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sagbar sind die Gefühle, denen ein Lied entquillt. Wirhaben schon der Aufführung einer Tonschöpfung beige-wohnt. Wenn Sopran und Alt wie leichtes Gewölleüber dem Ganzen schwebt, weitet eine überschwenglicheFülle von Empfindungen und Gefühlen die Menfchen-brnst. So ähnlich ungefähr sind die Vorgänge im Sänger-busen, wenn ein Lied im Entstehen begriffen ist. DasHerz, sei es nun voll von Freud ' oder Leid, findet Stillungim Liede.
Als vor fünfundzwanzig Jahren der Herr der Heer-scharen unsere Heere von Sieg zu Sieg auf Frankreichs sonnendurchglühten Fluren geleitete, bis endlich das stolzeBabel an der Seine in der eisernen Umarmung derdeutschen Krieger lag, als Siegesjubel von Deutschlands Söhnen in die geliebte Heimath drang und hoch dieWogen nationaler Begeisterung und Freude flutheten, dawar des Siegesjubelgefangs kein Ende mehr: aus allenGauen, vom hohen Fels zum weiten Meer, erscholl daShohe Lied von Friede, Sieg und Einigkeit aus dem Mundeberühmt gewordener Dichter, deren nicht weniger als fünf-undzwanzig zu nennen wären, und zwar Namen vongutem Klang.
Der äußere Krieg war inzwischen dem inneren ge-wichen. Unter den neugeeinten deutschen Stämmen tobteder Kampf um das heiligste Gut. Wieder wurden Siegeerfochten, diesmal von Deutschen gegen Deutsche, Deutsch-lands Katholiken haben nach schwankendem Geisterkampfegesiegt. Auch da hat es nicht an Sängern gefehlt;sangesfrohe deutsche Katholiken haben aufgemuntert undbegeistert zum Kampfe für die höchsten Güter, sie habenaber auch gejubelt und gejauchzt, froh des errungenenSieges. Von da ab ist es freier, lebendiger und fröhlichergeworden unter den katholischen Dichtern Deutschlands .
Ein würdiger Sohn der pocsiereichen heiteren Rhein -lande ist der Jesuitenpater Wilhelm Kreiten (geb.am 22. Juni 1847 zu Gängelt i. d. Rheinprovinz ). Ineiner ereignißvollen und gährenden Zeit ist er auf derliterarischen Arena erschienen. Als gediegener Literatur-kenner und Biograph wie als begabter Dichter hat ernicht am wenigsten zum Aufschwünge der katholischenLiteratur beigetragen, wovon die „Stimmen aus Maria-Laach" beredtes Zeugniß geben. Kreiten gehört zu denMitbegründern unserer heutigen katholischen Poesie undLiteratur. Einen lieblich duftenden Blumenstrauß, „DenWeg entlang", hat er uns gepflückt. Freilich schwirrtheutzutage die Lust voll „Frühlingslieder", aber wennKreiten zu singen anhebt, ist es nicht minderwsrthigespoetisches Lallen — da ist alles Poesie. Stille Wehmuthist der vorherrschende Ton seiner Dichtung, doch ist esnicht der zerrissene Weltschmerz eines Byron, Hölderlin oder Lenau , denn hier ist Wehmuth geadelt durch eingläubiges Gemüth. Selbst durch seine Frühlingsgedichtetönt die melancholische Stimmung durch, die wohl daherrührt, baß er häufig aus Krankenbett gefesselt ist, darumes auch oft wie Todesahnen durch seine Gedichte zieht.So klingt „Der Lenz" aus:
Nur einsam still eine Jungfrau
Im weißen Schleier steht;
Es wacht beim Grabe des Frühlings
Die Lilie im treuen Gebet.
Die Gedichtsammlung „Den Weg entlang" ist einekostbare Perle, ein reicher Schatz tiefer Lieder, die mitihren lieblichen innigen Klängen sich in die Seele ein-schmeicheln.
(Fortsetzung kolat.1
Universitäten und Studenten in Rußland .
Von Theodor Hermann Lange.
(Nachdruck vikbolen.I
(Schluß.)
Die Universitätsrcktoren werden von der Regierungernannt und bekleiden das Rektorat oft viele Jahrehintereinander, bis sie entweder in eine höhere Stellungberufen oder peusionirt werden. Ein Verkehr zwischenStudenten und Professoren findet außerhalb der Hör-säle kaum statt. Zu den Bällen und Festlichkeiten inden Familien der Professoren werden die Studenten,abgesehen von den Söhnen eines Ministers, eines hohenOffiziers usw., nicht geladen. Für gewöhnliche Sterbliche,vor allem für arme Studenten, sind die russischen Pro-fessoren ganz unzugänglich. Oeffentliche Studentenver-sammlungen, Commerse und dergleichen, welche von Nni-versitütsprofefforcn besucht werden konnten, sind in Ruß-land verboten.
Die großen Sommerfericn währen an den russischenHochschulen vom 15. Juni bis 15. August, die Oster-und Weihnachtsferien je 3 Wochen. Das fröhliche undheitere studentische Leben, wie in Deutschland, Wien usw.,ist in Rußland gänzlich unbekannt. Verbindungen oderVereine zu wissenschaftlichen oder geselligen Zwecken sindnicht gestattet. Dafür gibt es desto mehr geheime Ver-bindungen mit ausgesprochen politischem Charakter. Diefrüher in Dorpat nach Art der deutschen Verbindungenbestehenden Studentenvereine sind von der Regierunggrößtenthcils aufgehoben worden, thcilweise haben sie sichselbst aufgelöst. Dafür herrscht aber in den geheimenstudentischen Cirkeln und Vereinen ein desto regeresLeben. Man treibt darin mit Vorliebe Politik, natürlichnicht regierungsfreundliche, man beschäftigt sich vor Allemmit der socialen Frage und socialem Problement undleider auch viel mit socialistischen und nihilistischen Prin-cipien. Natürlich spürt die Polizei diesen geheimen Cirkelneifrig nach, und von Zeit zu Zeit gelingt es ihr auch, dieMitglieder einer solchen Vereinigung zu verhaften. Einsakademische Gerichtsbarkeit gibt es in Rußland nicht undsomit auch keinen „Carcer ". Die einzige Strafe, welchedie Universität verhängen kann, ist die Relegation. NurPolizei und Gerichte verurtheilen die politisch oder sonst-wie compromittirten Studenten, und zwar entwederzu Gefängniß, Zwangsarbeit oder Verbannung nachSibirien .
Im Allgemeinen sind die russischen Studenten armeTeufel. Die wenigen reichen Söhne von hohen undhöheren Beamten, höheren Offizieren, Großindustriellen usw.verschwinden in der Masse vollständig. In Petersburg undMoskau bestreiten viele Studenten alle ihre Ausgaben mit20 Rubeln monatlich (44 M.). Ein Student in Toms!schrieb mir vor mehreren Monaten, daß dort zahlreicheStudenten für die volle Pension monatlich nur 15 Rubel(etwa 32 M.) zahlen, Heizung und Beleuchtung einbe-griffen. Die wohlhabenden Studenten in Tomsk zahlenetwa 30—35 Rubel für die Pension. In dem in Toms!erscheinenden „L1bir8!ei ^Vzostiritr" finde ich öfters An-zeigen, worin Studenten sich zur Ertheilung von Privat-unterricht, zur Buchführung bei Kaufleuten, zu Ueber-setzungen usw. anbieten. In Tomsk gehen Studentenmit Erlaubniß ihrer Professoren bis zu neun Monatenin „Condition", d. h. sie nehmen für diese Zeit Stellungals Hauslehrer an und arbeiten für sich weiter. Nur einbis zwei Monate vor den Prüfungen müssen sie pünktlichwieder eintreffen. Natürlich ertheilen auch zahlreiche