Mein Abschied von den Ptolemiiern.
Ein X-Strahl durch die Wiener Clique.
Von L.
Unser 6n äs sieels hat vier Ereignisse zu nennen,welche der Archäologie und Kunst Funde dargebrachthaben, die in ihrer überraschenden Bedeutung unseremZeitalter den Namen des goldenen der Alterthumsfundeaufdrücken: das Sammelgrab der Oberpriester des Amon;die Wandgemälde des äornns Vstiiornrn (ausu nnovs.)in Pompeji; der Papyrus Rainer und die hellenistischen Bildnisse aus dem Fajjüm.
Von dem letzten dieser Funde, von den antikenPorträts, wollen wir hiemir Abschied nehmen, bevor sie,von Museen und Kunstfreunden einzeln angekauft, inalle Welt vertragen werden.
Das Auseinanderreißen dieser Sammlung, die nurin ihrer Vollzahl ungetrübten und nachhaltigen tiefenEinblick in die Kunstcpoche der alexandrinischen Schulegemährt, ist ein unverzeihliches Vergehen gegen den künst-lerischen Fortschritt unserer Zeit und ein Beispiel gröbstenUndankes gegen jenen opfermuthigen und genialen Mann,der diesen einzigen Bildersund dem Wüstensande vonNubajjat entnommen; gegen Theodor Graf in Wien .Für den Ankauf seines Papyrusfundes fand sich glück-licherweise ein — wenn auch nicht ganz selbstloser —Fürsprecher bei dem kunstkiebenden Erzherzog Rainer;dem Bilderschatz antiker Porträts scheint ein solcher Sternnicht leuchten zu wollen. Blasirt sehen Mäcene, die !Tausende für Rennpferde zur Verfügung haben» und Fach-gelehrte zu, wie ein Stück ums andere der unersetzlichwrrthvollen Sammlung nach allen Weltgegenden vertragenwird; sie beten den Schatz an, aber keiner aus ihnenrührt sich, ihn in seiner Gesammtheit zu Ehren derCulturstaaten zu erwerben und zu halten; schnöde glänztder Mammon im Säckel, und die gelahrten Herren inWien schreiben nur, um sich im Abglanz der Selbst-überschätzung zu sonnen, statt auszurufen: Halt, dieserSchatz muß ein Ganzes bleiben! Du hoher 2 :^-Staat,als dessen Kunst-Kustoden du mich angestellt, mußt ihnerwerben! Aber es rührt sich kein braver Mann, dennin Wien — und vielleicht auch anderswo — ist AllesClique. Wer nicht Mitglied der „Concordia* ist, wirdnie seine Werke würdig besprochen sehen; wer nicht Mit-glied der „Akademie der Wissenschaften" ist, kaun nochso viel wissen und entdecken, er wird dem Hungerkünstlerden Vorrang lassen müssen; wer nicht Mitglied der„freiwilligen Rettungsgesellschaft" ist, darf keinen seinerNebenmenschen ungestraft retten u. s. w. Ueber dasWiener Cliqucwesen bringt die „Neue Revue", die sichehrlich bemüht, den socialen Wiener Augiasstall zu säu-bern, einen geharnischten Artikel *) Adamkiewicz' überseine Erlebnisse an der Albert'schen Klinik. Hoffentlichwird sich bald eine ebenso geist- und kraftvolle Federfinden, die sich über die Wiener Kunst-Clique ausläßt;es wäre herzlichst zu wünschen. Diese Clique hat es aumauf dem Gewissen, daß Graf's Porträt-Schatz nicht alsGanzes erworben wird; von Wien erworben wird, woer nun zum letzten Mal ausgestellt ist.
Wir können den oberen Zehntausend ein gebietendesWort mit Hoffnung auf Erfolg leider nicht zurufen, aberes soll nicht unversucht bleiben, die berufenen und dochso lethargischen Kreise aufzurütteln.
Ueber den Werth der hellenistischen Porträts noch
Neue Revue. VII. Jahrgang. 3. Juni 1696. Nr. 23,
ein Wort zu schreiben, nachdem ein Georg Ebers allesgesagt, was nur scharfsinnigstem Forschergeist zu unter-suchen und zu würdigen bestimmt war, hieße Eulen nachAthen tragen, und eines so billigen Geflügclhandels wollenwir uns nicht schuldig machen. Ebers ' Abhandlung^)hatte eine ganze Literatur von Essays in feuilletonistischerForm im Gefolge gehabt, die — wie ja oft in solchenFällen — theils liebevolle Plagiate der Arbeit EberS'waren, theils dos maßgebende Urtheil des Acgyptologenbestätigten und ihrer Begeisterung in Dithyramben Luftmachten. Hat doch die ganze kunstgebildete Welt nur eineStimme des Entzückens über den Fund Graf's geäußert,und selbst jene Kritik, die ein scharfes Benagen harm-losem Genießen vorzieht, mußte sich zuletzt mit stillerResignation zufrieden geben.
Das Nesums aller Urtheile über die hellenistischen Porträts ergibt die Wahrscheinlichkeit, oder — sagen wirkühn — die Thatsache, daß Graf — wöge dieser selbstdarüber zweifeln! — der glückliche Entdecker der Grab-stätte und der Porträts der Ptolemäcr ist l Solche Bilderkonnten nur von ersten alexandrinischen Künstlern gemaltworden sein, und solche Künstler konnten in jener Zeitnur von Königen berufen und — bezahlt worden fein.Solch hohritsvollen Blick konnte nur ein Lagide haben.Und zum ganzen Ausdruck der würdevollen Erscheinungder größeren Hälfte der Porträts gesellt sich der über-zeugende Umstand, daß die Brust und das Haar derMänner und Frauen mit den Abzeichen der königlichenWürde geziert ist. Und wenn diese Porträts nicht jeneder Ptolemäer sind, welche Heimgegangenen sollen siesonst vorstellen? Vielleicht sind es — Kur in der Ka-lauer-Manier dcS Kunstkritikers, dem wir den Schlußunserer Betrachtung widmen wollen, zu vermuthen —die sprechenden Photographien von Mitgliedern deralexandrinischen Feuerwehr oder des Radfahrer-Vereinesin Fajjum ? Wenn man diesen herrlichen Werken en-kaustischer Malerei in das lebenswarrue Antlitz schaut,da ist es nicht zu kühn, zu behaupten: Nr. 4 ist daSPorträt des Lagos (Soter I.), Nr. 22 jenes Phila-delphos' I., Nr. 61 jenes Eucrgetes' II., und Nr. 12 istdaS LnIaLS der Kleopatra, deren bekanntes Profil ausMünzen in überzeugender Treue für den Bildsund spricht.Und so kann man an der Hand der alten Schriftstellerin jedem der Bilder oen Lagiden errathen. Bei unsererkühnen Behauptung thut uns nur der erwähnte Kunst-kritiker leid, der sofort ins Tintenzeng stürzen wird, umzu beweisen, daß unsere Bilder nicht jene der Ptolemäersind, denn unser Kritiker glaubt an die Existenz einesAlexander erst, wenn er ihm persönlich vorgestellt wird!
Wenn es die p. t. Zunftgelehrten einmal soweitgebracht haben werden, mehr zu schauen als zu zweifeln,werden sie, wie der lustige Scholz sagte, immerhin nochnützliche Mitglieder der Gesellschaft werden. EZ mußaber auch Käuze geben, die selbst dann leugnen, wennsie von der Wahrheit einer Sache überzeugt sind, dennjeder blamirt sich, so gut er kann. So lange der Spruch:„Vorsicht ist die Mutter der Porzellanfabrik" das Urtheilder akademischen Gelehrsamkeit im Zaume hält, wird sichdie Archäologie nie zu höchsten Erfolgen entwickeln könnenund zum Schaden des zu bildenden Volkes ein ewigesVersuchskaninchen bleiben.
Zum ersten Mal war Graf's Sammlung im Jahre
*) Antike Porträts. Die hellenistischen Bildnisse aus demFajjum untersucht und gewürdigt von Georg Ebers . Verlagvo» Wilhelm Engelmami. Leipzig , 1893.