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zisums „bekehrt- worden war, im Geiste mehr demBuddhismus zugewandt. Es muß nach allen diesen Be-trachtungen als absurd erscheinen, von der Wirkung eines„bekehrenden" Einflusses Liszt's zu sprechen. Der, welcherden „idealen Gehalt" des Christenthums zu erfassen unddichterisch wieder zu gestalten suchte, hat niemals einerKonfession sich anschließen wollen. So ist auch immereine gewisse Verschiedenheit in der Denkart zwischen denbeiden großen Meistern geblieben.
Die Freundschaft zwischen Liszt und Wagner istnach der Ansicht des Niktzscheaners vielleicht das größteUnglück für die deutsche Kunst gewesen. In seinerCharakteristik Liszt's , dem das Verständniß für nietzsche-anische Ideen fehlte, ist er bemüht, sowohl den Menschenwie den Künstler auf die niedrigste Weise zu schmähen.
„Man betrachte", so schreibt er, „nur Liszt alsschaffenden Tondichter, und man wird zu der Erkenntnißkommen, daß er auch als solcher Virtuose geblieben ist.Als Symphoniker hat er keine neuen Wege eingeschlagen,den» die symphonischen Dichtungen kann man unmöglichals einen Fortschritt bezeichnen. . . . Alle SchöpfungenLiszt's sind von einem undeutschen internationalen Geisteerfüllt, einer jeden tiefen Stimmung bar, und in ihrerZerfahrenheit entbehren sie der einheitlichen Durchführung.Schwüle, krankhafte Sinnlichkeit, musikalischer Masochismusund Sardiswns(sic!), triviale Melodien, oft wahre Gassen-hauer, zerhackte Harmonien und instrumentale Effektstückchen,das sind die charakteristischen Merkmale der Compositionendes Ungarn Liszt , dessen Umgangssprache die französischewar und den uns die Herren Wagnerianer als einendeutschen Tondichter aufhalsen wollen." An anderer Stellebemerkt der deutsch -reformerische blasphemische Kritiker:„Seine Compositionen sind ein Gemisch von sinnlichsterEkstase und ödester Langeweile."
Liszt sei, so meint der Lästerer, nach außen hin derdenkbar frömmste Katholik gewesen, habe jeden Tag dieMesse gehört, in verzücktester Ekstase vor dem Kruzifixstundenlang gebetet, in seinen Compositionen aber seinerSinnlichkeit freien Lauf gelassen; das „Ewig-Weibliche"habe für den greisen Liszt ebensoviel Reiz gehabt, wiefür den jungen Klaviervirtuosen, der es in jungen Jahrenziemlich bunt getrieben habe rc. Von welcher hohen Sittlich-keit erfüllt stehe da die Gestalt des Germanen Wagnervor uns, aus dessen Leben wir von keiner Liebcsaffaire,in dem gewissen bedenklichen Pariser Geschmacke, wüßten.„Der Bayreuther Meister war eben eine offene, ehrlicheNatur und kein Heuchler."
Es ist nicht zu verwundern, daß ein Kritiker wieunser Autor schließlich auch noch der Meinung Ausdruckgibt, daß Liszt's Begeisterung für Wagner wenig un-eigennützig gewesen sei, da das Licht, das Wagner'sGenius in unserer Zeit über alle Welt verbreite, aucheinen Abglanz auf Franz Liszt werfe und unsereWagnerianer begeistert rufen: „Wagner ist Wagner , undLiszt ist sein Prophet." (l)
Den bisherigen Schmähungen und widersinnigen Be-hauptungen des modernen „Uebermenschen" schließt sichebenbürtig sein Urtheil über Bayreuth an: „So schwebtdenn Liszt's Geist über Bayreuth , und ein kunterbuntesModepublikum strömt stets bei den Festspielen zusammen,um der Heilslehre des modernen Theaterchristenthums zulauschen. So haben wir Deutsche statt des erhofftennationalen Theaters eine internationale Modeheilstättefür weltflüchtige, ausgelebte Lebemänner, emancipirteUmerikgMiynen. v errlM Engländer und aste Bet-
schwestern erhalten! Und an allem ist das Propheten-thum Liszt's schuld."
Bezeichnend und für alle Nietzscheaner und Deutsch-reformer erhebend sind noch die Hoffnungen, die der großeKritiker am Schlüsse seiner Leistung ausdrückt: „Diedeutsche Kunst, deren gewaltiger Herzensschlag auch inWagner's Brust gepocht, als er seinen „Ring der Ni-belungen" oder „Die Meistersinger von Nürnberg " schuf,wendete sich ab von diesem Treiben und schreitet ihrerEntwicklung entgegen, in ihrer erhabenen, schlichten Ein-fachheit. — Durch Wagner aber führt der Weg derdeutschen Kunst zu noch idealeren Zielen, in ihrer stetenReinigung von fremden Schlacken, und wenn das deutscheVolk durch eine nationale Wiedergeburt sich zur herr-lichsten Blüthe seiner nationalen Eigenart auf allen Ge-bieten deS menschlichen Lebens entfaltet haben wird, dannwird es auch erlöst sein von „Parstfal", dem heiligenGral und von den „Wagnerianern"."
Solche Vorkämpfer „nationaler Wiedergeburt" wiedieser Kritiker müssen die nationalen Reformideen inihrem Werthe für christliche Kreise sehr zweifelhaft(„zweifelhaft" ist uns an diesem deutsch -nationalen Re-formschwindel überhaupt nichts mehr. D. N.) erscheinenlassen. Die Erlösung vom Christenthum , die Wieder-geburt des Heidenthums, die sie so offen und blasphcmischverlangen, werden sie so bald nicht erreichen. Zu ihrerEntrüstung wird unser nationales Leben und unsere Kunstvielmehr eher der christlichen Veredlung zugeführt werden,die bedeutende Männer nach ihrer Erleuchtung anstrebten.Und die „heiligen Wotanseichen" des entarteten modernenDeutschthums, dieser modernen „Uebermenschen", werdenwohl in dieser neuen Siegesära des Christenthums wiedergefällt werden, und dann wird „wahrste Menschlichkeit"und „allgemeinste Menschenliebe", die sie in ihrer Ver-irrung im Heidenthume suchen, überall triumphiren.
Ein LiteratiirLild aus der Gegenwart
I.
Umschau.
„Es geht ein Trauerlied von Land zu Land, vonMund zu Mund: Wir haben keine Ideale mehrl" Soschrieb vor etwa anderthalb Jahrzehnten der geistreichePrälat Hettinger in die Welt hinaus. Seitdem sind wirnäher gerückt der Neige des Jahrhunderts, eines Jahr-hunderts, das groß wie keines ist, eines Jahrhunderts,das gleich dem stolzen Münster, das mit seinem schlankengothischen Bau in schwindelnde Höhe sich hebt und dasbescheidene Kirchlein verschwinden macht, so die voraus-gegangenen Jahrhunderte überragt, eines Jahrhunderts,wo im Gegensatze zu den früheren, die vorwiegend inStahl und Eisen geklirrt, der Geisterkampf in hellenFlammen lodert, wo in kreischendem Papiergeräuschblendende Geistesblitze die Welt durchzucken, eines Jahr-hunderts, wo die Schlagwörter von Welt-Fortschritt,Welt-Verbesserung und Welt-Beglückung die Reihen derseltsam zusammengewürfelten Menschheit mit Windeseiledurchlaufen, eines Jahrhunderts, dem die Kunst eigen ist,die weite Kluft vom Höchsten bis zum Niedrigsten zuüberbrücken! In nie geahntem Aufschwünge haben dieWissenschaften, vorab die Naturwissenschaften, sich Bahngebrochen durch den dunklen Schacht der Weltschöpfung;rastlos, ruhelos wetteifern Geister wie Stahl, Seelenwie Feuer in Ergründung der Naturgesetze selbst, mit.