Ausgabe 
(17.7.1896) 29
 
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durch gewinnt jedes seiner Bücher einen Lexikon-Charakter;man kann da über alles Erdenkliche Aufschluß erhalten,ober nichts Ganzes, Zusammenhängendes, Fertiges.

Die Anhänger Nieysche's preisen diese schriftsteller-ische Farm alseine Farm der Ewigkeit"; und Nietzsche selbst schreibt in seinem letzten WerkeDie Götzen-dämmerung" :Der Aphorismus, die Sentenz, in denenich als der Erste unter Deutschen Meister bin, sind dieFormen der Ewigkeit; mein Ehrgeiz ist, in zehn Sätzen

zu sogen, was jeder Andere in einem Buche sagt,-

was jeder Andere in einem Buche nicht sagt."

Und doch hat NietzUe hierin nur aus der Notheine Tugend gemacht; seine Krankheit erlaubte ihm keineandauernde zusammenhängende Arbeitsweise; darum wählteer diese lose Form, zugleich als passendstes Charakteristicumseiner zerrissenen und verschrobenen Ideenwelt. Wir müssenübrigens zugestehen, daß wir in diesen Aphorismen einestilistische Meisterschaft ohnegleichen anerkennen; Nietzsche hat eine Sprache, die für alle menschlichen VerhältnisseWorte findet, und oft so treffende, plastische, erschöpfende,wie sie nur ein Sprachgenie gestalten kann. Daß derInhalt dieser bewunderungswürdigen Form unter denverworrenen Begriffen leidet, ist klar, aber noch keinGrund, auch der Form als solcher die Anerkennung zuversagen. Man muß Nietzsches Stilregeln gelesen haben,um zu erfahren, welcher Meister er auf diesem Gebietewar, in Theorie und Praxis. Darin beruht ja auchZum großen Theil seine Gefährlichkeit.

Ein System kennt Nietzsche nicht; darum ist es soschwer, seine Gedankenwelt anderen zu vergegenwärtigen;man muß die Hauptgedanken erst mühsam aus diesemUrwald von Hunderten und taufenden Aphorismen zu-sammensuchen. Nietzsche ist auch hierin Anarchist! Systemzu haben, schein: ihm Schwindel.

In derGötzendämmerung " (S. 5) sagt er:Ichmißtraue allen Systematikern und gehe ihnen aus demWege. Der Wille zum System ist ein Mangel anNechtschaffenheit."

Seit Hegel gab es kein eigentliches philosophischesSystem mehr, und dieses ist so abstrus, daß ein ge-sunder Mensch davon verwirrt, ein kranker aber zumNarren wird. Nun kommt Nietzsche und erklärt jedesSystem-Wollen schon als unrecht; er gibt sich selber.Infolge dessen haben wir zwei Erscheinungsformen derPhilosophie Nietzsche's ; die eine ist klar, die andere meistunverständlich. Wo Nietzsche in seinem Stolz und Haßüber andere herfällt, ist er klar, sehr klar und dabeimeistentheils grob, unsäglich grob; wo er etwas Eigenes,Positives, Philosophisches sagen soll, regnet es Wiver-sprüche, Absurditäten und Lästerungen.

Der Grundgedanke Nietzsche's ist der Wahlspruchdes berüchtigten Mörderordens der Assafsinen, auf dendie Kreuzfahrer im Mittelalter stießen; dieserFrei-geisterorden pur oxasilauos" hatte die Devise:Nichtsist wahr, Alles ist erlaubt."^)

Es ist das eine Weltanschauung in der Westen-tasche. Für die Logik gilt:Nichts ist wahr"; für dieErkcnntnißtheorie, die Psychologie und Metaphysik:Nichtsist wahr"; der Ethik bleibt:Alles ist erlaubt".

Wie vollständig, umfassend und erschöpfend dieseAntworten sind, wie ganz frei vom Ballast der Ter-minologie, der Distinktionen und Subtilitäten!

Dem entsprechend ist Nietzsche ein philosophischerAnarchist; er stellt Alles auf den Kopf und gibt es so

Genealogie der Moral. S. 166170.

als alleinige Wahrheit aus; er macht auch nicht denVersuch einer Begründung.

Soweit unter den angedeuteten Umständen voneiner Philosophie geredet werden kann, ist Nietzsche'sPhilosophie Moral- und Geschichtsphilosophic. Ihre Leit-gedanken möchten folgende sein: Die Cultur entstehtdadurch, daß der physisch Stärkere (dieblonde Bestieder Urzeit", dasprachtvoll schweifende Naubthier") denSchwächeren unterdrück: und vergewaltigt. Die Moralitätder menschlichen Handlungen ist so, wie sich diese Hand-lungen zur Förderung oder Hinderung dieser Cultur ver-hallen. Es gibt deßhalb zwei Arten von Moral:H.errn-Moral" undSklaven-Moral". Das Herrenrecht undHerrscherrecht des Stärkeren und Alles, was dessen Aus-übung theoretisch und praktisch fördert, ist gut, edel, vor-nehm, weil es die Cultur hebt. Was sie verneint, be-schränkt, hindert, jedes bindende Gesetz, jede Zügelungder Selbstsucht ist böse, niedrig, gemein. Das ist derKern derHerren-Moral", welcheJenseits von Gutund Böse " im bisherigen Sinn ist.

Seit Jahrhunderten herrscht aber in der Cultur-welt dieSklaven-Moral", nämlich die Moral desChristenthums. Sie hat wie die Begriffe von Gut undBöse, so auch in der letzten Wurzel den Begriff derCultur gefälscht und hat mit ihrer Fälschung einen dieWelt beherrschenden Erfolg erzielt. DieHerrcn-Mora!"gerieth so vollständig in Vergessenheit, daß sie am Aus-gang des 19. Jahrhunderts durch Nietzsche erst wiederentdeckt werden mußte. Was der mächtige, vornehme,freie Geist thut, ist gut; er thut aber, was er will.DasHeerden-Vieh" das sind alle nichtstarken Geistermeint freilich, seine Tugenden seien gut.

Der Gegensatz zwischen dieser Herren- und Sklaven-Moral tritt uns in Beispielen am klarsten entgegen.Nach der Sklaven-Moral nennt man gut und edel: De-muth und Nächstenliebe etwa, Barmherzigkeit, Milde,Geduld. Vom Standpunkte der Herren-Moral sind dieslauter knechtische Niedrigkeiten, vollkommene Entartungder prachtvollen, blonden Bestie. Sie zu üben, ist Ohn-macht und Gemeinheit; sie trotz allen voranleuchtendenBeispielen vom Gegentheil immer noch bewundern undpreisen, ist das zweifellose Zeichen culturcllen Nieder-ganges, der Däcadence. Und deßhalb ist die moderneCultur werth in Trümmer zu gehen, weil sie immernoch ganz unheilbar durchseucht ist von Nachwirkungender Sklaven-Moral. Immer noch haben Ansehen diealten Tafeln" mit den Satzungen theistischer und christ-licher Moral. Neuer Tafeln bedarf es!Brüder, zer-brecht mir die alten Tafeln" lehrt darum Zarathustra .Auf den neuen aber stehe nichts von den alten Chimärenwie Gottesgesctz und Nächstenliebe; Freiheit nur undwiederum Freiheit! Keine Schranke verbietenden Ge-setzes! Nichts ist verboten alles ist erlaubt! Wasdie alten Tafeln Todsünden nannten, Habsucht, Herrsch-sucht, Haß, Grausamkeit, heißt auf den neuen Männer-würde und Geistesfreiheit. Der Mensch dieser neuenFreiheit ist derUebermensch"; bis jetzt gibt es ersteinen: Zarathustra-Nictzsche! Um diesen Menschen, zudem die gegenwärtige Menschheit nur >,eine Brücke", einUebergang ist, zu züchten, muß eineUmwerthungsämmtlicher Werthe" geschaffen werden. Das wardenn auch Nietzsche's letzter titanischer Plan; er brachtees aber nur bis zum Entwurf, dann befreite ihn unddie Menschheit von diesem Unmenschlichkeits-Jdeal derWahnsinn.