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platterdings unmöglich gewesen wäre, ein Wort zureden."
„Ich merkte überhaupt, daß die deutsche Tribunal-carriöre nicht eben mit Nosen und am allerwenigsten mitreinlichen Nosen bedeckt. So z. B. mußt du allen diesenZuhörern ,lieben Brudern und Gevattern' recht derb dieHand drücken. Es ist vielleicht metaphorisch gemeint,wenn Borne behauptet: im Fall ihm ein König die Handgedrückt, würde er sie nachher in'S Feuer halten, um siezu reinigen; eS ist aber durchaus nicht bildlich, sondernganz buchstäblich gemeint, daß ich, wenn mir das Volkdie Hand gedrückt, sie nachher waschen werde. — Manmuß .... das Volk mit eigenen Augen gesehen, miteigener Nase gerochen haben. . . ."
Im Gegensatz zu der rohen Masse ist ihm die „Eliteder Nation, die auf den Universitäten .... die feinsteAusbildung erlangt hat". Kann ein „Bourgeois" anderssprechen?
Dies wird genügen, um hinlänglich erwiesen zuhaben, daß Heine als „Genosse" eine Lächerlichkeit insich begreift, daß, wenn nicht vollständige Unkenntnißseiner Schriften oder absichtliches Vertuschen, nichts den„ungezogenen Liebling der Grazien" den Socialdemo-kraten, auch nur im entferntesten, zugesellen kann.
Die Bibel in der Volksschule.
Die Lehre der Protestanten, daß die Bibel diealleinige Norm des christlichen Glaubens und Lebenssei und daß ihr Verständniß der nämliche hl. Geist, dersie eingegeben, jedem heilsbegierigen Leser erschließe, hatnaturgemäß dazu geführt, die Bibel zum Lesebuch derVolksschule zu machen. Lange war sie neben Katechis-mus und Gesangbuch fast daS einzige Schulbuch. Esfehlte nicht an solchen, welche die Realien nur im bibli-schen Nahmen betreiben und die Rechenexempel aus derBibel nehmen wollten. Dabei kam es vor, daß die Bibelmehrmals von vorn nach hinten und von hinten nach vornohne Wahl durchgelesen wurde, also wohl auch dieVolkszählung des 4. Buches Mosts und die Geschlechts-register der Chronik (I), wobei die hl. Stoffe von denstotternden und hinkenden Lesebengeln verhunzt wurden.(Polack, Brosamen I, S. 80.)
Dies ist nun freilich unter der Bewegung der mo-dernen Pädagogik wesentlich anders geworden. Die Bibelhat aufgehört, das einzige Schulbuch der Protestanten zusein. Diese haben, wie die Katholiken, ihre Lesebücher rc. rc.und bei uns sogar eine „Biblische Geschichte" von Buch-rucker. Daneben ist die Bibel doch noch als Schulbuchder Volksschule geblieben. In Bayern ordnet eineCultus-Ministerial-Entschließung vom Jahre 1883 an,daß im 6. und 7. Jahrgang der protestantischen Schulenwährend des ganzen Jahres neben den für den Religions-unterricht bestimmten Wochenstunden eine weitere zumBibellesen verwendet werde. Für Schwaben enthält eineMegierungs-Entschließung vom 9. April 1885 den Lese-plan für beide Jahrgänge. Außer etwa 24 Psalmen istder bezeichnete Lesestoff durchaus dem Neuen Testamententnommen.*)
*) Wie es scheint, haben die Protestanten in den unge-theilten Schulen unseres Kreises für Religion in der Oberklaffesechs Wochenstunden, während die Katholiken vielfach nurVier Wochenstunden haben. Für letztere bestimmt eine Rggs.»Mfchl. v. 14. Sept. 18SS, daß die durch das Regulativ an-
Obwohl der Lesestoff aus den Psalmen und demNeuen Testament genommen ist, und der in der biblischenGeschichte enthaltene Geschichtsstoff als nahezu ausreichendbezeichnet wird, ist doch bisher, soviel bekannt, die volleoder ganze Bibel, wie sie Luthers Uebersetzung ent-hält, im Gebrauch geblieben, und die ernsten Bedenkenhaben bisher keine Beachtung gefunden. Diese Bedenkenbeziehen sich sowohl auf die sittlichen Gefahren, welchemanche Stellen und Partien für die heranwachsendeJugend enthalten, als auf das schwierige Verständnißvieler Partien. Der bereits erwähnte Polack bemerktdarüber: „Manche leugnen zwar die sittliche Gefahr, diein der Lektüre dieser Stellen liegt. Ich weiß aus Er-fahrung, daß sie vorhanden ist. Und die Erfahrung istdie höchste Instanz. In meiner Dorfschule kannten diemeisten älteren Kinder die betreffenden anstößigen Stellen,lasen sie fleißig und machten ihre zweideutigen, ja zotigenBemerkungen darüber. Einzelne ältere Schlingel ver-machten die Kenntniß und das Verständniß dieser Stellenimmer der nachfolgenden Schulgeneration. Ich weiß nochsehr genau, daß mir des Schulmeisters eigener Sohndie Stellen heimlich zeigte und Glossen dazu machte, dieich als neunjähriger Bursche nicht verstand und die mirdoch ein eigenthümliches Gefühl erregten. Erst ziemlichspät ist mir das Verständniß dieser Stellen aufgegangen,und doch habe ich sie vorher mit einem unerklärbarenGefühl daheim immer wieder gelesen."
Gewiß muß der kgl. preuß. Kreis-Schultnspektorhierin als verlässiger Gewährsmann gelten. Die hl. Ur-kunde hat zumal in den Geschichtsbüchern des AltenTestamentes einen Realismus, welchen die heranwachsendeJugend im Allgemeinen nicht ertragen kann. Man denkenur an Erzählungen, wie sie Gen. 19, 34, 39 bietet.Dazu gehören einige Bestimmungen der bürgerlichen Ge-setze 2 Mos. 21 ff. Auch in den Büchern der Richter,Ruth, Samuels und der Könige fehlt es nicht an be-denklichen Stellen und Partien.
Es gehört doch ein sonderbarer pädagogischer Stand-punkt dazu, der heranwachsenden Jugend diese Schilder-ungen von der düstern Nachtseite des menschlichen Sünden-elends als Schulbuch in die Hand zu geben! — Wersagt denn dem Protestanten, daß gerade die bei ihm re-cipirten Bücher die Regel und Richtschnur des Glaubensbieten und daß jeder alle kennen und lesen muß? —St. Paulus sagt: „Ich konnte nicht mit euch reden alsmit geistlichen, sondern als mit fleischlichen, wie mitjungen Kindern in Christo; Milch habe ich euch zutrinken gegeben, nicht Speise; denn ihr vermochtet es nochnicht" (1 Kor. 3, 1). Dieser Rücksicht entsprechen auchmanche Partien der Lehrbücher und der Propheten nicht.WaS soll es für einen 12jährigen Schüler, wenn eSSpricht». 5,18.19 heißt — ich führe den Text Luthers an: „Dein Born sei gesegnet, und freue dich des Weibesdeiner Jugend — sie ist lieblich wie eine Hindin undholdselig wie ein Reh." —
Beim Hohenlied hat schon die alte jüdische Kircheebenso wie die christliche den buchstäblichen Sinn für dieSchale und den höhern geistlichen Sinn als den Kernbezeichnet. Zu dieser geistigen Beziehung vorzudringen,gehört eine gewisse Reife, die bet Leuten der Volksschulekaum anzunehmen ist. Selbst von den Briefen Paultsagt die hl. Schrift, daß darin manches schwer verständlich
geblich frei werdenden Wochenstunden zu gleichen Theilen fürden Sprach- und Rcchenunterricht verwendet werden! In diesemPunkte besteht ylfg. eine auffallend« Disparität!
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