Ausgabe 
(18.9.1896) 38
 
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auf dem II. Ccmgreß der internationalen kriminalistischenVereinigung zu Bern kundgegeben hat. Der Gewohnheits-verbrecher ist also hicnach als ein anormaler, mo-ralisch kranker Mensch anzusehen.

Wenn nun der Verbrecher überbaupt unbedingt un-frei handelte bei Begehung der Strafthat, wenn der Ge-wohnheitsverbrecher insbesondere in einem Zustand vonGeisteskrankheit sich befindet, so kann selbstredend voneiner eigentlichen Vergeltung nicht mehr die Redesein. Die Strafe ist dann nicht mehr Sühne für einebegangene Strashandlung, sondern nur mehr Schutz-maßregel gegen zukünftige Verbrechen.

(Schluß folgt.)

Alexander der Große in der persischen nndarabischen Literatur.

Von G. G.

Wenn man je von einer historisch bedeutsamen Per-sönlichkeit sagen kann, sie habe sich durch ihr Auftretenund ihre Thaten einen unsterblichen Namen erworben,so kann man es von Alexander dem Großen. Sein Er-scheinen als jugendlicher Welteroberer, seine Züge an dieGrenzen der damals bekannten Welt und sein tragischesEnde ließen bei den mit ihm in Berührung gekommenenVölkern einen mächtigen Eindruck zurück, der sich nieganz verwischte. Zwar mochten es anfangs wohl Haßund Groll gewesen sein, die sich mit der Erinnerung anihn verbanden, Haß und Groll gegen den Stürzer ein-heimischer Dynastien, gegen den Zerstörer vaterländischerSitten und 'Gebräuche. Aber sie machten unter demEinflüsse der wohlthätigen Wirkungen der von Alexanderverbreiteten griechischen Cultur bald der Bewunderung desHelden Platz, dem keine Macht der Erde zu widerstehen,dessen Weltreich ohne ihn nach seinem Tode kaum einenTag zu bestehen vermocht hatte der Bewunderung, !die bald, die historische Wirklichkeit immer mehr ab- sstreifend, die Geschichte Alexanders in das Reich desSagenhaften und Abenteuerlichen hinüberspiclte. Geradedieses Moment der Erinnerung an Alexander den Großenkonnte sich auf dem Boden des an Märchenbildung soproduktiven Orients auf das reichlichste entfalten, unddies um so mehr, als Alexander sich selbst einen über-natürlichen Ursprung beilegte, seine Persönlichkeit mehrund mehr in die Ferne rückte und der lebendige Verkehrmit den östlichen Ländern, namentlich mit dem von jehersagenumwobenen Indien, von welchem schon Alexanders Begleiter die wunderbarsten Dinge zu erzählen wußten,mit der Zeit aufhörte. Es entstanden förmliche Romane,die sich zu Volksbüchern ausgestalteten, und von denender fälschlich dem Knllisthcnes (Begleiter des Alexander)beigelegte, der sogenannte Pseudokallistheues, Z wahr-scheinlich der älteste ist. Dieser wurde im Mittelaltcrvon abend- und morgenländischcn Schriftstellern fleißigbenutzt, und erinnere ich hinsichtlich des Abendlandes nuran das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht , eine deutscheBearbeitung des französischen Gedichtes Alberichs vonBesantzon.

Wenn nun auch durch diese mittelalterlichen Dicht-ungen viele Wundergeschichten über Alexander, wie sieaus dem Morgenlande stammen, bekannt sein mögen, somag es doch nicht des Interesses entbehren, über dieBehandlung Alexanders in der orientalischen Literatur

') Hrsg. v. Karl Müller in seiner Ausgabe des Arrian ,Varia 1846 ....

selbst und hier kommt vorzugsweise die persische undarabische in Betracht Näheres zu vernehmen. Ichsage aber: in der orientalischen Literatur, nicht:in der orientalischen Volkssage; denn wiewohl dieAlexandergeschichten" Volksbücher geworden sind, sokann man doch nicht von einer Alexandersage imeigentlichen Sinne reden; denn dieselben waren undblieben immerhin nur literarische Produkte. Volks-thümliche Ueberlieferung fehlt Hiebei sowohl den oriental-ischen Historikern, wie den Dichtern; alles geht auf ge-lehrte Mittheilungen und eigene Erdichtungen hinaus.

Demnach sollen im Folgenden einerseits die Be-arbeiter der Alcxanderhistorie in Persien und Arabien und ihre Stellung zu derselben namhaft gemacht, anderer-seits der Inhalt derselben in ihren Hauptzügen skizzirtwerden.

I

Ein Ueberblick über die Alcxanderliteratur bei denPersern und den Arabern läßt erkennen, daß bei diesendie Geschichte Alexanders und seine Person vorzugsweisein der Historiographie, bei jenen vorzugsweise in derPoesie ihre Darstellung fanden. Außerdem thut auchder Koran desselben Erwähnung.

Vorbilder der arabischen Geschichtschreiber, wenigstenss der älteren, waren die altpersifchen, oder besser die sas->, sanidischen. Diese hatten von Alexander dem Großen^ nur Erinnerungen des Hasses und des Abscheues be-wahrt, betrachteten ihn als blutdürstigen Eroberer, alsZerstörer ihres Reiches, als Vernichter ihrer heiligenBücher und ihrer Cultusstätteu, und stellten ihn mit demTeufelsfürsten Bewarasp und mit dem Urfeinde Irans ,Frasjak, auf eine Stufe. So kommt es auch, daß wiraus Persien nur dürftige Spuren vormoslimischer histor-ischer Aufzeichnungen über Alexander überkommen haben.Verbot doch den Priestern denn diese sind vorzugsweiseauch die Geschichtschreiber Aliperstens der National-stolz. durch ausführliche Beschreibung von AlexandersThaten ihre eigene Schmach zu erzählen, und wo in denpriesterlichen Schriften und in den kurz vor dem Unter-gänge des sassanidischen Reiches gemachten historischenAufzeichnungen Alexander Erwähnung findet, geschieht esin einem sehr bitteren Tone. Die ihm manchmal ge-gebene BezeichnungRömer" kennzeichnet die Abneigungder Historiker gegen ihn; denn dann ist er der Vertreterdes dem Perserrciche feindlichen NLmerreichs.

Trotz ihrer moslimischen Religion schrieben dannmit derselben Antipathie wie die Perser, aber mit mehrAusführlichkeit und mit Herbeiziehung der in Kleinasien und Syrien verbreitetenGeschichten" auch arabischeSchriftsteller über Alexander in ihren Chroniken, welcheArt der Geschichtschreibung besonders unter den Chalifender Abbasidendynastie gepflegt wurde. In ihnen mischensich sagenhafte, historische und geographische Elemente inbuntem Durcheinander (die sogen. Hadithform)?) DieseChronisten folgen in der Alexandergeschichte (wie in derübrigen Geschichte Irans ) der persischen Ueberlieferung.Keiner ist jedoch vollständig. Die bedeutendsten hiehergehörigen sind:

')Bei ihrer Leidenschaft für das Außerordentliche, Wunder-bare, die sich in keiner geschichtlichen Darstellung verleugnet,ihrer blinden Verehrung der Fürsten , ihrem gänzlichen Mangelan der Gabe und dem Willen, die Ursachen der Ereignisse auf-zusuchen, konnten die Orientalen keine Geschichtschreiber imhöhern Sinne des Wortes haben." Cäsar Cantu , Allgemein«Weltgeschichte, nach der 7. Originalausgabe bearbeitet von Dr.Arühl. 6. Bd. S. 479.