Ausgabe 
(7.8.1896) 32
 
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Der Priestermangel in Vorderösterreich hatte die bedenk-lichsten Früchte sittlicher Fäulniß gezeitiget; die Türken-gefahr lahmte jeglichen Aufschwung (S. 420 424).Daher Arbeit über Arbeit in der Seelsorgs für den un-ermüdlichen Prediger und Beichtvater. In Wien widmetesich Canisius seit 1552 der Ausarbeitung eines Werkes,das ihn so recht zum geistigen Mittelpunkt der kathol-ischen Restauration machte: wir meinen den Katechismus,welcher 1555 vorerst ohne Namen des Verfassers er-schienen ist (S. 537).

Von Wien eilte Canisius nach Prag , um im Landedes Hus ein Colleg einzurichten (S. 545). Die Mit-theilungen über die böhmischen Zustände sind wohl fürden Historiker interessant, für den Katholiken jedoch nichterfreulich (S. 553). Doch mitten in seinen Arbeiten inWien und Prag vergißt Canisius des Bayernlandesnicht; er correspondirt unablässig mit WIguleus Hundt,Heinrich Schweicker, mit dem hl. Jgnatius, um all dieSchwierigkeiten wegzuräumen, welche sich der Errichtungeines Jesuitencollegs in Jngolstadt entgegenstellten: diebayerische Regierung wünschte gar sehr die Jesuiten , abernicht so, wie Jgnatius seinen Orden mit päpstlicher Gut-heißung eingerichtet hatte, sondern wie sich die herzog-lichen Räthe denselben dachten: als Mittelding zwischenStaatsbeamten und kirchlichen Personen (S. 425, 563,566, 570572, 576578). Canisius kam selbst vonPrag nach Jngolstadt im Oktober 1555, um persönlichdie Unterhandlungen an Ort und Stelle zu leiten(S. 587, 590), und seiner Umsicht und Geduld gelangeS. die Zustimmung des hl. Jgnatius zu dem Plane desHerzogs Albrecht V. zu erlangen. Am 7. Juli 1556gelangten 18 Jesuiten nach Jngolstadt, und wenige Tagedarnach, am 31. Juli 1556, starb der Ordensstifter:Jngolstadt ist sein Benjamin geworden. Noch am 22.Juli ließ der hl. Jgnatius durch seinen GeheimsekretärJohannes de Polanco an Canisius, den er am 7. Juni1556 zum ersten Provinziell für Oberdeutschland bestellthatte (S. 622), schreiben. Damit schließt die Briefsamm-lung des I. Bandes, dem noch verschiedene rnonuEntucunisiunu (652766) über des Seligen Thätigkeit undBeziehungen zu Mainz, Köln, Trient, Bologna , Jngol-stadt, Wien und Prag bcigegeben sind. Die Lektüre dermit flaunensweriheni Fleiße allenthalben aufgesuchten undmit reichhaltigen Noten versehenen Briese des seligenPetrus Canisius war für den Referenten ein geistigerHochgenuß: welch ein Unterschied zwischen den BriefenLuthers (man verzeihe diese Zusammenstellung) und jenendes ersten deutschen Jesuiten ! Während der abtrünnigeMönch von Wiitenberg, zerfallen mit Gott und sich selbst,fast nur Worte des Hohnes, des Spottes, der tiefstenVerachtung gegen Papst und Kaiser, Priester und Mönche,gegen seine Widersacher im eigenen Lager ausstößt,überall den Teufel als Ursache des allgemeinen sittlichenVerfalles trotz des neuen Evangeliums wittert, kommtaus der Feder des Jesuiten kein liebloses, kein hartes,wenn auch berechtigtes Urtheil über den unglücklichenApostaten: er beklagt die traurigen Zustände Deutsch-lands , aber er flucht nicht, sondern er betet, fordertfeine Ordensgenossen und Freunde zum Gebete für daszerrissene Vaterland auf; ja er ist sogar bereit, fürChristus sein Blut zu vergießen (S. 604). Für dieWahrheit und das Vaterland scheut er in Christus keineGefahr (S. 543); denn Canisius ist, wie aus seinenAufzeiAnungen (5559) erhellt, zeitlebens ein getreuerVer'ehrev' des göttlichen Herzens Jesu gewesen. Wenn

wir nach drei Jahrhunderten noch seufzen unter denFolgen der Glaubensspaltung, so zeigen uns die Briefedes seligen Canisius die Mittel und die Wege, durchwelche die von Leo XIII . so sehnlichst begrüßte Einheitherbeigeführt werden kann: Gebet und selbstlose Arbeitim Weinberge des Herrn. Wir schließen mit dem Ge-danken, den unser Seliger zum Weihnachtsfeste desJahres 1555 seinem Gönner Heinrich Schweicker inMünchen übermittelte: Hanasoanciurn äst xrorsns:von lert iioa-ta, illg, xuiria sorcisb veisris stoininm:vasoitur Lüristus, ut renusoeocii raunäo sit uutflor6t 6UN8U (x. 589).

I. H. Pestalozzi .

3. 8. Zu Beginn dieses Jahres wurde das Jubi-läumdes größten Pädagogen" Joh. Heinrich Pestalozzi in der ganzen Welt auf's Feierlichste begangen. Es schien,als ob mit dem Wirken dieses Mannes Erziehung undUnterricht erstmals die richtige Würdigung erfuhren, alsob Elternhaus und Volksschule keinen größeren Wohl-thäter auszuweisen hätten. Auf Lehrerversammlungenund geistlichen Konferenzen wurde Leben und Schassenjenes Schweizers der Betrachtung und Beherzigung em-pfohlen, sein Bild unserer ideallosen und selbstsüchtigenZeit als vollkommenstes Muster hingestellt. Noch ausder letzten allgemeinen deutschen Lehrerversammlung zuPfingsten in Hamburg waren diese überschwänglichenTöne zu hören, und unsere liberale pädagogische Weltwird sich auch fernerhin nicht von ihrem Idol abbringenlassen. ES gibt Leute, die sind nun einmal nicht zu be-lehren und zu bekehren, weil sie eben einfach nichtwollen; sie haben sich in einen Personencult verrannt,ohne den ihrSystem" nicht lebensfähig ist, ohne densie keine Begeisterung und keinen Fanatismus zu er-regen im Stande sind.

Wenn mir jemand auf stichhaltige, vernünftige'Gründe hin, d. h. quellenmäßig klar und über-zeugend, nachweisen kann, daß ich mich bezüglich einerPersönlichkeit und ihres weltgeschichtlichen Werthes geirrt,sie bedeutend überschätzt habe, ja so weh mir diesauch thun mag! mir sogar zeigt, daß jener Mannetwa nur die Rolle einer tendenziösen Parade-figur zu spielen berufen war, so werde ich sofort dank-barst meine historische Anschauung jenes Helden bericht-igen und ihm in meiner Erinnerung jenen Platz an-weisen, der für diejenigen bestimmt ist, die sich aufKosten anderer eine Ruhmesleiter bauten und sichmit fremden Federn schmückten.

Und ein solcher Mann war Joh. Heinr. Pestalozzi IDies für jeden, der sehen kann und will, überzeugendnachgewiesen zu haben, ist das Verdienst eines gewissenI)r. Joh. Schweudimann in Noihenburg (Luzern ). Der-selbe hat vor einem Vierteljahre eine Schrift veröffentlichtPestalozzi im Lichte der Wahrheit", 3. Auflage,Luzern , Räber u. Comp. über welche die radikalePresse, namentlich der Schweiz , unaufhörlich loszieht,ohne aber bis jetzt das kleinste Detail wider-legen zu können. Die alte Geschichte: man schimpftund poltert und fällt in pöbelhafter Weise über denVerfasser her, während man doch im Grunde über denund die erzürnt sein sollte, welche die öffentliche Meinungso schändlich hinter's Licht zu führen suchten.

Einleitend charakterisirt Schwendimann die Zeit, inder Pestalozzi aus die Weltbühne trat; es war eineEpoche des reinsten Nationalismus unddex Seher