Ausgabe 
(14.8.1896) 33
 
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hältnisse, besonders in Mitte des Jahrhunderts. Einferneres Kapitel,Die Regelung socialer Ver-hältnisse durch Intervention des Staates",stellt eine übersichtliche und sehr brauchbare Zusammen-stellung der in den verschiedenen Culturstaaten bestehendenGewerbe- und Arbeiterschutzgesetzs dar, während im letztenKapitel des Buches ein Ueberblick über die verschiedenentrügerischen Lösungen wirthschaftlicher Schwierigkeiten ge-boten wird. Es ist darin vor allem der Socialismusbesprochen.

Im Nachtrage des Werkes werden, wie bereitserwähnt, die Finanz wirthschaft des Staates unddie Aufgabe und das Wesen der politischen Oekonomikabgehandelt. DaS Nachtrags-Buch und das ganze Werkschließen mit einer gedrängten Uebersicht über die Ge-schichte der ökonomischen Wissenschaft ab.

Aus den Ausführungen des Verfassers und tteber-setzers über die Oekonomik des Staates möchten wir nochden die Einkommensteuer behandelnden Passus her-vorheben. Wird diese Steuer doch gerade zur Zeit voneinzelnen Parteien als die allein gerechte verfochten undsoll ferner dieselbe in Oesterreich allgemein zur Ein-führung kommen. Auf das Verlangen, die Gesammt-summe der Staatsausgaben und sogar die Ausgaben derLokalverwaltungen durch die Einkommensteuer aufzu-bringen, läßt sich, wie der Verfasser anführt, nur eineAntwort ertheilen, die sich in das Schlagwort zusammen-fassen läßt: Iwpot unicjus (Seite 459). Das heutigewirthschaftliche Leben ist so complizirt und so vielfältig,daß eine Steuer nirgends und niemals ausreichen wird,um eine richtige und gerechte Besteuerung zu ergeben.Von diesen verwickelten wirthschaftlichcn Verhältnissenhaben die Anhänger der ausschließlichen Einkommensteuer,deren Führer sich fast nur aus Theoretikern und Stuben-gelehrten zusammensetzen, kaum eine Ahnung.

Wir schließen hiemit unsere Andeutungen über denreichen Inhalt der Volkswirthschaftslehre von Devas -Kümpfe. Sollen wir den wesentlichsten Vorzug desBuches kurz hervorheben, so müssen wir mit dem Ueber-setzer sagen: »die entschiedene Betonung derVolkswirthschaftslehre als einer ethischenWissenschaft, als eines Zweiges der Moral-philosophie." Dazu kommt, daß sich der englische Nationalökonom überall als ein logischer Denker undnüchterner Praktiker erweist, welcher bei allen wirthschaft-lichen Erscheinungen gewissenhaft die Licht- und Schatten-seiten abwägt, der nicht von einem fictiven, sondern voneinem wirklichen Menschen ausgeht, welcher nicht mitPhrasen und vorgefaßten Meinungen, sondern mit Grund-sätzen und Thatsachen operirt. Das Buch von DevaS -Kämpfe mag hiedurch für manchen Leser nicht genug desInteressanten bieten, allein gerade das müssen wir alseinen besonderen Vorzug eines objektiven und brauchbarenLehrbuches betrachten.

Die Sprache des Werkes hat nicht die Eleganz der-jenigen vr. Ratzinger's. Aber siezeichnet sich", wiees im Vorworte des UebersetzerS mit Recht heißt,durchKlarheit der Begriffe, durch Kürze und Bündigkeit ineinem Maße aus, daß es von allen, die sich dem Stu-dium der Volkswirthschaftslehre zuwenden, mit großemVortheil gelesen werden wird und für diejenigen, welchesich über die wichtigen, unsere Zeit so mächtig bewegen-den Probleme nicht aus Zeitungs- und Zeitschriften-artikeln, sondern auf Grund eines umfassendem und

tiefern Einblicks in diese verwickelten Fragen ein reifesUrtheil bilden wollen, einen trefflichen Führer bietet."

Wagner und Liszt .

Von Charles Saint-Paul.

(Schluß.)

Chamberlain hat in seinem bekannten Werke überRichard Wagner die Behauptung aufgestellt:Es istnicht mehr Christenthum inParsifal " als HeidenthuminTristan"." Er wurde zu derselben durch die That-sache veranlaßt, daß beide Werke zu gleicher Zeit ent-standen find und Wagner abwechselnd an denselben ar-beitete. Eine gewisse besondere Hinneigung des Meisterszu den christlichen Ideen im allgemeinen ist jedoch nichtzu verneinen. Aber Wagner hat schon sogleich nach derkritischen Periode von 184849 diese kundgegeben, ohnedurch die angeblichen Suggestionen seinesBeichtvaters"Liszt besonders beeinflußt zu werden. Im Jahre 1850behauptete er, daß das Kunstwerk die lebendig dargestellteReligion sei. Allerdings war der religiöse Begriff damalsfür den Künstler noch unbestimmt. In der SchriftUeberStaat und Religion" macht sich, wie Hebert sagt, einegerechtere Art und Weise, das Christenthum zu be-urtheilen, geltend, vertiefter und, vernünftiger als diefrühere Anschauung Wagners . Er hat dieselbe 1864,da er auch die erste Skizze zum Parsifal verfaßte, ge-schrieben. Der erwähnte Autor meint jedoch, damalshabe die religiöse Auffassung Wagners noch einen reinnegativen Charakter gehabt, die Nothwendigkeit der Ent-sagung habe seinen Geist damals insbesondere beschäftigt.Dagegen hat seine religiöse Anschauung einen positivenCharakter angenommen, als er überKunst und Religion"schrieb und den Gedanken derWiedergeburt", derEr-lösung" zum Ausdrucke brachte, die Pflicht der Ent-sagung ergänzt und vollendet fand durch die Pflicht desthätigen Mitleids und der aufopfernden Mildthätigkeit.Diese Schrift ist 1880 entstanden, da der Text zumParsifal bereits vollendet war und Wagner die Musikdazu componirte. Bemerkenswerth ist übrigens noch nachdiesen Klarlegungen, daß Wagner schon im Jahre 1868in einer Unterredung mit Villiers de L'Jsle-Adam, derihn frug, ob er nicht die religiöse Idee lediglich umihrer scenischen Effekte willen benutze, äußerte:*)Aberwenn ich nicht in meiner Seele das Licht und die Liebedes christlichen Glaubens, von dem Sie sprechen, lebendigempfände, so würden meine Werke, die diesen Glaubenbezeugen, meine Werke, in denen ich meinen Geist undmeinen Lebensgang niedergelegt habe, Werke eines Lügners,

eines Affen sein.Der wahre Künstler also, der,

welcher schafft, vereint und verklärt, bedarf der beidenunlösbaren Gaben: Wissenschaft und Glauben. Da Siemich fragen, so vernehmen Sie, daß ich vor allen DingenChrist bin und daß alles, was Sie in meinem Werkeergreift, im Princip nur daraus allein eingegeben undgeschaffen worden ist."

Dem ist nun wieder entgegenzuhalten, daß derBegriffChrist" für Wagner wohl nie an ein Glaubens-bekenntniß gebunden war. Neben demParsifal " ent-warf er im Frühjahr 1866 auch noch ein buddhistischesDramaDie Sieger", in welchem Ananda, der Heldder Entsagung der Liebe, derabsolut Reine" erscheint.Er hatte sich damals, also zu einer Zeit, da er angeblichbereits von seinemBeichtvater" zum katholischen Mysti-

*) Hebert, xx. 121 sg.