Nf. 30
24. Illli 1896.
Friedrich Nietzsche.
Ein Antichrist der Gegenwart.
Von Joseph Popp.
(Schluß.)
III.
Fr. Nietzsche und die moderne Cultur.
Fr. Nietzsche ist für unsere Cultur symptomatisch,in seiner Person und seiner Lehre. Er ist der moderneMensch mit all seinem Wissensballast und seinem Bildungs-ekel; er ist der konsequente Freigeist und Atheist, wie erkommen mußte. Weigand, selbst ein Moderner, schildertNietzsche als den modernen Menschen also:
„Aus diesem hochgespannten Geiste reden die ge-heimsten modernen Wünsche und Begierden ihre be-zauberndste Sprache; in seinen Ausbrüchen finden wirAlles, was die widerspruchsvolle moderne Seele peinigtund beglückt: Kraft, Adel, Fülle, Harmonie, dichterischeAnschauung und historischen Scharfblick, Zorn, Haß, Em-pörung, Bosheit, Naivität, Schalkhaftigkeit, Größenwahn,poetischen Tieffinn, sublimirteste Genußsucht; hier wardder Geist der Vergangenheit Mensch und —glaubt die Sprache der Zukunft zu reden."
Ebenso unersättlich Nietzsche's theoretische, geistigeGenußsucht, ebenso abgründig ist des modernen MenschenVerlangen nach Abwechslung, nach etwas Neuem, nochnie Dagewesenen, der Durst nach „noch nicht ausge-trunkenen Möglichkeiten". Weil aber dieses Sehnen desMenschen-Herzens nach dem Höchsten, Unendlichen hieniedenmit natürlichen Mitteln nicht gestillt werden kann, daherdieser Ueberdruß trotz alles Raffinements des Genteßens,trotz aller Genußfülle, trotz aller Gaben einer hochent-wickelten Cultur!
Gerade dieses Hangen und Bangen zwischen Freud 'und Leid hat Nietzsche in seiner „Gefahr der Glück-lichsten" lebensvoll gezeichnet. „Feinen Sinn und einenfeinen Geschmack haben; an das Ausgesuchteste und Aller-beste des Geistes wie an die rechte und nächste Kost ge-wöhnt sein; einer starken, kühnen, verborgenen Seele ge-nießen; mit ruhigem Auge durch's Leben gehen, immerzum Aeußersten bereit wie zu einem Feste und voll desVerlangens nach unentdeckten Welten und Meeren,Menschen und Göttern; auf jede heitere Musik hin-horchen, als ob dort wohl tapfere Männer, Soldaten,Seefahrer sich eine kurze Rast und Lust machen, undim tiefsten Genusse des Augenblickes überwältigt werdenvon Thränen und von der ganzen purpurnenSchwermuth des Glücklichen: wer möchte nicht,daß das Alles gerade sein Besitz, sein Zustand wäre!"
Diese Predigt über das Glück des Genießenden,über die Herrschaft aller Instinkte und Leidenschaften istdas Evangelium des modernen Menschen; darum wirdNietzsche vor alle« von der Jugend als Messias einerneuen Zeit gefeiert. Die moderne Kunst und Literaturläßt sich von seinen Ideen befruchten und will damit dasIhrige thun, um den „Uebermenschen" baldmöglichst ver-wirklicht zu sehen.
Solches ist charakteristisch für das Erlösungsbedürfnißder durch die heutige Cultur Blafirten, wie auch für ihreBlindheit. Die Uebermenschlichkeits - Lehre eines Wahn-sinnigen, der an sich selber tausendfach das Elend einesvon den alten Menschheitsbahnen abgewichenen Denkerserfahren, wird das Muster einer neuen Glückseligkeits-
theorie — und Christus, der als wahrer „Uebermensch"durch sein Leben uns gelehrt, wie wir an seiner gött-lichen Natur theilhaben können, Christus wird als Feindder wahren Menschen-Veredelung gebrandmarkt.
Daß die barocken, ja wahnwitzigen Ideen eine»Nietzsche Anhänger finden, daß sie eine ganze Literaturhervorgerufen, daß in jeder Zeitschrift, jedem bedeuten-deren Roman, im Salon wie in öffentlichen Versamm-lungen Schlagworte aus Nietzsche sich finden und hörenlassen, zeigt die grenzenlose Zerfahrenheit der Zeit, zeigtdie große Masse derjenigen, die einer einheitlichen, auchnur natürlichen Weltanschauung entbehren; sonst würdensich nicht soviele von den Taschenspieler-Kunststücken einesSophisten wie Nietzsche täuschen lassen.
Nietzsche gesteht einmal ausdrücklich, daß seine Bücherbloß von seinen „Ueberwindungen reden"; er will sichalso damit den tollen Wust seiner Gedanken und Gefühlevom Herzen schreiben; er will durch ihre Entledigunggenesen — übrigens ein altes Recept seit Göthe —.Und nun fällt die moderne Culturmenschheit über diesenAbfall und Auswurf her, wie die Geier über das Aas.Es erinnert diese Art lebhaft an die Zeit der römischenSchlemmerei, wo man gewisse Fische nur dann wollte,wenn sie in der Nähe der Cloaken gefangen wurden.Es zeigt dieses Anklammern an Nietzsche, den Einen undEinzigen, das nicht auszurottende Bedürfniß nach Au-torität; man will, ohne es einzugestehen, jemand, aufden man sich berufen kann. Nun Nietzsche als großerGeist die unumschränkte Herrschaft der Triebe verkündet,nun er jede moralische That leugnet, die Wissenschaftunter der Optik des Künstlers gesehen wissen will, glaubtman beruhigt sein zu können. Jetzt sind selbst neronischeGelüste und das Waten im Schmutze gerechtfertigt; nunhat die brüchige Seele doch den zweifelhaften Trost, daßam Ende auch die bedenklichsten Ausschreitungen in irgendeiner Weise dem Leben zu Gute kommen müssen; nunmag sich sogar der eifrigste Catilinarter der Großstädte,dieser Cloaken der späteren Civilisationen, für einenSchaffenden halten und sich des cynischen Muthes rühmen,Mit dem er seinen auseinandergehenden Trieben folgt.
Nietzsche's Verherrlichung der weltgeschichtlichen Un-geheuer, sein Schwärmen für die „starken Naturen" derVerbrecher sind das Gegenstück zu jener anderen modernenLehre, daß der Verbrecher ein Kranker ist; die eine Auf-fassung entschuldigt die Schlechtigkeit, die andere ver-herrlicht sie. Ist das nicht ganz der passende Bodenfür die Dynamitarden und Petroleure; ist solche Lehrenicht Lebensweisheit für die Lebemänner, die nun ihreLiederlichkeit mit einer gewissen philosophischen Begründunggenießen können?
Der moderne Mensch hat in Nietzsche fein Vorbildin Theorie und Praxis; aber auch die moderne Wissen-schaft und Philosophie hat in ihm ihren konsequentestenLehrer gefunden.
Freigeisterei und Atheismus, das ist die Signaturder Geisteswelt unseres Jahrhunderts. Soweit ist dasfreie Denken gekommen, daß jeder Einzelne auf Grundeiner guten Geistesanlage sich zum Meister aller Anderenerkoren glaubt und im Ton des Gottgesandten redet, b)
Hegel versicherte: „Ich möchte mit Christus sagen:ich lehre die Wahrheit, ich bin die Wahrheit;" Fichte
°) ek. Limbourg, Zur Charakteristik der modernen Kant-Strömung. Jnnsbr. Zeitschr. 1893 S. 312 ff.