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von Starts" wie geschaffen, ihr die Krone aufzusetzen.In den besseren Kreisen, denen ja auch Pestalozzientstammte, lag Nousseau's Naturevangelium auf demTische. Man lebte parisermäßig. Das Wort „Natur"führten die sogenannten gebildeten Stände stetsfort imMunde. Es wurden Nobinsonaden aufgeführt und dieHerrlichkeiten des Landlebens besprochen und genossen.Jetzt hatten zudem die feineren Städter den Vortheil,daß sie ihr Leben nicht bloß im Winter auf Parkett-böden, sondern auch im Sommer auf dem Lande nochdurchtriebener fortsetzen konnten. Mit Hirtinnen undStallmägden konnte auch ein Gebildeter verkehren, ohnesich das Mindeste zu vergeben, denn auch diese sannenin den Gedanken der Philosophen und redeten die Spracheder Encyklopädisten. Und auf dem Lande? Schwendi -mann, der Cnlturhistoriker, verwahrt sich entschieden da-gegen, daß damals das Bauernvol? in unsäglichem Elendund in höchster Unwissenheit gelegen habe, das einenPestalozzi als „Retter" gebraucht hätte. Es herrschte imGegentheil Wohlstand, und das Schulwesen war ein ge-hobenes. Der schwärmerische Experimentator wurde vondem Landvolkc mit Mißtrauen und Argwohn beobachtet,und für seine Anstalten mußte er seine Zöglinge bis-weilen aus der Ferne kommen lassen.
Verfolgen wir den „Niesenpädagogen" etwas näherauf seinen einzelnen Stationen! Klare Einsicht undfestes Wollen wurden dem Knaben nicht eingepflanzt, ;und sein in sich gekehrtes, schwärmerisches Wesen con-trastirte zeitlebens mit der Weither Wirklichkeit. Voneinem maßlosen Ehrgeiz besessen, kriiisirt er schon seine„unerträglich dummen" Lehrer und trögt sich mit derfixen Idee, ein zweiter Messias zu werden. In seinem„religiösen Katzenjammer" — eigenes Geständnißl —kam ihm nun Nousseau's „Emil" wie gerufen. SeinKopf war ihm nun erst recht verdreht. Er studirt —Theologie und macht schon ein Examen als Pastor, iDoch bald vertauscht er das „reine Wort" mit demvoraus zuri8, um auch diesem nach kurzer Zeitvaleb zn sagen. Das Herz dominirt über den Kopf,und er fängt eine warme Liebschaft an. Da „sie" vielGeld hat, verlangt sie auch von „ihm", daß er sich nacheiner entsprechenden Existenz umsehe. Von andern er-muntert, wirft sich nun der theologische Jurist auf dieLandwirthschaft. 15,000 fl., damals eine gewaltige. -Summe, steckt er in den Boden, der aber wenig her-geben will. Er baut sich ein „reizendes" Landhaus aufden „Ncuhof", in dem er die Schweine im zweiten Stockeunterbringen will. Anfangs treibt er Krappcultur, späteroperirt er mit spanischem Rindvieh. Da seine zukünftigenvermögenden Schwiegereltern nicht mit ihm zufriedensind, so „holt" er seine Anna „ohne Abschied und Dank"vom Hause weg. Nun versucht's der Neuhöfler mit derBaumwollspinnerei; es fehlt ihm aber die Ordnung,Klugheit und Geduld. Man spricht von der Einziehungdes ihm vorgeschossenen Geldes, und die Leute der Um-gegend machen allerlei Bemerkungen über den sonder-baren Landwirth und seine religiös-politischen Ansichten.
Da, in dieser heillosen Verwirrung, geschieht nunetwas, wovon so mancher „Eingeweihte" ein Lied singenkann, was aber den „Profanen" ein Räthsel war undblieb: die Loge wirft sich für Pestalozzi in'S Zeug;sie hat schon längst ein Auge auf den „geeigneten" Mann,und ihren thätigen Agenten ist es ein leichtes, denschwärmerischen Faselhans für den heiligen Bund zu ge-wiMen.'' Pestalozzi «weist sich als höchst würdiger
Bruder, der zuletzt das Haupt des helvetischen Orbtitswird. Die Dreipunkte-Brüder hinter sich: so konntesein Ruhm, fein Weltruf nicht ausbleiben!Er verläßt den Pflug und macht sich auf Anrathen derLoge an die — Erziehung der Jugend, jenes Ge-biet, das die „königliche Kunst" ja mit Vorliebe an sichzu reiben pflegt. — Wie viel ist über den „Vater derWaisen zu Staus" nun geschrieben worden! Um dem-selben einen gehörigen Nimbus zn verschaffen, war esnun vor allen Dingen nöthig, von Land und Leuten umStans die gräßlichsten Bilder zu malen, Bilder, welchedie elendesten Londoner Quartiere in Schatten stellen.Das haben nun Pestalozzi's Biographen bis auf denheutigen Tag pflichtschuldigst gethan. Sie wußten wohlnicht, daß er sein Material für Cultnrexperimente vonweit her holen mußte! Sie ließen ihn als ehrwürdigenPatriarchen unter dem Bettelvolke wandeln, ihn, der nieeinen Schritt in die Hütten der Armuth gethan! Undin den Zeiten seines persönlichen Elendes schüttelt er denStaub von den zerrissenen Schnallschuhen und machtReisen nach Deutschland , um in der Bekanntschaft mitGöthe , Wieland u. s. w. seinen Gram zu vergessen.
Pestalozzi verspürt nun den Drang, seinen Gefühlenin öffentlichen Schriften Luft zu machen. Der Schrift-steller versteht wohl gut zu erzählen und den Dialog zuhandhaben, aber eine solide Bildung geht ihm ab, undwenn die französischen Vorlagen und seine geistreicheFrau nicht gewesen wären, wer weiß, was er zu Tagegefördert!
Da brach die Revolution, mit welcher derwässerige Demokrat schon längst sympathisirte, über dieSchweiz und Stans herein. Pestalozzi bietet in einerSchrift sofort dem Bürgerministerium seine Dienste an,ein Aktenstück, das, nachdem es von den vielen ortho-graphischen und Jnterpunktionsfehlern gereinigt, vom be-rühmten Zschokke im Satzbau geordnet worden war, aufStaatskosten gedruckt wurde. Noch wehr; man gründete,um auf die Stimmung der Kantone einzuwirken, das„Helvetische Volksblatt", das aber unter Pestalozzi'sLeitung nach kurzer Zeit Fiasco machte.
Die geschäftigen Biographen schildern Pestalozzi'sWirken zu Stans als dessen Glanzperiode. Wieaber lag die Sache in Wirklichkeit? Die Leute warenvon der Ankunft des „vaterlandslosen Freiheitsschwärmers"nichts weniger als erbaut; der „Halbnarr" und „Ein-dringling" mit seinen Naturfchilderungen und seiner Ver-nunftreligion wurde den katholischen Nidwaldenern, derenVäter unmittelbar vorher für ihren Glauben und ihreFreiheit in den Tod gegangen waren, gerade vor dieNase gesetzt. Als er mit dem Einzug der Truppen inStaus das ehemalige St. Clara-Kloster verließ, trauertennur die Jlluminaten. — Nun ging's nach Bnrgdorf,der „Heldenzeit seines pädagogischen Strebens und Thuns",wie Blochmann bemerkt. Auch hier wurde Pestalozziimmer unbeliebter; sogar Minister Ncngger sah sich trotzanderweitiger Fürsprache genöthigt, ihm den Posten einesVorstehers abzunehmen. Die moralischen Schläge, dieer erhielt, suchte der „humane" Mann den Kindernredlich heimzuzahlen. „Er prügelte", wie PfarrerBusinger in einem amtlichen Schreiben berichtete, „sehrviel". Als er es nicht mehr aushalten zu könnenglaubt, geht er in's Bad und verlebt fröhliche Tage. ,
Pestalozzi's letzte Station war Iverdon . „InWerden Erzieher der Menschheit, Mensch, Christ undBürger, Alles für Andere, für sich nichts", sieht anf