Ausgabe 
(14.8.1896) 33
 
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Hintansetzung ihrer Gesundheit, mit Aufbietung unsäg-lichen Fleißes und Scharfsinnes. Das ist ein Ringenund Forschen, ein Suchen und Streben, bis Sichtbares,Tastbares und Meßbares das Ergebniß erfolgreichen Be-trachtens wird. Um uns zu überzeugen, genügt es, einenBlick zu werfen in die Laboratorien der Chemie, Botanikund Mineralogie, in die Institute für Physik und Hy-giene, in die Anatomien, die Amphitheatern vergleichbarsind. Unsere Bewunderung aber erreicht den Gipfelpunkt,wenn wir hinaufsteigen zu dem stillen Gelehrten, der überden andern Menschen thront, der in nächtlicher Stille,wenn längst unter ihm seine Mitmenschen schlummerndin Träumen sich wiegen, mit dem Aufwande aller nurerdenklichen Anstrengung den Sternenhimmel zu ent-schleiern sucht.

Lobredner haben dar neunzehnte Jahrhundert dasdes Dampfes genannt. Dieser ehrende Beiname besagtheute, an der Wende deS Jahrhunderts, bereits zu wenig.Elektrizität ist heute die Zauberkraft, ist heute die Herr-scherin der Welt. Wagenzüge, die eine halbe Welt mitsich zu führen scheinen, kommen angefahren, wie von un-sichtbaren Händen gezogen. Fürwahr, ein goldenes Zeit-alter verspricht anzubrechen. Der Norden, der einst soglühend nach den italienischen Gartengefilden, wo rauschenddie Pinie sich neigt, sich sehnte, schafft heute im kühlendenKastanienhain sich selbst Italiens Hesperidengarten. Inlieblichen Sommernächten, wenn die Feste der lebens-lustigen Menschen rauschen, wenn froh die Herzen schwel-gen, glitzert's und funkelt's bei elektrischem Lichtglanzdurch das üppig grüne Laubwerk hindurch in feenhafterSüdlandspracht, gleich als sollte nun auch der Nordenwerden

. . . dos Land, wo die Citronen blübn.

Im dunklen Laub die Goldorangen glüh'n,

Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,

Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht!"

Da wandelt nicht mehr allein die schwarzgelockteSüdländerin mit den feurig glühenden Augen, hier er-geht sich auch die flachszöpfige Blondine mit zwei schönenblauen Augen in schwärmerischer Lust.

Wir halten inne und fragen uns sinnend:Wosind die Ideale? Sind sie denn zerronnen in uferlosenSand?" Wahrlich, wir möchten dies glauben. Dennnicht der reine Fortschritt ist's, der Künste und Wissen-schaften beseelt; zeitlicher Gewinn, eitler Ruhm undblasser Neid schaut aus allem heraus den Wissen-schaften unserer Tage ist der Geist tiefinnigen Glaubensabhanden gekommen, die Ergebnisse ihrer jahrlangenForschungen legen sie nicht als Weihegeschenke auf denAltar des Allerhöchsten, sie wollen nur theilnehmen anden großen Gedanken des Jahrhunderts. Das ist nichtklingendes Wortspiel, das ist die nackte Wirklichkeit.

Wir haben keine Ideale mehr!" Sollte dieses Wortdenn wirklich auch im Lande der Dichter und Denkerwahr geworden sein? Sind die Musen an Deutschlands Fluren vorübergegangen, ohne aus dem Füllhorn ihrerschönen Gaben Germaniens Söhnen das Edelste und Er-habenste mitzutheilen? Wir haben Gottlob noch Ideale,vor allem die Ideale der Poesie, die wie die heiligeTempelflamme der Best« nie erlischt.

Singe, wem Gesang gegebenIn dem deutschen Dichterwald lDas ist Freude, das ist Leben,

Wenn's aus allen Zweigen schallt«"hat der Minnesänger des neunzehnten Jahrhunderts inhie deutschen Gaue laut und hell hineingesungen. Freud-

igen Widerhall hat er da und dorten gefunden, und treueJünger folgen wohlgewuth Meister Uhland's Spur. Sichdurch das Schlingkraut rationalistischer Wüste durchzu-hauen, ist den Romantikern nicht gelungen; sie kämpftenfür einen Glauben, dem sie im Herzen nicht zugethansein durften. Eichendorff sagt:Der Inhalt der Ro-mantik war wesentlich katholisch, das denkwürdige Zeicheneines fast bewußtlos hervorbrechenden Heimweh's desProtestantismus nach der Kirche." Uhland steht an derWetterscheide der Romantik und der neuesten Zeit. Erund Eichendorff , der letzte Ritter der Romantik, warfender hoffärtigen Kunstpoesie den zierlich gefalteten Mantelab und wischten ihr die Schminke vom Gesichte. Einewackere Schaar ist ihnen nachgefolgt; hiezu zählen fastalle katholischen Dichter nach ihm.

Freilich ist eS ein hartes und mühevolles Ringenfür sie, aufzukommen neben jenen Zunftgenossen, diedurch daS schillernde Feuerwerk des Witzes wie durchdie glatte und verlockende Anmuth der Liebespoesie bisins innerste Mark der Seele hinein Verderben anrichten,deren Urheber der ungezogene Zögling der GrazienHeine ist. Man braucht eben nicht ein Pedant derSittlichkeit oder ein Pietist zu sein, um Heine zu be-zichtigen, er habe die liederlichste Dirnenpoesie volks-thümlich und hoffähig gemacht, weßhalb er ja auch derLiebling der Lebewelt und nicht am wenigsten der leicht-lebigen Damenwelt geworden ist. Wie viele Hundertevon Sammlungen solcher und ähnlicher Gedichte sindseither gedruckt worden? Allerliebste kleine Büchlein sindes, die der geschniegelte Stutzer in der Westentasche undder blondzöpfige Backfisch in feinem Muff trägt.

Was Wunder, wenn man noch vor zwanzig Jahrenselbst in Kreisen der Katholiken nur mit verächtlichemAchselzucken von einer katholischen poetischen Literatursprach? Ja, es hat vor uns Zeiten gegeben, wo einkatholischer Dichter ein rnra avis war. Gott sei Dank,es ist um vieles besser geworden. Die Zeiten der Nothund Bedrängniß haben katholisches Bewußtsein wach-geweckt. Damit ist auch zugleich ein Geistesfrühling überdie katholische Literatur Deutschlands gekommen. JenerHauch des Idealen, der auS dem Verständnisse allesEdlen und Schönen hervorgeht, hat manche Blumenkuospewach geküßt.

Soll ich nennen die Namen eines Sängers derAmaranth", eines Dichters vonDreizehnlinden" undderen Genossen? Nein, sie sind zu bekannt, als daß sieder katholischen Leserwelt nochmals eigens vorgestellt werdenmüßten. Wir wollen heute einen Lustgang machen in dendeutschen Dichterwald, der jetzt noch grünend steht. DerAbtheilung der zeitgenössischen katholischen Dichter werdenwir unsere ganze Aufmerksamkeit schenken. Von den ein-zelnen Gruppen, die nach den Schlagwörtern Lyrik, Eposund Drama sich sondern, wollen wir die klangvollstenSänger namhaft machen.

II.

Die zeitgenössischen katholischen DichterDeutschlands .

1 .

In der Lyrik geht der Gegenstand der Dichtung inder eigensten Herzensempfindung auf. Der Dichter redethier allein, indem er nur den Widerhall gibt, den einEreigniß, welcher Art nur immer es sein mag, in seinemHerzen geweckt hat. DaS Lied ist der überschwellendeErguß der Seele, die ihr namenloses Sehnen und Em-Pfinden nur in sangbarer Weise befriedigen kann., isn?