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ist, welches ununterrichtete und leichtfertige Menschen zuihrem eigenen Verderben mißdeuten (2. Petr. 3, 16).
Zwar kann ein besonnener und gläubiger Pädagogenicht mit allem einverstanden sein, was der sogenannteDeutsche Lehrertag schon beschlossen hat. Wenn sich aberderselbe so entschieden gegen den Gebrauch der Vollbibelin der Volksschule ausspricht, so kann man ihm darinnur zustimmen. In dieser Richtung haben die Pro-testanten, die sich so gern mit den Katholiken beschäftigen,eine Aufgabe, die immer dringender wird und die vomStandpunkt der Theologie wie der Pädagogik gestelltwerden muß.
Es ist merkwürdig, daß die Menschen gerade aufdem Gebiete der Jugendbildung so selten die goldeneMitte finden und sich so sehr in Extremen bewegen.Während der Protestant schon dem Werktagsschüler dieVollbibel als eine Art Zaubermittel in die Hand drückt,geschieht katholischerseits in der Heranziehung der Bibelvielfach zu wenig. Einige Lesestücke — darunter einigePsalmen — sollte schon die Volksschule in einer Beigabezur biblischen Geschichte bieten. Statt dessen werden oftdie Bibeltexte des Katechismus zu wenig beachtet! —In den Mittelschulen sollte neben den Katechismen undHandbüchern Lesung ausgewählter Stücke aus der hl.Schrift mit leichtfaßlicher Erklärung nirgends fehlen.DaS halte ich für eine wichtige Forderung.
Die christliche Topographie und die Mystik.
Von Dr. Gustav A. Müller.
Eine Aufsehen erregende Kunde durcheilte jüngst diechristliche Welt: man habe bei EphesuS das Wohn» undSterbehaus der allerseligsten Jungfrau Maria ent-deckt.*) Bereits zogen fromme Schaaren nach derkunnZiL OaxouU genannten Bergödung; Bischöfe be-suchten die ehrwürdige Stätte; es hieß, Papst Leo XIII .habe seinem besonderen Interesse für die Untersuchungdes Platzes Ausdruck gegeben. Die Entdeckung nahmimmer bestimmtere Fassung an; zuletzt fand man nochNeste von Kreuzwegstationen, die sich Maria im An-denken an das Leiden ihres göttlichen Sohnes errichtethaben sollte. Grund für alle diese Annahmen: eineschwache und schwankende Tradition, der willkürlich ge-deutete Name Oaxonli" — Wohnung der All-
heiligen — und die Autorität der gottseligen Augustiner-nonne Katharina Emmerich , jener stigmatisiertenVisionärin, die uns merkwürdige Betrachtungen über dasLeben Jesu und Mariü, in fremder Aufzeichnung freilich,hinterlassen hat.
Es ist ein Beweis für den Ernst katholischerWissenschaft, daß sofort die archäologische und topograph-ische Forschung ein Wort zu dieser auffallenden Ent-deckung sprachen. Dies Wort ist durchaus negativ, ab-lehnend, ja energisch widersprechend ausgefallen. Insonder-heit hat jüngst der hochgelehrte Domdekan von Würzburg ,Dr. Nirschl, in einer glänzenden, die katholische Wissen-schaft hoch ehrenden Studie über das Grab der hl. Maria(Mainz , Fr. Kirchheim) den Beweis angetreten, daßEphesuS nicht im geringsten Anspruch auf die Ehrehaben kann, die Mutter des Herrn beherbergt zu haben,daß die nett entdeckte Stätte zu einem profanen Gym-nasion gehörte, daß die Visionen der Katharina Emmerich im thatsächlichen Gebiet vielfach irren, und daß
*) Siehe den einschlägigen Aussatz in Nr. 52 >cö Untcr-haltungSblattes 1695. D. Ncv. >
andererseits die uralte christliche Tradition, wonach Mariain Jerusalem wohnte, auf Sion starb und bei Gethsemane begraben ward, unantastbar sei! Der Beweis istexegetisch, historisch, archäologisch, topographisch mit über-wältigender Sicherheit geführt. Ich will ihn hier nichtausschreiben und empfehle allen gebildeten Katholiken —auch unsern Gegnern — diese Glanzleistung eines pxiester-lichen Forschers in aufrichtiger Bewunderung.
NirschlS Studie bedeutet aber auch eine — wissen-schaftliche That! Leider war diese That nöthig. ESwird hier ein „Halt" zugerufen jenen gutmüthig gläub-igen Forschern, die den verbindlichen dogmatischen Glaubenmit „frommen Meinungen" verwechseln, kritiklos jede Sagefür echt annehmen und gar beginnen, die Mystik reli-giöser Visionen in die reale Arbeit natür-licher Forschung hereinzuziehen, zum Schadender Wissenschaft. Nirschl beugt sich wie wir vor derrein religiösen, sittlichen, transcendentalen Bedeutungvisionärer Erscheinungen, er verehrt wie wir die gott -geliebten Seelen, denen mystisch enthüllt wird, was unsverborgen bleibt — aber er zeigt die Gefahr, in die wirdurch einen naiven Mysticismus in der Wissenschaft ge-rathen — die Gefahr der Lächerlichkeit und des Betruges!Ein hartes Wort — gewiß l Aber es ist berechtigt, wennwir auf verschiedene Vorkommnisse der jüngsten Zeit blicken,die wenig erfreulich waren. Weniger wollen wir tadeln,wenn fromme Palästinapilger in ihren NeiseschilderungenBezug nehmen auf die Angaben visionärer Frauen: diePilgerfahrt ist ein religiöses Unternehmen und mag derMystik als eines Erbauungsmittels wohl gedenken.Schlimm war es aber, als ein sonst tüchtiger Palüstino-loge und biblischer Topograph, ein Rottenburger Dom-herr, vor wenigen Jahren die heilige Topographie desOrients, die Landkarte des christologischen Palästinasnach den Angaben der sei. Katharina Emmerich — ver-vollständigte. Wesentliche topographische Streitfragen ent-schied der gelehrte Autor nach den Visionen der Nonnevon Dülmenl
Schon principiell besteht kein elementarer Zusammen-hang zwischen Geschichte und — Vision. Zudem, wohört in Visionen das — subjecttve Moment auf?Dann — das Thatsächliche. Die allerschwersten, be-denklichsten, ja geradezu horrendesten Irrthümer und Un-geheuerlichkeiten weist NirschlS Analyse der GesichteKatharina's auf: handgreifliche Unrichtigkeiten. Nunwissen wir Alle und weiß ich aus meiner Handschriften-sammlnng ganz besonders, daß Clemens Brentano ,der Schreiber der Visionen, eine überwuchernde Phantasiebesaß und dieser oft wehrlos unterworfen war: einedler Mensch und unfaßbarer Schwärmer. Was magvon den Einzelheiten der Visionen alles auf sein — ge-wiß ehrlich gemeintes — Conto zu setzen sein? Er selbstverwahrt sich gegen den Anspruch auf — geschichtlicheWahrheit! Und die Forschung sollte trotzdem pietät-voll seine Niederschrift als Offenbarung betrachten?!Nein — die Erhabenheit der Visionen ü la. Emmerichliegt auf einem andern als wissenschaftlichen Gebiete.
Trotzdem würden wir niemals läugnen, daßvisionäre Förderung der wissenschaftlichenForschung möglich sei. Damit würde ich das un-mittelbare Eingreifen Gottes in die Weltgeschicke läugnen.Im Gegentheil — ich glaube an die Möglichkeit autori-tativer Visionen von realem Werth. Ich glaube — ohnesie zu erklären. Der heilige Papst Damafus hat —dies ist Thatsache — auf Grund eines TraumgestchteS