Ausgabe 
(25.9.1896) 39
 
Einzelbild herunterladen

itürienten, wurde bei der Schlußfeier öffentlich belobt underhielt im Maturitütszeugniß die ehrende Anerkennungsehr guter, zu der Hoffnung auf besten Erfolg im aka-demischen Studium berechtigender Talente. Er führt dasalles in seinerStudienzeit" an zum Beweise dafür, wieverkehrt es sei, über einen Schüler nach den ersten Leist-ungen gleich den Stab zu brechen.

Dieser Fingerzeig dürfte auch in der Gegenwart,besonders bei der Aufnahmsprüfung von Landkindern andas Gymnasium, etwas mehr berücksichtigt werden.

Vor mir liegt der mittclfränkische Volksschullehrplanund zugleich eine Sammlung vonPrüfungsaufgaben,gegeben bei der Aufnahme in die erste Gymnasialclassean den bayerischen Gymnasien" in der Zeit von 1882bis 1894. Ein Schüler, der die 3. Classe der Volks-schule mit Erfolg absolvirt hat, soll nach dem organischenZusammenhange des Schulwesens in Bayern fähig sein,die Aufnahmsprüfung in die 1. Lateinclaffe zu bestehen.Wenn ich aber die oben ciiirten Prüfungsanfgaben mitden im Volksschullehrplan an die 3. Classe gestellten An-forderungen vergleiche, so springt in die Augen, daßkaum der allerbeste Schüler einer Stadtschule, wo jederLehrer nur einen Jahrgang unterrichtet, im Stande ist,ohne Privatunterricht den Anforderungen in Orthographieund Rechnen Genüge zu leisten. Ein Schüler der Land-schule ist auch mit dem 10. und 11. Lebensjahr nochnicht fähig, ohne gründlichen Privatunterricht diesesExamen in die 1. Lateinclasse zu bestehen. Um nurEin Beispiel anzuführen: Wie soll ein Kind mit neunJahren im Stande sein, folgende Rechenaufgabe, die1892 bei der Aufnahmsprüfung irgendwo gegeben wurde,zu verstehen und zu lösen:Von welcher Zahl ist der8. Theil um 7643 kleiner als 9630?« Der Erfolgsolch rigoroser Anforderungen wird einfach der sein, daßdie Kinder vom Lande vom Studium immer mehr ab-geschreckt werden gegenüber den Kindern in Städten mitihrem besseren Volksschulunterricht. Ob aber das ein Nutzenist für Kirche und Staat, wenn die Gebildeten mehrund mehr aus dem Stadtvolk sich rekrutiren, das istdoch mehr als zweifelhaft. Tüchtigere körperliche undgeistige Veranlagung findet sich sicher auf dem Lande,als in vielen städtischen Kreisen.

Kehren wir zu Hansjakob zurück.

Mit der geistigen Entwicklung hielt gleichen Standdie Entwicklung desflotten Studenten". In der Fertig-keit im Trinken und Rauchen zählt er unter die erstenseiner Genossen, imCaeco"-Spiele ist er gewandt, imKegeln" ausgezeichnet, im Turnen ein Meister, selbstim Rapier- und Floretsechtcn ist er geübt und auch desedlen Waidwerks kundig. Nur im Tanzen war er einStümper. Kein Wunder, daß seine Kameraden ihn alsforschen Burschen" zum Kneippräsidenten ernennen.Das Wort Gymnasialcorps Markomannia will ich nurnennen, um den Philologen, so einer etwa diese Zeilenliest, einen heiligen Schrecken vor demverkommenen"Hansjakob einzuflößen. Wenn jetzt eine solche Verbindungentdeckt wird, berichten alle Zeitungen davon, wie voneinem staatsrettenden Ereigniss. Hansjakob berichtetdarüber und besonders über die Mitglieder der Marko-mannia in Rastatt höchst interessante Dinge, die ich abernicht verrathen will.

Nur noch eine Frage mag berührt werden. Wiestand es mit der Religion der Gymnasiasten?Dieersten Jünglingsjahre verwischten die formellen Begriffedes christlichen Glaubens ziemlich vollständig, so daß ich

auf die Universität kam als Theologe, ohne mehr zuwissen, wieviele Sakramente und Gebote die Kirchehabe," gesteht Hansjakob, wobei wir indessen den Ver-dacht nicht unterdrücken können, daß er hier zu sehr inSSchwarze gemalt hat; das Gebet aber hat er nie ganzunterlassen. Leider lag die Ursache dieser traurigen re-ligiösen Unwissenheit hauptsächlich im erhaltenen Religions-unterricht. Das am Obcrgymnasium eingeführte Hand-buch der Glaubenslehre von Stadlbaur wardurch seinenamenlose Abstrusität, feine Unklarheit und wüstensand-ähnliche Oede geradezu angethan, die Religion zu ent»leiden". Der Neligionslehrer hatte wedersoviel Energie,das Machwerk aus der Schule zu verbannen, noch Geistgenug, um Leben in die Kirchhofsöde zu bringen".Leider trifft ähnliches für spätere Zeiten auch noch zu.Die Lehrbuchfrage dürfte nach dem Urtheile hervor-ragender Katecheten durch dieNeltgionshandbücher für Gym-nasien von Dr. Dreher, früher lange Jahre NeligionS-professor am Gymnasium in Sigmaringen , nunmehr Dom-herr in Freiburg in Baden und Vorstand derSapienz"zur akademischen Weiterbildung von Geistlichen Deutsch-lands , zu einer glücklichen Lösung gebracht sein.Möchte nur auch für die Volksschule bald eine Kate-chismus-Verbesserung erfolgen, denn Hansjakob hat wohlnicht unrecht, wenn er den Deharbe'schen Katechismusals ein wahres Meisterstück entsetzlicher Trockenheit undAbstraktheit bezeichnet!

Wie kam nun Hansjakob trotz dieser religiösen Ver-fassung dazu, Theologie zu studiren, denn als Theologenbegegnen wir ihm wieder an der Universität in Freiburg und im dortigen erzbischöflichen Convicte? Die Gründegibt nur seine Autobiographie an, sie sind durchaus keineentehrenden für ihn, insbesondere war alle Heuchelei ihmvöllig fremd. Mit seltener Offenheit gestand er dem da-maligen Convictsdircctor und späteren Erzbisthumsver-wcser Kübel seinen ganzen religiösen Zustand ein, derihn für diese Offenheit mit seinem besonderen Vertrauenbeehrte. Innere und äußere Versuchungen, die ihn vomStudium der Theologie wieder abwendig machen wollten,überwand er glücklich, bis endlich die Vorlesungen überDogmatik die innere Freude am erwählten Berufsstudiumin ihm weckten. Dies Geständniß hat in uns, da wirnoch in den 80er Jahren bei demselben Professor WörterDcgmati? hörten, allerdings Staunen erregt, denn dieAf zwei kurze akademische Semester mir in Summakaum 7 8 Monaten beschränkten dogmatischen Vor-lesungen in Freiburg hätten in uns derartigen Eindruckkaum hervorgerufen. Hiemit soll indessen dem früherenLehrer kein Vorwurf gemacht sein, es mag ihm unan-genehm genug sein, eine solch umfangreiche Disciplin bisauf den heutigen Tag in so engem Rahmen dociren zumüssen. Einen kleinen Seitenhieb Hansjakob's auf diescholastische Methode im Gegensatze zu Wörter's Methodeder Tübinger Schule (Kühn) wird man ihm gerne nach-sehen, wenn man weiß, daß in Freiburg absolut keineGelegenheit war, die Scholastik kennen zu lernen. Wirgestehen gerne, daß die dogmatischen Vorlesungen desanerkannt hervorragenden Thomisten Professors und Dom-dekans Dr. Morgott in Eichstätt auf uns einen vieltieferen Eindruck machten, als die Dr. Wörter's. Aehn-lich ist auch die bei einem katholischen Geistlichen merk-würdige Erscheinung zu erklären, daß Hansjakob in philo-sophischen Fragen sich oft auf Schopenhauer beruft.Was ihn zu diesem Philosophen hinzog, ist offenbar dessenim Princip himmelweit verschiedener Pessimismus, der