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des Darwinistischen Evangeliums mit dem Ausdrucke derHoffnung, daß sie dazu beitragen würden, in Deutschland zur gründlichen wissenschaftlichen, d. h. natürlich physio-logisch-psychologischen Untersuchung des kleinen Kindesanzuregen. Eine Fülle von neuen Thatsachen sei hier-nach zu entdecken, die theoretisch sehr weit reichen undpraktisch neue Hilfsmittel zur Förderung der Mensch-werdung des Kindes in Aussicht stellen
Energischen Widerspruch fanden gewisse Behaupt-ungen des Dr. O. Näcke, Oberarztes an der IrrenanstaltHnbcrtuSbrrrg bei Leipzig , der „Ueber Criminalpsychologie"(Sektion III.) sprach. Er will als Vergleichs- und Aus-gangspunkt der criminalpsychologischcn Erörterungen dieuntere Volksschicht, die Matrix der meisten Necidivisten,betrachten. Er ist der Ansicht, daß im untersten Volkeim Ganzen schon die Sinnesempfindung, die Ncceptions-organe, ebenso die Denkoperationen, die „persönlicheGleichung", endlich auch die sogenannten Charakter-eigenschaften, welche in letzter Instanz auf Gefühls-betonung, Affekten beruhen, stumpfer sind, als in denoberen Schichten. Dies müsse natürlich bei den Ver-brechern auch der Fall sein, nur daß hier diese oder jeneComponente schärfer hervortritt, bedingt durch das endo-gene Moment, den stärkeren „Keim zum Bösen",durch das ungünstige Milieu, die größere Trunksucht rc.,wodurch besonders die Faulheit, Lügenhaftigkeit, ethischeStumpfheit rc. großgezogen werde; secundär werde dannWeiteres durch daS Zusammenleben mit andern Ver-brechern hinzugefügt, was eine gewisse Klassenähnlichkeitverleihe. Trotz alledem könne aber Specifisches hierinkaum gefunden werden. Es handle sich nur um graduelleUnterschiede von der untersten Volksseele, genau so, wiees keinen eigentlichen anatomischen Verbrechertypus gibt,sondern nur gewisse Abnormitäten, die schon bei Nor-malen vorkommen, sich gehäufter bei Verbrechern vor-finden, und dies zwar als Ausdruck des endogenenMoments, das das sociale meist an Wichtigkeit über-treffe, wie er jetzt glaube. Wenn also die meistenAutoren scharf ausgeprägte psychologische Züge bei denVerbrechern finden wollen, die den Ausdruck „Criminal-psychologie" rechtfertigen, so kommt dies, wie er ver-muthet, daher, daß 1) alle Kategorien von Verbrechernin Betracht gezogen wurden, — oft durchaus heterogeneElemente, — 2) die vielen darunter befindlichen Geistes-kranken, Epileptiker, Schwachsinnigen nicht ausgeschlossenwurden, und endlich 3) weil die Psyche der unterstenVolksschicht zu wenig Berücksichtigung fand. In der aufden Vortrag folgenden Debatte traten verschiedene Fach-männer dieser Kennzeichnung der „untersten Volks-seele" energisch entgegen und wiesen darauf hin, wieeinseitig und unrichtig es sei, gerade bei den jetztzu Tage tretenden Verhältnissen die intelligenterenund „besseren" Kreise criminalpsychologisch auszunehmen.Speciell opponirte auch Dr. I. Jäger, prot. Pfarrer undStrafanstaltsgeistlicher (Ebrach ), auf Grund seiner eigenenErfahrungen. Derselbe hielt selbst einen interessantenVortrag über Willensanomalien, in welchem er deren
2) Eine eingebende Besprechung der Vortrüge der drittenallgemeinen Sitzung würde zu weit führen. In derselben be-handelte Pros. Franz Brentano (Wien ) die Lehre von der Em-pfindung, speziell dcn Jntcnsitätsstrcit, Pros. TH.Lipps(München )den Begriff des Unbewußten in der Psychologie, des realen,von dem unmittelbar Erlebten unabhängigen Ich, und Pros.H. Ebbinghaus (Brcölau) erstattete über eine neue Methodezur Prüfung geistiger Fähigkeiten und ihre Anwendung beiSchulkindern Bericht,
i Genese, die Abulie, ihr Verhältniß zu den Depresfions-zustünden, die Hhperbulie, ihr Verhältniß zu den Exal-taiionszuständen und die Dysbulie, ihr Verhältniß zuder Criminalität einerseits und zur „rnoral insanitzc»andererseits in Betracht zog. Mit Rücksicht auf diePrognose und Therapie der Dysbulie empfiehlt er dasZusammenwirken der betheiligtcn Faktoren, Kirche, Schule,Staat, der öffentlichen und privaten Wohlthätigkeit zurBekämpfung der Ursachen, der Prostitution, des Bettels,der Vagabondage, des Alkoholismus .
Wir glauben, daß aus den zahlreichen Vortrügender Sektion III besonders noch der des vr. Franz C.Müller (München ) „Ueber den Selbstmord und seine Be-ziehungen zum Alkoholismus" Interesse bietet. Rednerconstatirte eine ständige Zunahme des Selbstmordes, dienur in den letzten Jahren einer Stagnation Platz ge-macht habe. Neben Noth, Krankheit und Sorge müsseauch der Alkoholismus als eine der Ursachen des Selbst-mordes erscheinen. Es sei durch die Statistik bewiesen,daß auch dieser progressiv wächst. Namentlich in solchenLändern, in welchen dem Ausschank keine gesetzlichenSchwierigkeiten bereitet werden, ist der Consum an Wein,Bier und Schnaps gestiegen. Da das Bier nicht wenigerschädlich wirke, als der Schnaps, der Alkohol nicht alleinin concentrirter, sondern auch in verdünnter Form de-struirend auf Gehirn und Körper wirke, sei es falsch,den Bierimport oder die Bierproduktion zu begünstigen.In denjenigen Ländern, welche durch eine weise Gesetz-gebung dem Consum einen Riegel vorgeschoben haben(Norwegen ), ist nicht nur der Verbrauch in auffallenderWeise gesunken, auch die Menge der Selbstmordfällehat sich deutlich vermindert. Redner empfiehlt energ-isches Zusammenwirken gegen das „Völkergift" desAlkoholismus .
Die ersten Vortrüge der Sektion IV waren derPsychologie des Schlafes und Traumes gewidmet. Zuerstsprach vr. Santa de Sanctis, Adjunkt der psychiatrischenKlinik der k. Universität Rom und Docent der Psychiatrie,über „Träume und Gemüthsbewegungen" (LoZniot Lwo-moni). Er zog einige interessante Folgerungen auseigenen Forschungen hinsichtlich der Einwirkung der Ge-müthsbewegungen auf das Traumleben, z. B. daß Ge-müthsbewegungen, die eine allzu intensive organische Störungoder einen übermäßigen Kräfteverbrauch verursachten, aufden Schlaf nur sehr schwierig und sehr langsam ein-wirken; er nimmt die Existenz eines emotionellen Ge-dächtnisses an, welches unterschieden und, bis zu einemgewissen Punkte, unabhängig von dem „intellektuellen"Gedächtnisse ist. Pros. Dr. Mourlh Bold von der Uni-versität Christiania sprach über „Einige Experimente überGesichtsbilder im Traume". Er behandelte seine Ver-suche zur Bestimmung der Wirkung, welche die Abendsbeim Einschlafen gehabten Gesichtsbilder auf das Traum-leben der kommenden Nacht ausüben. Er hat diese Ex-perimente während der letzten 7 Jahre periodenweise undgruppenweise mit verschiedenen Personen ausgeführt, indemer den wahrscheinlichen Erfolg im voraus verheimlichte.Unmittelbar vor dem Einschlafen ließ er einen kleinen,gefärbten, plastischen Gegenstand oder eine kleine Figur,die er eben aus einem Packete herausgenommen und diedeßhalb einige Ueberraschung bewirkten, bestimmt unddeutlich fixiren. Am folgenden Tage ließ er sich Berichterstatten. Die wichtigsten Erfolge der im Ganzen etwa300 betragenden Einzelversuche waren folgende Fest-stellungen: 1) daß Form, Farbe und Größe des Wer-