Ausgabe 
(21.8.1896) 34
 
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21. Aug. 1896.

Der dritte internationale Congres; für Psychologie.

Von Charles Saint-Paul.

Ehe wir näher auf die Verhandlungen des III. inter-nationalen Kongresses für Psychologie, der vom 4. bis7. August in der süddeutschen Metropolis eine großeZahl hervorragender Gelehrter des In- und Auslandesvereinigte, eingehen, müssen wir einige Worte über diepsychologischen Kongresse im Allgemeinen sagen.

Der erste internationale Kongreß fürphysiologischePsychologie" fand im Jahre 1889 während der Welt-ausstellung in Paris unter -der Leitung des Pros. Ribotstatt. Veranlassung zu demselben, für dessen Organisationinsbesondere Pros. Charles Nichet thätig war, gab dasZusammenwirken derpsychologischen Gesellschaften", diesich in den Hauptstädten verschiedener Länder zum Studiumder hypnotischen Erscheinungen und dertelepathischenHallucinationen" gebildet hatten. Er war also vorzugs-weise einem engeren Gebiete der Experimentalpsychologiegewidmet. Den zweiten Kongreß, der in London imJahre 1892 zusammentrat, hatte man einen solchenfür experimentelle Psychologie" genannt; jedoch wurdeschon während desselben ein weiterer Kreis psychologischerMaterien behandelt.

Auf diesen folgte während der Weltausstellung inChicago eininternationaler Psychikercongreß", der wiederausschließlich der Experimentalpsychologie gewidmet warund während dessen sogar einige Redner spiritistischeFragen schüchtern zu behandeln wagten. Derselbe hatteaber selbstverständlich ein anderes Organisationscomitäals die beiden ersten Kongresse und wurde von ihrenLeitern nicht in Betracht gezogen.

Letztere hatten vielmehr beschlossen, die folgendePsychologenversammlung im August 1896 unter dem Vor-sitze des Pros. Dr. Stumpf in München stattfinden zulassen. Mit der Durchführung der Organisation warDr. Freiherr von Schrenck-Notzing betraut worden, demhicmit eine kaum zu überwältigende Aufgabe zugefallenwar. Denn es bildete sich die Absicht, diesmal das ganzeGebiet der Psychologie zu berücksichtigen. Man theiltedasselbe in mehrere Sektionen, im ganzen fünf, vondenen die erste Anatomie und Physiologie des Gehirns,Physiologie und Psychologie der Sinne, Psychophysik,die zweite Psychologie des normalen Individuums, diedritte Psychopathologie und criminelle Psychologie, dievierte Psychologie des Schlafes, Traumes, der hypnot-ischen und verwandter Erscheinungen, die fünfte endlichvergleichende und pädagogische Psychologie umfaßte. Manhatte für jede dieser Sektionen, neben den allgemeinen,3035 Vortrüge in Aussicht gestellt. Man kann deß-halb wohl, wie Pros. Stumpf in der Eröffnungsredezum Kongresse, von beängstigender Mannigfaltigkeit vonVortrügen sprechen.

Es war vorauszusehen, daß hiedurch die Folgen derUeberbürdung sich zeigen mußten. Eine Vertiefung indie einzelnen Themata war wohl nicht immer möglich;man mußte suchen, möglichst rasch zu Ende zu kommen.Unserer Ansicht nach würde der Werth solcher Kongressejedenfalls erhöht werden, wenn man nur das Allerwichtigsteund actuell Hervortretende auf den Einzelgebieten zumGegenstand der Vortrüge machen würde.

Gehen wir nun auf die Arbeiten des Kongressesnäher ein! Bemerkenswerth war in der ersten Sitzung

desselben nach der erwähnten Eröffnungsrede, in welcherPros. Stumpf die Fortschritte und Aufgaben der Psycho-logie zu kennzeichnen suchte, die Aeußerung des Kultus-ministers Ritter v. Landmann, der, auf den Werth inter-nationaler wissenschaftlicher Kongresse im allgemeinen unddes eröffneten Kongresses im besondern hinweisend, dieHoffnung aussprach,daß die psychologischen Kongressedazu beitragen würden, die große Gefahr, welche demöffentlichen Leben der Kulturvölker aus gewissen psycho-logischen Theorien erwachsen könnte, zu beseitigen", undseiner Ueberzeugung Ausdruck gab, daß diese Kongresseden alten Glauben an die Verantwortlichkeit desMenschen für seine Handlungen nicht erschüttern, sondernbefestigen werden.

Sehr befremdend mußten nach diesem Wunsche dieBehauptungen des Pros. Dr. Franz v. Liszt (Halle a. S.)überdie criminelle Zurechnungsfähigkeit" wirken. Ersprach die Ansicht auS, daß die Zurcchnungsfähigkeit nurgefaßt werden könne als normale (nicht freie) Bestimm-barkeit durch Motive und durch geistige Reife bedingtsei; die Strafe also als Motivsetzung, Abschreckung er-scheine.Die überlieferten und heute noch herrschendenethischen Werthurtheile, denen eine vorsichtige Kriminal-politik Rechnung tragen muß(I), auch wenn sie wissen-schaftlich sie als Vorurtheile verwirft, verlangen eine Be-strafung, nicht bloß die Unschädlichmachung, des (eigent-lich unzurechnungsfähigen) Gewohnheitsverbrechers; sieverlangen strenge Sondcrung des Zuchthauses von denAnstalten für gemeingefährliche unheilbare Geisteskranke." Die Aeußerung derartiger Anschauungen war wohlnicht geeignet, die Sympathien gewisser Kreise für vieLeistungen des Kongresses zu erhöhen.

Was die sonstigen allgemeinen Vortrüge anbelangt,so erscheint es uns, da wir viele wichtige Themata, diein den Sektionssitzungen erörtert wurden, zu behandelnhaben, unmöglich, in gleicher Weise den Inhalt sämmt-licher zu berücksichtigen. Aus der ersten allgemeinenSitzung ist noch der Vortrag des berühmten Pariser Psychologen Charles Nichet8ur 1g, äoulour" zu er-wähnen, der, das Thema zunächst vom physiologischenStandpunkte aus betrachtend, am Schlüsse seiner geist-vollen Klarlegungen im Schmerze ein höchst zweckmäßigesMittel findet, welches das Verhalten der Individuen deräußeren Welt gegenüber regelt, sie vor weiterer Schädigungbewahrt und sie zu höherer Entwicklung emporführt.

In der zweiten allgemeinen Sitzung war besondersder Vortrag des Prof. Dr. Paul Flechsig aus Leipzig über die Associationsceutren", der zu lebhaften Aus-einandersetzungen zwischen Psychologen und Physiologenführte, von Interesse?) Nach kurzer Klarlegung derEntwicklung der Lehre von der Lokalisation der seelischenVorgänge in der Hirnrinde bezeichnete er seine Methode

*) Hier sei noch des Vortrages des Pros. G. Sergi ausRom über das Thema »vov's la, socls clölls Lmomoui?- (Woist der Sitz der Gefühlserregungen?) gedacht. Redner legte demKongresse das Ergebniß seiner Forschungen dar, das er in einemgrößeren Werke: »Ooloro o kiaosro. Ltoris, naturals äei sonti-monti. Llilano 189-1- veröffentlicht hat. Das Centrnm deSGefühlslebens ist seiner Ansicht nach nicht das Gehirn imengeren Sinne, in dem sich die Pbänomene des Bewußtseinsabspielen, sondern das verlängerte Rückenmark. Der Sitz derGefüblscrregnngen aber ist peripberisch (tsoris, xeriksiiea äellsomomoui); sie entstehen durch Veränderungen im Blutlaus, i»der Ernährung, Athmung und Ausscheidung.