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als die anatomisch-entwicklungSgeschichtliche im Gegensatzezur klinisch-pathologischen; sie hat den Zweck, die Leitungs-bahnen, welche zu verschiedener Zeit in der Großhirn-rinde entstehen, festzustellen und in ihrem Wachsthum zuverfolgen. Durch seine Beobachtungen wurde er zu derAnnahme geführt, daß es die Sinnesleitungen sind, dieallen andern vorhergehen, die centripetalen Nervenleit-ungen, welche die Sinnesorgane und die empfindlichenOrgane des Körperinnern mit der Großhirnrinde ver-knüpfen. Faßt man, wie er weiter erklärt, die Ent-wicklung der Sinnesleitungen näher ins Auge, so ergibtsich, daß keineswegs alle Sinnesorgane gleichzeitig mitder Großhirnrinde in Verbindung treten. Es bestehtvielmehr eine Reihenfolge dergestalt, daß zuerst die Leit-ungen der Körpergefühle einschließlich des Tastsinnes zurGroßhirnrinde vordringen, annähernd gleichzeitig die fürden Geruch, erheblich später die Sehleitung und zuletztdie Hörleiiung. An der Hand dieser cntwicklungsgeschicht-lichcn Differenzirung lassen sich folgende Fundamental-sätze forruuliren bezüglich Umfang und Anordnung der„corticalen Sinncscentren" der Sinnessphären in derGroßhirnrinde: 1) Dieselben nehmen beim Menschen nureinen Theil, etwa ein Drittel, der Großhirnrinde ein.2) Sie stellen nicht insgesammt ein Continuum dar,sondern sind von einander durch Nindenbezirke getrennt,in welche weder sensible, noch motorische Leitungen ein-treten. 3) Sie bilden vier distinkte Bezirke von ver-schiedener Größe; am weitesten ausgedehnt ist das Ninden-centrum der Hinteren Wurzeln des Rückenmarkes, amkleinsten die Nicchsphäre.
Die Sinncscentren sind vermuthlich ausnahmslosgemischt sensorisch-motorische Bezirke; das Tonangebendein jedem Centrum ist aber die eintretende Sinnesleitung,welche auf psychisch-reflektorischem Wege die Bewegungs-bahnen innervirt. Betrachtet man das Gehirn des Nen-gebornen näher, so ergibt sich, daß die einzelnen Sinnes-sphären untereinander fast vollständig leitender Ver-bindungen entbehren. Verfolgt man aber die Entwick-lung der Leitungsbahnen der Großhirnrinde weiter, sofindet man, daß schon im zweiten Lebcnsmonat zahl-reiche markhaltige Faserzüge sichtbar zu werden beginnen,die von den Sinncscentren aus hereinwachsen in dieRestgebiete und in deren Rinde verschwinden. Es handeltsich um Leitungsbahnen, welche man seit Mcynert alsAssociationssysteme bezeichnete, also Leitungen, welche ver-schiedene Abschnitte der Großhirnrinde mit einander ver-knüpfen, die Thätigkeit der nervösen Elemente verschiedenerNindenbezirke associiren. Mit dem weiteren Wachsthumdes Neugebornen strömen Millionen und aber Millionensolcher Assoctationsfasern in den Zwischenstücken zusammen,und zwar gehen sie zunächst überwiegend hervor aus denSinnessphären und deren nächster Umgebung. JedesSinnescentrum wird Zum Ausgangspunkt unzähligerAssociationssysteme, welche in die Zwischenstücke ein-strahlen, so daß sich in den Windungen der letzterenAssociationssysteme begegnen, welche aus verschiedenenSinncscentren hervorgehen. Mit Rücksicht auf diese ana-tomischen Thatsachen empfiehlt es sich, den Zwischenstückendie Bezeichnung „Associationscentren" beizulegen. Die-selben verknüpfen also die Sinnessphären untereinander.Das, was wir Denken nennen, beginnt erst mit derAssociation der Thätigkeit verschiedener Sinnesorgane.Wird schon hiedurch wahrscheinlich gemacht, daß denAssociativnscentren gegenüber den Sinnessphären eine,hiMe geistige Bedeutung zukommt, so sprechen hiefür
auch die Entwicklungsgeschichte, die vergleichende Anatomieund Pathologie. Die entwicklungsgeschichtliche Untersuchungläßt eine Dreitheilung der Associationscentren erkennen.Indem es keinerlei Beweise dafür gibt, daß die Verletzungdieser Centren die Sinneswahrnehrriungen im engeren Sinnebeeinträchtigt, können diese Centren nur an Wahrnehm-ungen im weiteren Sinne bctheiligt sein, indem sie zuden reinen Sinneseindrücken die Erinnerungsbilder hinzu-fügen. Die einzelnen Sinncscentren mit ihren Asfociations-fasern sind wirkliche „Seelenorgane", offenbar ganz imSinne der von Dr. Hirth aufgestellten Grundgedächtnisse;die Associntionscentren vermitteln die Coagitation dieserEinzelorgane, die Zusammenfassung zu „Merksystemen".Nach dem Vortrag entspann sich eine sehr erregte Debatte,an der die Professoren Lipps, Stumpf, Ebbinghaus,Dechterew und Forel sich betheiligten. Professor Lippskonnte sich keineswegs mit den Ausführungen der Vor-tragenden in allen Punkten einverstanden erklären undäußerte sich gegen gewisse Eingriffe der Physiologen inspsychologische Gebiet. Insbesondere Dechterew schien vonder Vorzüglichkeit und Unfehlbarkeit der physiologischenBehauptungen überzeugt zu sein. Man sprach den Wunschaus, daß die Debatte nach einem Vortrage des Pros.L. Edinger (Frankfurt a. M.) über das Thema „Kanndie Psychologie aus dem heutigen Stande der Hirn-anatomie Nutzen ziehen?" fortgesetzt würde. Derselbefand in dem Cyclus der Sektion II statt. Jedoch schienman keine rechte Lust zur Erneuerung des Streites mehrzu haben. Edinger sprach vom Entwicklnngsstandpunkteaus. Er meinte, daß die Psychologen zu unverrückt ihrAuge nur nach dem Großhirn und seinen Funktionengerichtet und es vielfach versäumt haben, Kenntniß zunehmen von den langsam sich sammelnden Studien überden Bau der tiefsten Nervencentren. Das Genetischein den höchsten seelischen Prozessen sei deßhalb ganzungenügend studirt. Edinger warnt im allgemeinen vorvoreiligen Anwendungen anatomischer Dinge auf psycho-logische Verhältnisse, ist aber der Ueberzeugung, daß ana-tomische Studien, richtig gewürdigt, heute schon Nutzenbringen können. Namentlich gelte das für die ver-gleichende Seelenlehre, die heute noch ganz im Anfangedes Erkennens stehe. Aus dem differentcn Gehirnbauder verschiedenen Thiere ergeben sich ganz bestimmteFragestellungen für die objektive Beobachtung ihres seel-ischen Verhaltens. Mangels solcher exakter Fragestellungsei bisher ein Beobachtungsmaterial zu Tage gefördertworden, das, obgleich sehr groß, nicht ausreiche, auchnur eine einzige der zahlreichen Aufgaben zu lösen, diesich demjenigen sofort ergeben, welcher die Hiruanatomiekennt. (Forts, folgt.)
Ueber Marienkirchen im Mitttelalter.
Von Architekt Franz Jacob Schmitt in München .
Der Kirchenpatron war im ganzen Mittelalter vonbestimmendem Einflüsse bei der Aufstellung des Bau-programmes für neu zu errichtende Gotteshäuser. Sobeobachten wir bei allen Marienkirchen das Bestrebennach der denkbar höchsten Kunstentfaltung, und dies giltvornehmlich für die äußere'Erscheinung; bald genügteweder in Deutschland noch in Frankreich nebst ihrenNachbarländern ein Thurm, wie wir ihn bei der gothischenLiebfrauenkirche zu Trier noch ausgeführt sehen, diemeisten Marienkirchen erhielten bereits vorher und nament-lich von da ab zwei, drei und mehr Thürme. Währendman sich in Paris bei der Kathedrale Notre-Dame auf