Ausgabe 
(17.7.1896) 29
 
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1890 in Wien ausgestellt, nachdem sie ihre Fahrt vonKunststadt zu Kunststadt zurückgelegt; nun nach fünfJahren ist sie ebendort zum letzten Mal als Ganzes zusehen. Wie damals, bildet sie auch heute den Gesprächs-stoff aller Kunstfreunde und Fachleute, und die Tages-blätter füllen ihre Spalten statt mit socialem Hetzsaftmit dem friedlichen Atrament der Belehrung.

Wieder Pilgern sie alle, die Akademie-Professoren,die Blaustrümpfe, die Maler und Bildhauer und Kunst-dilettanten zum Kolowratring Nr. 7, um zu bewundernund den vollen, von zweifelnder Kritik nunmehr unbe-nagten Eindruck der Kunstschätze cinzusaugen; sie habensich im Zeitraume von mehr als einer Olympiade zu ver-ständiger Kunstanschauung dieser Porträts vorbereitenkönnen, und auch jene Wenigen, die damals leichthinzweifelten, haben sich bekehrt wieder eingestellt. Und zudiesen Bekehrten gehört nun endlich auch Dr. Jlg, derSkeptiker und Versuchs-Archäolog, den der böse Wiener Volksmund den Blechdirektor nennt, weil er Kustos einerWaffensammlung ist und oft auch Blech urtheilt. Wirschätzen Herrn Jlg als gewandten und witzigen Jour-nalisten, aber als crnstzunehmender Archäologe und Kunst-referent kommt er uns zu lustig vor; als letzteren hatihn erst neulich Ernst Stöhr in der Deutschen Zeitungniedcrgebögelt" I Und als Archäolog ist er uns Oester-reichern in schlimmer Erinnerung, als er den Theseusaus den Tempel eskamotiren und leider auch amputirenließ und an den Erzbildsäulen in der Hofkirche zu Inns-bruck naive Glanzwichsversuche anstellte. Seit diesenThaten scheint Herr Jlg vorsichtig geworden zu sein, undwir freuen uns, daß er nun nach fünf Jahren auch zuden insichgegangenen Bewunderern der hellenistischen Por-träts gehört. Damals war er sehr bös darüber, daßKünstler allerersten Ranges die antiken Porträts in eineReihe mit den besten Bildern moderner Meister stellen,und heute findet er sogar in den Todtenmasken vonBalansnrah, die diesmal zugleich mit den Todtenpertrütsausgestellt sind, Zügewelche an jene von unseren heutnoch begegnenden reizvollen Jüdinnen erinnern". DieseÄhnlichkeit findet Jlg erst heute an den Todtenmaskenheraus wo sie gar nicht vorhanden ist und erhätte sie vor fünf Jahren weit eher in den Zügender ägyptisch-griechischen Todten Porträts herausfindenkönnen. Wer reitet so spät durch Nachl und Wind?

Aber ganz verwinden kann es der witzige Journalistnicht, daß seine vor fünf Jahren gewagte Ansicht überden Werth der Todtenbilder ganz und gar ignorirt wurde;er benützt die Neuausstcllung und schlägt nochmals aus,wie der kritische Pegasus vor dem Verenden, und findetdie Echtheit der Todtenmasken bedenklich. Das ist einesehr bequeme Manier: wenn man an einem Funde mitbestem und schlechtestem Willen nichts deuteln kann, soerklärt man ihn einfach für unecht. Herr Jlg leitetsein Gutachten mit einem Hieb auf dasDilettanten-geschwntz" ein, das sein Veto vor fünf Jabren ganz un-beachtet ließ; wärmt einen Brief A. v. Werners aufund legt dann los:Wenn die strenge archäologischeUntersuchung die ganze Sache (die Todtenmasken vonBalansnrah) ohne alles Bedenken und Zweifel anerkennensollte, wie wir hoffen, so wären diese farbigen Gesichts-masken ein großartig interessanter Fund."

Diesen gewagten Spruch Jlgs möge Herr Graf, deruns auf eindringliche Bitte seine Duplik übergebendiese Wiener Geschichte der Bilder ist es wohl werth durchden Druck festgehalten ZU werden- selbst am Schlüsse

unserer Betrachtung widerlegen; wir wollen nur einigeWorte über den genannten Brief A. v. Werners sagen.A. v. Werner! haha! der famose Humorist und uner-reichte Illustrator Scheffels, dem der Schalk im Nackensitzt, hat ein Gutachten über die hellenistischen Porträtsabgegeben, und Herr Jlg hat es für bare Münze ge-nommen! A. v. Werner, der witzsprühende Zeichner desKaterS Hiddigeigei, und ein Urtheil über antike Porträts!wie reimt sich das zusamm'l Herr Jlg hat sich offen-bar an die unrichtige Adresse gewendet, und A. v. Wernermag, als er den Brief Jlgs mit der Bitte um sein Gut-achten bekam, wie der selige Kater meditirt haben:

Hiddigeigei spricht, der Kater:

Sonderbar verkehrte Wett.

Der in einer Zeit voll HaderDies Floitiren noch gefällt . . .

Kosmisch ungeheure FragenStürmen auf den Denker ein,

Kein Orakel weiß zu sagen,

Welche Lösung mag gedeih'n."

Und die Lösung bestand darin, daß A. v. Wernerals gebildeter und stets liebenswürdiger Mann antwortete,jedoch erklärte,nicht sachverständig" zu sein. Warum sichHerr Jlg trotzdem auf den Brief Werners beruft, ist unsebenso unverständlich wie die Reclame über Wasmuth'sHühneraugenringe in der Uhr.

(Schluß folgt.)

Historische Commission bei der k. bayer. Akademieder Wissenschaften.

(Bericht deS Sekretariats über die 37. Plenarver-sammlung der historischen Commission.)

Seit der letzten Plenarversammlung im Juni 1335 sindfolgende Publikationen durch die Commission erfolgt:

1. Allgemeine deutsche Biographie . Band XXXIX, Lieferung4, 5. Band XI,. Band XII, Lieferung 1.

2. Chroniken der deutschen Städte. Band XXIV. Band IIIder niederrkeinischen und westfälischen Städte: Soest ,Duisburg .

3. Deutsche NeichStazSakte» unter Kaiser Karl V. Band II.

4. Briefe und Aktcu zur Geschichte des 16. Jahrhundertsmit besonderer Rücksicht aus Bayerns Fürstenhaus.Band IV.

Die Hansarecesse sind dem Abschluß nahe. Der Heraus-geber Dr. Koppmann, hat den Druck des 8. Bandes bis

S. 368 gefördert und denkt im Herbst des gegenwärtigen Jahrsihn zu Ende zu fuhren.

Die Chroniken der deutschen Städte, unter derLeitung des Geheimen NathS von Hegel, sind bei ihrem25. Band, dem 5. Band der Chroniken der Stadt Augsburg ,bearbeitet von vr. Friedrich Roth , angelangt, dessen Text be-reits fertig gedruckt ist. Nacb Hinzufügung des Glossars unddes Registers wird er demnächst erscheinen. Er enthält dieChronik neuer Geschichten" von Wilhelm Rcm, 15121527,nebst fünf Beilagen, unter welchen besonders bemerkenswerthist die Relation über den Reichstag von Augsburg 1530aus der Chronik von Langenmantel. AIS 26. Bandist ein zweiter Band der Magdeburger Chroniken in Aus-sicht genommen, deren erster Band, der siebente der ganzenReihe, die Magdeburger L:chöffenchronik, bearbeitet vonJan icke, enthält. Für den zweiten Band ist die hochdeutscheFortsetzung dieser Chronik bis 1566 und die Chronik des GeorgButz 14671551 bestimmt. Die Bearbeitung hat vr. Drtt-mar, Stadtarchivar von Magdeburg , übernommen. Fernerwird vr. Koppmann, sobald er die nöthige Muße gewinnt,an die Bearbeitung des zweiten Bandes für Lübeck gehen.

Die Jahrbücher des deutschen Reichs haben einesehr empfindliche Einbuße erlitten durch den am 10. Februar1396 erfolgten Tod unseres Mitarbeiters, des Geheimen Hof-raths Winke lmann. Er war bis zu seinem Tod mit demzweiten Band der Jahrbücher des ReichS unter Kaiser Fried-rich II. beschäftigt. Das Manuskript für die Jahre 12231233liegt druckfertig vor und soll demnächst als zweiter Band ver-öffentlicht werden. Zur Fortsetzung und Vollendung des Werkes.