Ausgabe 
(24.7.1896) 30
 
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hielt die Verkündigung seiner Lehre fürdie Ausgießungdes hl. Geistes über alles Fleisch"; Kant meinte, seinSystem sei für alle zukünftigen Zeitalter zu den höchstenZwecken der Menschheit unentbehrlich; Schopenhauerbetheuerte:Ich habe den Schleier tiefer gelüftet, alsirgend ein Sterblicher vor mir." Diese maßlose Eitel-keit und Selbstvergötterung treibt Nietzsche auf die Spitze;er rühmt") sich:Ich habe den Deutschen die tiefstenBücher gegeben, die sie überhaupt haben; Grund genug,daß dieselben kein Wort davon verstehen."MeinZarathustra ist das tiefste Buch der Menschheit."

Die Unverständlichkeit ist auch eine wesentliche Eigen-schaft unserer großen Geister, und Nietzsche ist als dergrößte auch der unverständlichste, ein moderner Heraklit.Seine Tiefe besteht imAhnenmachen". Nietzsche hatdiese Art Tiefe selber also verspottet:

Wer uns ahnen macht, macht uns tief. Ent-schließen wir uns, meine Herren: ... wir wollen sieahnen machen. So viel vermögen wir noch! Was dasAhnenmachen betrifft, so nimmt hier unser BegriffStil"seinen Ausgangspunkt. Vor allem kein Gedanke! Nichtsist compromittirender, als ein Gedanke! Sondern derZustand vor dem Gedanken, das Gedränge der noch nichtgeborenen Gedanken, das Versprechen zukünftiger Ge-danken, die Welt, wie sie war, bevor Gott sie schuf,eine Nekrudescenz des Chaos . . . Chaos macht ahnen."

Dennoch kennt Nietzsche nur die Tiefe der Ver-wirrung; bei ihm sind die Begriffe in völliger Auf-lösung.Nichts ist wahr, Alles ist erlaubt." Somußte es kommen, nachdem man die menschliche Vernunftnur auf sich selber gestellt, nachdem man sie frei gemachtvon allen Denkgesetzen. Es müssen dann aber auch jene,welche zu solcher That beigetragen, darunter leiden, wiedie Revoluttonsmänner von eben dieser Revolution ver-schlungen wurden: Nietzsche nennt den kritischen Kantdenverwachsensten Verstandeskrüppel"; Strauß, denBefreier der modernen Welt vom Glauben, heißt er denVildungsphilister"; Schopenhauer , der Vater desPessimismus, ist ihm einpsychologischer Falschmünzer".Sogar allgemein anerkannte Koryphäen werden ihresLorbeers beraubt: Sokrates wird zumHanswursten"degradirt, Plato ist langweilig; und so bekommt jedersein Urtheil eine Beleidigung. Wir sehen in Nietzschedie Toleranz des Freigeistes; sie ist zwar in ihremWesen nie anders gewesen, Nietzsche ist nur die Fruchtder früheren Blüthen.

Ganz so wie in der Selbstüberhebung, dem schließ-lichen Nihilismus des Denkens und dem Haß gegenAndersdenkende ist Nietzsche auch im Atheismus der vor-läufige und wohl kaum zu übertreffende Höhepunkt desmodernen Unglaubens. Haben die vorausgehenden Denkerund Philosophen mit allen möglichen Mitteln das DaseinGottes untergraben, so findet Nietzsche den traurigen Muth,diese That als eine erlösende zu feiern. Er rüst dermodernen Welt die schauerlichen Worte zu:Wohin istGott ? Ich will es Euch sagen! Wir haben ihn ge-lobtet! Ihr und ich! Wir alle find seine Mörder!

-Hören wir noch nichts vom Lärm der Todten-

gräber, welche Gott begraben? auch Götter verwesen;Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihngetödtet! Ist nicht die Größe dieser That zu groß.für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden,«M nur ihrer würdig zu erscheinen?"

Die berufenen Pfleger und Hüter der heutigen Cultur,

die liberalen Professoren, wenden sich nun freilich vollEntrüstung gegen Nietzsche oder ignoriren ihn ganz.Einer, Dr. Stein, hat sogar ein ganzes Buch geschriebenüber die Gefahren von Nietzsche's Weltanschauung";aber der Herr Professor hat eben damit den Beweis er-bracht, daß Nietzsche ganz Fleisch von feinem Fleisch undGeist von seinem Geist, nur konsequenter, verwilderter ist.

Da nützt alles Abschütteln und Ableugnen nichts;nicht darum handelt es sich, ob die modernen Cultur-apostel Nietzsche beistimmen und ihn verherrlichen, sonderndas ist der Kernpunkt: Nietzsche hat nur auf dem vor-handenen Material weitergebaut; er hatte den Geist unddie Kühnheit, anS voller Seele ein Moderner zu sein.Ihr müßt ihn also nicht völlig verleugnen! Ihr lehretfreie Wissenschaft, ihr fordert freies Denken. Damithabt ihr die Geister gerufen, uns, die unabhängigenGeister, welche kein Blatt vor den Mund nehmen, welcheüber denblassen Atheismus" der unfreien Geister,dienoch an die Wahrheit glauben", weit hinaus sind; uns,dieErkennenden von heute",die Europäer von über-morgen", dieGottlosen und Antimetaphysiker", die mitder Freiheit Ernst machen und Freiheit des Geistes nir-gends fanden, als in der Losung:Nichts ist wahr,alles ist erlaubt."

Nietzsche ist nur in demMilieu" der Gegenwartmöglich, welche in ihrem gottentfremdeien Streben, diedem Menschen gesetzten Grenzen zu überschreiten, körper-lich nervös, ja wahnsinnig, und geistig anarchistisch wird.

Für alle besonnenen Zuschauer hat der Nietzsche-Cultus nur eine rein symptomatische Bedeutung, ist aberals solche nicht zu unterschätzen. '

Wir sehen auch in Nietzsche's prometheischew Strebendas Schicksal der von Gott losgetrennten Vernunft ver-körpert: ein Fiasko, ein Bankerott, um so unheilbarer,je weiter die Entfernung des bankerotten Geschöpfes vomunendlichen reichen Schöpfer.

Jetzt schon leiden solchefreie Geister" die ärgstenTantalusqualen, die sie vor sich selber erschauernmachen und ihnen einen Klageruf auspressen, wie denfolgenden:

Halb ist mein Leben um,

Der Zeiger rückt, die Seele schaudert Dir!

Lang schweift sie schon herum

Und sucht und findet nicht und sie zaudert hier?

Halb ist dein Leben um:

Schmerz war's und Irrthum, Stund' um Stund' dahier'.

Was suchst du noch? Warum?-

Dieß eben such' ich Grund und Grund dafür!"

Ja, uns selber find wir ein unlösbares Räthselohne den Glauben; wie wollen wir also Anderer Wesendeuten? Nietzsche hat dies geahnt und einmal auch aus-gesprochen:So beginnt nun der Lauf und wird fort-gesetzt bis wohin? Wenn Alles durchlaufen istwohin läuft man alsdann? Wenn alle Combinations-Möglichkeiten erschöpft wären was folgte dann noch?Wie? Mühte man nicht wieder beim Glauben an-langen? Vielleicht bei einem katholischen Glauben?"

O, wir Seligen hienieden schon, die wir als sichersteund beglückendste Erkenntniß, als Trost und Friedenunseres Lebens besitzen, was den Kindern dieser Weltkaum in der Ahnung gehört! Die Wahrheit und dieFreiheit!

Die Wahrheit wird euch frei machen," dieses tief-sinnige Wort der hl. Schrift, es könnte als Mahnungund Drohung über Nietzsche's Leben und Lehre, überdie Geistesgeschichte der Gegenwart geschrieben werden.

/) Fall Wagner S. 48.