Ausgabe 
(28.8.1896) 35
 
Einzelbild herunterladen

278

'L»-.

bach, Zlatnik, sind würdig, der deutschen Leserwelt em-pfohlen zu werden. Manche von ihnen werden uns aufdem Felde der epischen Dichtung wieder begegnen.

Und was singen denn unsere Dichter und Dichterinnenim deutschen Dichterwald? Lieder und Gesänge in jed-mögltchem Rhythmus, in allen Tonarten, doch nicht imleichtfertigen Tone der blassen Sinnlichkeit.Was nichtgut ist, kann nicht schön sein", das ist ihr oberster Grund-satz. Sie singen von Liebe, die den Frühling des Lebensals schöne Zugabe begleitet, vom blühenden Lenz, vomreifenden Sommer, vom stürmischen Herbst, vom kaltenWinter, dann wieder vom deutschen Wald mit seinergrünen Herrlichkeit, seinem goldigen Grün und heiternVogelfang, wieder dann von einem Silberquell, vonherrlichen Thälern, wo die bunteste Blumenwelt mitwürzigem Hauch die Luft durchduftet, die nach der idealenAnschauungsweise der Dichter von engelholden Wesen be-baut zu sein scheinen o, das klingt wie Abendglocken-klingen über stille Sommerlandschaft hin. Aber wie imChamounythal die Wasserfalle in einer Symphonie zu-sammenrauschen, darein der Lawinen Donner sich mischt,so tönen die Lieder und Klänge wuchtig und kernig ineinander. Hier ist das deutsche Lied nicht zur lüsternenSirene geworden, das deutsche edle Mädchen nicht zurwelschen Dirne, die junge Herzen schrullenhaft, übel-launig und griesgrämig macht, hier ist die Muse ange-than mit wunderbarer Größe, Würde und Erhabenheit,die mit herzbeglückendem Genuß die schöne Seele labt.Denn dem reinen Künstler wohnt auch der Funke derhöheren Weihe der Kunst inne, und seine keuschen Idealesind Glaube, Liebe, Vaterland.

2 .

In der lyrischen Dichtung haben als leuchtende Vor-bilder Uhland und Eichendorff den Ton angegeben. Nedwitz'Amaranth" und Scheffel'sTrompeter von Säkkingen"haben den epischen Dichtern ihre Wege vorgezeichnet, ohnedeßwegen in ihnen blinde Nachahmer zu finden. Weberund Brill ruhen nun längst unterm kühlen Nasen, aberGenossen von ihnen weilen noch unter uns.

Daß Behringer nicht schon einen Namen hat,wie der Dichter von ,Dreizehnlinden*, ist nicht seine, dasist die Schuld eines Jahrhunderts, das für religiöse Epenim Stile des Mittelalters wenig Sinn mehr hat," sagtKeiter sehr bezeichnend für unsere Zeit vom bayerisch-schwäbischen Dichter (geb. 1828 zu Babenhausen , nunEymnasialrector in Aschaffenburg ). Großes Aufsehen hat ererregt mit der epischen DichtungDie Apostel des Herrn".Schönheit der Sprache, Tiefe der Gedanken reichen sichdie Hand, die Dichtung zu einer der bedeutendsten unsererTage zu stempeln. Frühere Werke,Das Morgenopfer"undDas Felsenkreuz", haben dem VerehrungswerthenDichter viele Freunde zugeführt. Ein idyllenreiches EposistDas Felsenkreuz", dessen Handlung in der Zeit derUngarnkriege spielt, dessen Schauplatz ins oberschwäbischeAllgäu verlegt ist.Die Königin des Rosenkranzes" undDas Vater unser" mit einem Reichthum religiös er-baulicher Gedanken zeigen uns Behringer als form-vollendeten Lyriker. Er auch ist der Dichter, der unsermöglicht hat, den Liedesweisen des Sängers auf demFelsen Petri zu lauschen, indem er die Gedichte unseresheiligen Vaters Leo mit dichterischem Geschicke ver-deutscht hat.

Wie eine Frühlingslerche hat sich aufgeschwungen,um in hellen, frischen Tönen Lieder göttlicher Minne zusingen, vr. Friedrich Wilhelm Helle (geboren am

28. Oktober in Böckenförde bei Lippstadt ). Sein ge-waltiges EposJesus Messias " ist gedichtet mit demhohen Gedankenfluge und Schwünge eines Klopstock, vondessen Messtade seine Dichtung nur dadurch sich unter-scheidet, daß sie wirklich ein Epos nach den Ueberliefer-ungen der heiligen Schrift ist. Ein geheimnißvollerZauber liegt in dem Gedicht, der uns mächtig ergreift,ja es wird uns versichert, daß Leser, deren sittliche Stützenwankend geworden, wieder aufgerichtet wurden. Fernerhat Helle sich als katholischer Dichter einen Namen ge-macht durch das EposGolgatha und Oelberg" undKalanyas Völkersang", das ein mittelafrikanischerSchöpfungsmythus ist. Daneben ist Helle Lyriker i«Tone der Romantik in seinem EposMarienleben" undin der GedichtsammlungMarienpreis"."

Eine poetische Kraft von bedeutender Begabung istin Josef Albert Schäle hervorgetreten durch dieepische DichtungStaufenlied", worin sich vor uns eingroßartiges Welt- und Culturgemälde entwickelt, belebtvon warmer Liebe zur katholischen Kirche wie zumdeutschen Vaterlande. Der Held des Liedes ist eigentlichder alte Barbarossa, der fesselnde Mittelpunkt aber dieliebliche und heidenmäßige Landgräfin von Thüringen ,die heilige Elisabeth.

Eine der schönsten Gestalten der Weltgeschichte, denletzten Sprossen des großen Hohcnstaufengeschlechtes, wähltedie Westfalin Antonie Jüngst (geb. am 13. Juli1843 zu Werne a. d. Lippe, jetzt iu Münster ) zurepischen Behandlung in »Konradin". Statt jedes weiterenUrtheils lassen wir Rudolf Gottschall reden, der in dentonangebendenBlättern für litterarische Unterhaltung"schreibt:In den zwanzig Gesängen des ,Konradin* hatder Dichter ein wirkliches Epos von präciser und conciserGliederung des Aufbaues und von bedeutendem Inhaltgeschaffen; das Gedicht darf dem Besten beigezählt werden,das die epische Produktion in Deutschland letzthin hervor-gebracht hat." Gleich den übrigen Landsmänninen machtdie Dichterin unter den deutschen Frauen, die der Federihre Thätigkeit leihen, eine rühmliche Ausnahme von der»bekannten Flüchtigkeiten schriftstellernder Damen. Rechtanschaulich spricht sie zum Gemüthe, wie gebildete Frauendas ja oft besser können, als Männer. Der nordisch-germanischen Göttersage entnommen istDer TodBaldurs". Eine hochpoetische Schilderung aus der Zeitder Kreuzzüge istUnterm Krummstab ", ein Sang ausalter Zeit. Einen Cyklus von Gedichten bietet unsJüngst durch ihre elf poetischen Betrachtungen über dasGebet des Herrn:Das Vater unser". Im Jahre 1895hat sie uns mit einer Sammlung ihrer Lieder und Ge-dichte beschenkt unter dem TitelLeben und Weben".Die Schöpferin des ,Konradin*", so läßt sich darüberF. Hülskamp im ,Literarischen Handweiser * (1894 Nr.607/8) vernehmen,hat zweifellos ein großes epischesTalent, .... aber seit den lyrischen Einlagen des,Konradin* ist mir's schon nicht mehr zweifelhaft gewesen,daß ihre eigentliche Kraft und Stärke doch in der Lyrikliege, und die vorliegende lyrische Gedichtsammlung be-stätigt das durchaus." Den Lesern derKölnischenVolkSzeitung" ist die Dichterin auch als vortreffliche No-vellistin bekannt.

Die katholische Gruppe in der neuesten deutschen Literatur zählt einen Dichter mehr in Eduard Eggert,Oberjustizrath in Stuttgart (geb. am 13. Januar 1852zu Ludwigsburg). Sein Name bedeutet vollwerthigesDichtergold, der auch in jenen Kreisen, wo man gegen