Heine als „Genosse"!
vr. 8t. Die deutschen Socialdemokraten, welche1891 dem internationalen Bergarbettercongreß in Paris anwohnten, legten auf Heine'S Grab einen Kranz niedermit der Widmung: „Die Bergarbeiter ihrem BruderHeinrich Heine ". — Socialdemokratische Lesevereine werden„Heine" getauft. — Sein „Eiapopeia":
„Verschleimn«! soll nicht der faule Bauch»
Was lleitzige Hände erwarben.
Es wächst hieniedcn Brod genugFür alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und LustUnd Zuckererbsen nicht minder",
das sich in sämmtlichen socialistischen Liederbüchern findet,scheint ihn auch wirklich als einen Freund socialistischerTendenzen zu beweisen.
Aber Heine in der That ein „Bruder" der Ar-beiter? Ein „Genosse" rußiger, derber Gesellen? EinFreund comwuuistischer Tendenzen? Wer nur dessenSchriften etwas mehr als flüchtig gelesen hat, muß dazustaunend den Kopf schütteln.
Heine war im Gegensatz zu Börne eine „aristo-kratische" Natur. Er fühlte sich auch am wohlsten inAristokratenkreisen. Schon als Student verkehrte er fastausschließlich theils in den Salons der Rahe! Levin,wo außer der Elite der Schriftstellerwelt auch hoheAristokraten, wie Prinz Louis Ferdinand, die Herrenv. Brinkmann u. a., sich trafen, theils im gleichfeinenZirkel der Elise von Hohenhausen . In den Bädernvon Norderney, Lucca, Cauterets war er ständ-iger Gast der auserlesensten Kreise. In München (1827)lebte er „im Foyer der Noblesse", liebte „die liebens-würdigsten Aristokratinnen" und sah sich selbst von „Prin-zessinnen des kgl. Hofes" verzogen. In Paris war eroftgesehener Gast der ersten Salons, so bei CarolineZaubert, bei der Fürstin Belgiojoso , von Comtessenund Fürstinnen umschwärmt. Kein Wunder, daß er dieGesellschaft der deutschen Emigranten, die ihm „mit ihrembeständigen Kannegießern" zuwider waren, mied.
Heine taugt auch keineswegs zum „Märtyrer derEntbehrung". Mit der jährlichen Rente von 4000 Fr.,die ihm sein Onkel Salomon, der reichste Mann in Ham-burg , ausgesetzt hatte, kam er nicht aus; er bewirktederen Erhöhung auf 4800 Fr.; daneben hatte er einebeiläufige Jahreseinnahme von 3000 Fr.; ferner erhielter von der französischen Regierung das jährliche „Al-mosen" von 4800 Fr. — trotzdem litt der Dichter anständigen Finanznöthen, freilich leicht erklärlich, wennman dessen Gourmandise und Leichtlebigkeit kennt. Nunfreilich, was Singer und Lassalle erlaubt ist, kannman auch Heine zusehen! Aber wenden wir uns seinenpolitischen Ansichten zu!
Nicht oft genug kann er betonen — ob nun ausUeberzeugung oder nicht, gehört nicht hieher — er sei„Monarchist". „Ich bin bei Gott kein Republikaner;ich weiß, wenn die Republikaner siegen, so schneiden siemir die Kehle ab" — ein Ausspruch, der Börne zu einemleidenschaftlichen Angriff auf Heine reizt.
Heine haßt, verabscheut jeden „Umsturz", seit er„die heidnische Wildheit entzügelter Bolksmassen in derNähe betrachtete".
Der Dichter ist Samt - Simonist. Aber wie sein
Meister, sucht er Abhilfe von Seiten der „Gebildeten",es bangt ihm, daß der „Mob" diese Lehren aufgreift.„Die zerstörenden Doctrinen haben in Frankreich zusehr die unteren Klaffen ergriffen — eS handelt sichnicht mehr um Gleichheit der Rechte, sondern um Gleich-heit des Genusses auf dieser Erde, und es gibt in Paris etwa 400,000 rohe Fäuste, welche nur des Losungs-wortes harren, um die Idee der absoluten Gleichheit -uverwirklichen, die in ihren rohen Köpfen brütet."
Ihm ist vom Standpunkte des Culturmenschen ausangst vor den radicalcn Zielen des CommunismuS .„Meine Scheu vor dem letzteren hat wahrlich nichts ge-mein mit der Furcht des Glückspilzes, der für seine Ka-pitalien zittert . . . nein, mich beklemmt vielmehr die ge-heime Angst des Künstlers und des Gelehrten, die wirunsere ganze moderne Civilisation, die mühselige Er-rungenschaft so vieler Jahrhunderte, . . . durch den Siegdes CommunismuS bedroht sehen. . . . Wir können unsnimmermehr verhehlen, wessen wir uns zu gewärtigenhaben, sobald die große rohe Masse, welche die einendas Volk, die andern den Pöbel nennen, ... zur wirk-lichen Herrschaft käme. Ganz besonders empfindet derDichter ein unheimliches Grauen vor dem Regierungs-antritte dieses täppischen Souveräns. Wir wollen gernfür das Volk uns opfern ..., aber die reinliche, sensi-tive Natur des Dichters sträubt sich gegen jede persönlichnahe Berührung mit dem Volke, und noch mehr schreckenwir zusammen bei dem Gedanken an seine Liebkosungen,vor denen uns Gott bewahre!"
Die große Masse ist ihm „stupid". „Seine Majestätdas Volk ... ist nicht sehr intelligent; es ist . . . fastso bestialisch dumm, wie seine Günstlinge." Der Atheismusist ihm verekelt, seitdem er „merkte, daß die rohe Plebs,der Janhagel, ebenfalls dieselben Themata zu discutirenbegann in seinen schmutzigen Symposien, wo statt derWachskerzen und Girandolen nur Talglichter und Thran-lampen leuchteten, als ich sah, daß Schmierlappen vonSchuster- und Schneidergesellen in ihrer plumpen Herbergs-sprache die Existenz Gottes zu leugnen sich unterfingen
— als der Atheismus anfing, sehr stark nach Käse,Branntwein und Tabak zu stinken —: da gingen mirplötzlich die Augen auf, und was ich nicht durch meinenVerstand begriffen hatte, das begriff ich jetzt durch denGeruchssinn, durch das Mißbehagen des Ekels, und mitmeinem Atheismus hatte es Gottlob! ein Ende."
D'rum empfand er auch eine „unbezwingbareAversion vor der Annäherung des famosen Weitling",des communistischen Schneidergesellen. „Der liebe Gotthat mir gewiß alle meine alten Frevel von Herzen ver-ziehen, wenn er die Demüthigung in Anschlag brachte,die ich bei jenem Handwerksgruß des ungläubigen Knoten-thums . . . empfand." „Was meinen Stolz am meistenverletzte, war der gänzliche Mangel au Respekt, den derBursche an den Tag legte, als er mit mir sprach ..."
— Und einen, der also spricht, nennt man „Genossen" N
In Paris wohnte er einmal — und nicht wieder —einer Volksversammlung mit Borne bei. Man lese dieseSchilderung, und der letzte Zweifel wird verschwinden:
„Denkt Euch meinen Schreck, als ich in Paris der. . . Volksversammlung beiwohnte, fand ich sämmtlicheVaterlandsretter mit Tabakspfeifen im Maule, und derganze Saal war so erfüllt von schlechtem Knasterqualm,daß er mir gleich auf die Brust schlug und es miz