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trachtung zusammen, so kommen wir zu dem Ergebniß:Die neue sociologische oder criminalpolitische Schule unterder Führung v. Liszt's geht von demselben Ausgangspunktewie der Socialismus aus, nämlich von dem Determinismus.Ziel und Zweck beider ist eine vollständige oder wenigstenseine sehr weitgehende Subsumirung des Verbrechers unterdie Geisteskranken, und nur praktische Erwägungen sindes, welche die erstere verhindern, die letzten Konsequenzenihrer Lehren zu ziehen. Ihrer Idee nach aber und ihremKernpunkte nach sind sie beide geeignet, einen der wesent-lichsten Grundpfeiler unserer heutigen Gesellschaftsordnungins Wanken zu bringen, nämlich die Verantwortlichkeitdes Menschen für sein sociales Thun, auf welcher alleinsich die derzeitige Organisation des StaateS und der Ge-sellschaft vernunftgemäß gründen kann. Und aus diesemErgebnisse erkennen wir nur allzu deutlich, wie berechtigtund treffend die einlcitungsweise wiedergesehenen Wortedes Cultusministers gewesen sind.
„Ein Wort über die Schriften von HeinrichHluisjakob."
(Schluß.)
I?. 8t. Hansjakob wurde von seinem Vater, derBäcker war, zuerst in der Backstube beschäftigt, alleinsein Geist strebte nach Höherem, er wollte studiren.Hätte er geahnt, wie dornenvoll die Studienlaufbahnin der ersten Zeit ihm werden sollte, er wäre sicherbeim Bäckerhandwerk geblieben. Das Dictum des altenHoraz:
t)ui stallet oxtatara oarsa coatingsrs mstaw,
Llulta rulit, t'eeitgae xaer, sullavit et aloit;
ging buchstäblich an unserem guten Hansjakob inErfüllung.
Der Schullehrer, über das Talent seines früherenSchülers befragt, gab die lakonische Antwort: „Hans-jakob ist zu dumm zum Studiren." Doch der Caplansah tiefer und erbarmte sich des Knaben und gab ihmin Jahresfrist den Vorbereitungsunterricht zur Aufnahmein die tzuarta. Damals begann man noch nach dernatürlichen Ordnung der Dinge die Gymnasialclassen zuzählen von xriuru bis ssxta, so daß haarig, alsodie vierte Classe war; jetzt zählt man, wenigstens inPreußen und Baden, und wohin sonst noch der Segendes preußischen Lichtes der Bildung gedrungen ist, vvHssxta, anfangend zur xrima, beginnt mit der sechstenund hört auf mit der ersten Classe; wahrscheinlich umgleich von vorneherein eine Vorahnung der Verkehrt-heiten moderner Pädagogik zu gewähren. Wie es beider kurzen Vorbereitungszeit nicht anders möglich war,zeigte sich bald, daß unser Gymnasiast in allen Fächern,das Latein ausgenommen, weit hinter seinen Mitschülernzurück war. Dazu kam eine ganze Reihe von neuenFächern, für Hansjakob lauter spanische Dörfer. Anstattdaß seine Professoren am Gymnasium in Rastatt denjungen Menschen bei seiner schweren Arbeitslast in richtigpädagogischer Weise aufgemuntert hätten, vexirten sie ihnin unerträglichster Art. Man muß die Schilderung dernun beginnenden Leidenszeit bei Hansjakob selber lesen,um zu sehen, wie manchen Lehrern auch die einfachstenPrincipien einer vernünftigen Pädagogik völlig abgehen.Schon in der ersten Woche sprach der Lehrer in derfranzösischen Sprache über seinen Schüler das großeWort gelassen aus: „Geh' wieder heim, mit Dir ist'snichts," und fügte über den weinenden Knaben unter
dem Hohngelächter seiner jüngeren und kleineren Mit«schüler das salomonische (?) Urtheil hinzu:
„Geh' Du lieber in ein Kloster
Und bet' 3000 kater noster.
Du alter Haslacher, Du!"
Noch schlimmer behandelte ihn ein anderer Professor'der ein wahrer Tyrann in der Schule war und durchseine Mißhandlung manchen Schüler verzweiflungsvollvon Schule und Studium Hinwegtrieb. „Wie ein Tar»tarenhänptling unter seine Feinde, so stürmte er jeweilsin das Klassenzimmer, wo wir alle, sammt und sonders,ihn erwarteten, wie wenn er käme, um unser Todes-urtheil zu fällen. Auf seine Stunden hatten wir eineAngst, als ob ein Henker käme, um uns zur Folter-bank zu führen. Einer von uns, jetzt badischer Medicinal-rath, ein ebenso fleißiger, als begabter Schüler, bekamvor Acngsten jeweils das „Herzwasser" und mußte dasZimmer verlassen. Er erhielt deßhalb später den Cerevis-Namen ,Wässerle"' usw. usw. Hansjakob aber haßteer geradezu und malträtirte ihn auf jede Weise. Zuall diesem Elend in der Classe kam, um das Maß vollzu machen, noch ein namenloses Heimweh hinzu. „VonSchwierigkeiten aller Art umgeben, in ein förmlichesChaos ganz fremder Lehrgegenstände eingetaucht, von ein-zelnen Lehrern malträtirt, von anderen verspottet, vonden Mitschülern verlacht, zu all dem von namenlosemHeimweh geplagt, erfuhr ich zum erstenmale jene Lage,wo die Menschenseele nur noch Einen Wunsch hat: nichtmehr zu cxistiren," schreibt Hansjakob in bitterer Er-innerung. Das Schlußresultat dieses Jahres lautete:„Rcpetiren", wozu der humane (!) Klassenlehrer für denniedergeschmetterten Knaben noch die höhnischen Wortehinzufügte: „Hansjakob, Du kannst das Studiren auf-geben, sonst mußt Du noch heirathen auf dem Lyceum,so alt wirst Du." Kein Unglück kommt allein; tiefstesWeh im Herzen, findet der Arme, in die Ferien heim-gekehrt, seinen Vater auf den Tod krank. Die höchsttraurigen Ferien werden in der Backstube verbracht, undHansjakob wäre am liebsten ganz in derselben verblieben,wenn der Stolz es ihm erlaubt hätte.
Unsere moderne Jugend greift in solch verzweifelterLage zur Pistole oder ertränkt ihren Gram im Wasser.Daran dachte unser Gymnasiast nicht; sein von Naturaus ihm innewohnender Haslacher Humor entwickelte sichim Elend zum Galgenhumor. Hansjakob greift zumBierglase. Er gründet in Rastatt mit Schicksalsgenosseneinen Kneip-Verein, aber nicht zum Rückenguß undWassertreten, und wenn sie am Morgen in der Classegeweint, am Abend suchen sie ihr Elend im Biergenußund Cigarrendampf und bei fröhlichem Rundgesange zuvergessen.
„Und des Weltalls Kummer und Sorgen,
Die gingen an ihnen vorbei."
Außer diesem Lethetrinken wurde unserem Schülernoch ein besserer Trost zu theil. Der Rector, ebenfallsein strenger Lehrer, daher von seinen Schülern „Etzel"genannt, aber auch ein feiner classischer Philologe undtiefer Menschenkenner, durchschaute die geistige BefähigungHanSjakob's und wurde nun sein Beschützer. „DerJunge", äußerte er, „hat entschieden Talent, und wennes auch erst später sich entwickelt." Er hatte richtigtaxirt; von Jahr zu Jahr erwachte der Geist HanSjakob'smehr und mehr, und wir sehen ihn in den oberstenClassen stets unter den ersten Schülern sitzen. 1859 ab»solvirte er das Gymnasium als dritter unter 15 M»