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in gedrängter Zusammenfassung auf und bietet in nach-folgenden Ncgesten genauere Angaben.
Ueber den weltlichen Geschäften vernachlässigte Mark-wart nicht den geistlichen Zustand der Diöcese, ordnetesogleich eine Visitation an, erließ Verordnungen zurWahrung des ciseorurn olsriorüs, sorgte für genügendenUnterhalt der Pfarrer und trat gegen jede Verschleuderungvon Kloster- und Stistsgut ein (S. 53). Da er oftabwesend war, setzte er einen Generalvikar ein, damitdie Verwaltung nicht Noth leide. Interessant ist dieVerordnung über die geistliche Tracht. Die Aermcl desUnterkleides sollten nicht um mehr als Handbreite überden Ellbogen, die Aermel des Oberkleides aber nurbis zum Ellbogen reichen. Die Geistlichen solltenferner den Gürtel über dem Oberkleide nicht ablegen,keine in die Augen fallende Waffen oder Schwertertragen und sich der „zerschnittenen" Schuhe, wie sie dieLaien tragen, sowie der Kukulle nicht mißbräuchlich be-dienen. Zur Zeit des Gottesdienstes solle endlich keinGeistlicher ohne Röchet die Kirche, der er angehöre, oderms Kloster, dem er vorstehe, betreten.
Indessen vermochte den kräftigen Mann die stilleDiöcesanarbeit nicht ausschließlich zu fesseln und zu be-schäftigen; sein Geist, der zwischen dem Papstthum unddem Kaiserthum hin- und herzufliegen gewohnt war,strebte nach weiterem. Er war 1355/56 Neichsverweserin Italien — über diese Zeit bringt Glasschröder äußerstinteressante Mittheilungen — und ließ seine Hand kräftigfühlen. 1365 wurde er zur wichtigen Stelle eines Patri-archen von Aquileja erhoben — die Patriarchen vonAquileja haben eine Zeit lang sogar Rom Trotz geboten.Die Aqnilejercpoche (1365—1381) hat Glasschröder nichtbehandelt, sie ist in kurzen Umrissen geschildert im Artikelder Allg. deutschen Biographie XX, 410 über ihn. Hierheißt es, man gewinne eine günstige Vorstellung vonMarkwarts Umsicht und Tüchtigkeit, wenn man sehe, wie-r als Ausländer den unbotmäßigen Vasallen FriaulsGehorsam abnöthigte und zwischen den Carraresen zuPadua und den Venetianern sich zu halten wußte. Einunvergängliches Denkmal setzte sich Markwart durch dieCodisicirung des Friaul'schen Rechtes in den Lonstitutionesxatria.6 lorogutiensis, das er schon 1366 dem Stände-parlament vorlegte.
Alles in allem gewährt das Leben Markwarts dasBild eines ungemein kräftigen, eifrigen und klugen Re-genten mitten in den trüben Zeiten des 14. Jahrhunderts.Zwar fehlt ihm der spezifisch geistliche Charakter, und dieWelt der aufkeimenden Mystik lag ihm sicherlich ferne.Er hielt nicht auf geistliche Correctheit, aber sein Maß-stab war ihm das kanonische Recht. Er ging von jurist-ischen Gesichtspunkten aus, war gewandt in diplomatischenFormen und ließ sich auch von dem camsralistisch-finanziellenZuge der Zeit, der seit dem Ende deS 13. Jahrhundertsin allen Herrscherfiguren zu bemerken ist, nicht unwesent-lich bestimmen. Das Rechnungswesen spielt eine großeRolle in seinem Leben. Deßwegen war er aber noch keinBureaukrat; der kriegerische Zug ist stärker, als selbstbeim Kaiser Karl IV . Er war ein tüchtiger Kriegsmannund blieb Tage lang im Harnisch. Mit besondern: Ver-gnügen hat er die stolzen italienischen Städte gedemüthigt,Pisa 1355, dem er 13,000 Goldgulden auflegte, Florenz 1368 und zwang es zur Bezahlung von 50,000 Gold-gulden an Kaiser Karl , und endlich hat er in der großenCoalition gegen Venedig 1379 Belluno gedemüthigt undTrieft den Venetianern entrissen. Noch vor Schluß des
Venetianischen Krieges starb er in dem für die damalige«Zeiten sehr hohen Alter von 85 Jahren.
vr. G. Grupp.
Der dritte internationale Congreß für Psychologie.
Von Charles Saint-Paul.
(Fortsetzung.)
Dem vulgären anatomischen Materialismus trat späterProfessor H. Obersteiner (Wien ) in seinen Erörterungenüber „Die materiellen Grundlagen des Bewußtseins"(Sektion I.) entgegen. Man könne zwar, so führte eraus, nicht anzweifeln, daß in der inneren Organisationdes Nervensystems gewisse Bedingungen gegeben sind,welche das Zustandekommen jener Vorgänge ermöglichen,die man als „bewußte" zu bezeichnen Pflegt. Es sei aberdoch noch keineswegs erwiesen, daß diese in dem ana-tomischen Bau des Gehirns gelegenen Bedingungen auchnur annähernd genügen, uns die Bewußtseinsakte ver-ständlich zu machen. Man sei sehr gerne geneigt, aufGrund sehr schwankender Hypothesen Theorien über dieseelischen Prozesse aufzustellen, die sich anscheinend aufanatomische Thatsachen stützen, einer strengeren Kritikaber doch nicht Stand halten können. Selbst das Dogma,daß die Hirnrinde Sitz des Bewußtseins sei, ist durchausnicht fest fundirt; es gebe sogar manche dieser Anschauungeher widersprechende Erscheinungen. Noch weniger un-anfechtbar seien jene Thatsachen, die speciell einzelneTheile der Hirnrinde, z. B. die Rinde des Stirnlappens,als „Sitz der Intelligenz" auffassen lassen wollen. Wennman in jüngster Zeit Bewegungen an den Nervenzellenoder Gliederfasern zu einer Erklärung der verschiedenenVorgänge und Zustände des Bewußtseins herangezogenhabe, so fehlten für die Berechtigung einer solchen An-nahme auch schon die sicheren Beobachtungen. Die Asso-ciationsbahnen zwischen den einzelnen Ntndenstellen könnenund werden bei der psychischen Thätigkeit jedenfalls inAktion treten, aber als bloße Leitungsbahnen nicht denAusgangspunkt oder das Centrum darstellen. Wir seiennicht im Stande, in unseren jetzigen anatomischen Kennt-nissen die genügenden Grundlagen für das Verständnißder seelischen Vorgänge zu finden.
Einen eifrigen Vorkämpfer fand Darwin's Lehre inPros. W. Preyer (Wiesbaden ), der in seinem längerenVortrage über „Die Psychologie des Kindes" es be-dauerte, daß, während auf beinahe allen Gebieten derBiologie die von Darwin gefundene und zuerst erprobtegenetische Methode mit großem Erfolge angewendet wird,die Psychologie, wenigstens in Deutschland , also in ihrerHeimath, bis jetzt durch dieses neue mächtige Forschungs-mittel im Allgemeinen fast gar nicht und im Einzelnennur hie und da, man könnte sagen sporadisch, gefördertworden. — In dem Begriffe der Entwicklung liege immerdie generelle und individuelle Entwicklung. Daß dieseletztere eine abgekürzte und oft durch Anpassung wesentlichmodifizirte Wiederholung der Stammesentwicklung sei,werde sür die Gestaltung der Organismen nicht mehrbezweifelt. Für die Psyche ist es nach seinen Beobacht-ungen an Kindern und jungen Thieren nicht mindergewiß. Daher sei die Psychologie des Kindes und dievergleichende Psychologie von der größten Wichtigkeit fürdie Erkenntniß der ganzen psychischen Organisation desMenschen und werde es bleiben. Die geistige Entwicklungdes ganzen Menschengeschlechtes finde sich abgekürzt imKinde wieder. Redner schloß diese seine Ergänzungen