Ausgabe 
(7.8.1896) 32
 
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dein dortigen Denkmal. Hören wir den schweizerischenGeschichtschreiber und Zeitgenossen Pestalozzi'L, Monnard:Die Behörden von Burgdorf hatten damals nicht ge-wagt, dem Pestalozzi auch nur eine Primärschule anzu-vertrauen. Auch hätte dieser Mann die Vergleichungmit dem allergewöhnlichsten Bewerber nicht aus-halten können." Pestalozzi that sich etwas Zwang anund übernahm eine Stelle. Die Hintersassen waren abermit der an ihren Kindern probirtenneuen Lehre" nichtzufrieden. Ihr energischer Protest hatte zur Folge, daßderNiesenpüdagoge" versetzt wurde. Pestalozzi erhielteine Lehrstelle an einer der untern Schulen der Ober-stadt. Im waadtländischen Schlosse zu Iverdon nunspielten sich allerhandMerkwürdigkeiten" ab. Bekannt-lich hatte hier Pestalozzi die Mitarbeiter Jos. Schwillund Joh. Niederer. Ersterer war ein tüchtiger, prak-tischer Schulmann, letzterer ein philosophischer Schwärmer.Diese zwei Männer aber, insbesondere Schund, verdienenden Ruhm, den heuteVater Pestalozzi" einerntet. Schundwareine ungeheure Kraft", wie ihn Pestalozzi vorzu-stellen pflegte, durch dessen zielbewußtes, thatkräftigesEingreifen die Iverdoner Anstalt europäischen Ruf er-hielt. Doch, wer nennt heute diesen Mann? SeinLehrgeschick und namentlich auch seine positiven religiösenAnschauungen brachten ihm Haß und Mißgunst in einemMaße ein, daß er nach Wien zog, von wo aus erPestalozzi anzugreifen für nothwendig hielt. Die darauf-hin nach Averdon abgesandten Experten konnten keingünstiges Urtheil über dieWeltanstalt" abgeben.Pestalozzi war gänzlich regierungsunfähig, wie Schnydervon Wartensee , der bekannte Componist, der an Pesta-lozzi's Anstalt Musikunterricht ertheilte, schreibt. Die !Disciplin des Hauses war geradezu schauderhaft; das ikollegiale Einvernehmen unter den Lehrern mehr als !traurig. Pastor Niederer hielt es sogar für nöthig, den jErzieher der Menschheit" ^öffentlich von der KanzelPfingsten 1817 alsden Verruchter all des Guten "bloßzustcllen. Dersanfte" Pestalozzi fiel dem An-greifermit Löwenstimme" in's Wort, ließ aber dieSache sonst auf sich beruhen. Er wird wohl gewußthaben, warum!

1825 sank die berühmte Anstalt als existenzunfähigin Trümmer.

Schließen wir! Aus diesen kurzen Andeutungen istzu erkennen, welche Verdienste sich Pestalozzi um dieMenschheit erworben. Wir wissen nun, was wir vomSchöpfer der modernen Schule" zu halten haben. MögeneS auch die jungen Leute in den Seminarien erfahren!Voritas liberabit vos!

Universitäten und Studenten in Rußland .

Von Theodor Hermann Lange.

, (Nachdruck v<tl>oi«n)

Ueber die Zustände an den russischen Hochschulen istman in Deutschland meist schlecht oder mindestens sehrmangelhaft unterrichtet, und man bringt den akademischenVerhältnissen im Zarenreiche nur ein geringes Interesseentgegen. Eine Ausnahme in letzterer Hinsicht bildet dieUniversität Dorpat, deren Umwandlung aus einer deutschen Lehranstalt in ein russisch -slavisches Institut in den letztenJahren in Deutschland bekanntlich mit großer Aufmcrk-famkeit verfolgt wurde.

Keine der zehn russischen Hochschulen kaun aus ein

hohes Alter zurückblicken. Die älteste ist die MoskauerUniversität, welche im Jahre 1755 von der KaiserinElisabeth Petrowna (17411762) begründet wurde, diejüngste die Universität in Tomsk (Sibirien ), welche seitsieben Jahren besteht. Die meisten Universitäten wurdenerst in diesem Jahrhundert ins Leben gerufen. Die Ein-theilung in vier Fakultäten (Theologie, Jura , Medizinund Philosophie) ist in Rußland unbekannt. Eine philo-sophische Fakultät gibt es nicht, aber eine theologische,juristische, medizinische, philologische, mathematische undnaturwissenschaftliche Fakultät. Meist sind aber für dieTheologen der orthodoxen Kirche besondere Akademien(Priesterseminare) errichtet, welche mit der eigentlichenUniversität in keiner Verbindung stehen. DaS be-deutendste katholische Priester-seminar befindet sich inPetersburg und steht unter außerordentlich strenger Auf-sicht der Regierung. Früher befanden sich übrigens inRussisch-Polen eine Reihe katholischer Priesterseminare,welche bis auf einige wenige in den letzten Jahrzehntenvon der Regierung geschlossen worden sind. Die Schließungdieser katholischen Prtesterseminare bildet ein sehr dunklesBlatt in der neuesten Geschichte Rußlands .

Diele Universitäten haben nicht sämmtliche Fakultäten.So hatte die Universität Odessa bis jetzt noch keine medi-zinische Fakultät und erhält sie erst im Laufe diesesJahres, Tomsk hat keine juristische, philologische undnaturwissenschaftliche; vie Petersburger Universität hatkeine eigentliche medizinische Fakultät. Dafür gibt eSaber in Petersburg eine eigene medizinische Akademie usw.Ebenso existiren für die russischen Universitäten keineeinheitlichen Ausnahmebestimmungen (JmmatrikulationZ-rcglements).

Sogenannten Hörern (Hospitanten), sowie Ausländernkann nur infolge besonderer Erlaubniß des Ministers fürVolksaufklärung der Zutritt zu den Vorlesungen gestattetwerden. Die Rektoren haben in dieser Hinsicht niemalsdas entscheidende Wort zu sprechen. Was sonst noch dieAusnahmebestimmungen anbelangt, so bestehen hinsichtlichder Immatrikulation von jüdischen Studenten an sämmt-lichen Universitäten ganz besondere Vorschriften. An derPetersburger Universität werden durchschnittlich nur fünfProzent jüdischer Studenten zugelassen, im TechnischenInstitut in Petersburg nur ein Prozent Juden und inder Ingenieurschule (für Brücken- und Eisenbahnbau)gar keine Juden. In Odessa, Warschau und Tomsk werden augenblicklich zehn Prozent Juden zugelassen,aber auch nur solche, welche mindestens mit der Note 4(ziemlich gut") vo« Gymnasium kommen.

Hin und wieder wird aber doch der Prozentsatz derbei den Universitäten zulässigen jüdischen Studenten über-schritten, und zwar, wenn deren Angehörige persönlichbei dem Minister in Petersburg vorstellig werden. Dazugenügt allerdings nicht eine einzige Audienz, sondern dieBittsteller müssen sich Monate hindurch jede Woche beimMinister melden lassen. Auch Katholiken werden beiihrer Immatrikulation hin und wieder Schwierigkeitenbereitet. ^

Ein mir bekannter polnischer Rittergutsbesitzer beiWarschau, der früher in Sibirien als Verschickter gelebthatte, wollte zwei Söhne Medizin studiren lassen. Siewurden weder in Warschau noch an einer andern Uni-versität immatriknlirt. Da bestach der Vater, wie er mirselbst einmal gestand, einen Ministerin!-Sekretär mit1000 Rubeln. Daraufhin wurden die jungen Leute inMoskau irymatrikulirt. Dieser Fall dürfte übrigens nicht