ist Voltaire gcwidmund trägt den bezeichnenden TitelMorgenröthe"mit dem Zusatz:Gedanken über die moralischen Vor-urthcile". Voltaire, der Freigeist pur sxealleiros undPatriarch des Atheismus, ist der rechte Patron für c nePhilosophie, welche gegen alle bisherigen Weliansch. >?-ungen Sturm läuft und ihr Programm also entwickelt: -Wir wollen nicht wieder zurück in das, was uns alSüberlebt und morsch gilt, in irgend etwasUnglaub-würdiges", heiße es nun Gott, Tugend, Wahrheit, Ge-rechtigkeit, Nächstenliebe; wir gestatten uns keine Lüge,>-brücken zu den alten Idealen, wir sind von Grund ausallem feind, was in uns vermitteln und mischen möchte,feind jeder jetztigen Art Glauben und Christlichkeit, feinddem Halb und Halben aller Romantik und Vaterländereifeind auch der Artisten-Genüßlichkeit, Artisten-Gewiffen-losigkeit, welche uns überreden möchte, da anzubeten, wowir nicht mehr glauben, feind kurzum dem ganzen euro-päischen Femininismus (oder Idealismus, wenn man'slieber hört), der ewig hinanzieht und ewig gerade damitherunterbringt: allein als Menschen dieses Gewissensfühlen wir uns noch verwandt mit der deutschen Necht-schaffenheit und Frömmigkeit von Jahrtausenden, wennauch als deren fragwürdigste und letzte Abkömmlinge,wir Jmmoralisten, wir Gottlosen von heute, ja sogar imgewissen Verstaube als deren Erben, als Vollstrecker ihresinnersten Willens, eines pessimistischen Willens, wie gesagt,der sich nicht davor fürchtet, sich selbst zu verneinen, weiler mit Lust verneint. In uns vollzieht sich gesetzt,daß ihr eine Form > wollt die Selbstaushebung derMoral."

Umsturz aller Begriffe und Principien ist der Grund-gedanke in diesen sonst so verworrenen Aeußerungen.

Merkwürdig ist auch, daß Nietzsche für das Tohu-wabohu seiner Ideen den Aphorismus wählte und inihm alle seine philosophischen Werke geschrieben hat. Da»

') Dorr, S. d. Die Morgenröthe.