Ausgabe 
(2.10.1896) 40
 
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und die Finsternis; ist eine unwahrscheinliche Uebertragung(Metapher); und was das betrifft, daß gesagt wird, (erheiße Dsul-karnain,) weil er über Persien und Nom (dasrömische Reich) geherrscht habe, so ist dies nicht zutreffend,denn er beherrschte das bewohnte Viertel. Ferner wirdgesagt: weil er auf seinem Haupte gleichsam zwei Hörnerhatte doch haben wir dieses in den Büchern derChronik nicht gefunden; ferner, weil er von edler Ge-burt sowohl väterlicher- wie mütterlicherseits gewesen sei jedoch der Gebrauch von <zarn für die beiden Elternist sehr unwahrscheinlich; endlich wird gesagt: weil erbeim Kampfe mit beiden Händen gefochten habe, aberder Gebrauch von cjuru für die Hände ist nicht gut."

Zu diesen fügt Nisam i noch eine weitere Erklärungdes Namens Dsul-karnain, wonach derselbe daher rühre,daß Alexander ungewöhnlich große Ohren hatte.Erverbirgt sie, und nur sein Barbier weiß um das Ge-heimniß. Dieser stirbt, und der König nimmt einenandern, ihm strenge Verschwiegenheit heißend. Doch denpeinigt der Zwang, und er befreit seine Brust durch Hinein-schreien des verhäugnißvollen Wortes in einen Brunnender Wüste. Aus diesem wächst Nohr hervor, in welchemdie Worte des Barbiers ertönen. Auf einem Ausflugenimmt dies Alexander wahr bei einem Schäfer, dessenFlöte aus jenem Rohr geschnitten war. Der Barbierwird zur Rede gestellt und bekennt die Wahrheit. DerKönig zieht aberKaus dem Vorgang die Lehre:

Klar ward ihm. daß im Tummelplatz der Erde

Nichts, noch io tief verborgen, bleibt Gcbeimniß.

So merke dir, daß aus der Knospe SchimmerUnfehlbar bricht hervor, wesj' jene voll ist;

Ist ein Juwel im rauhen Stein verborgen,

Es muß einmal an's Licht gezogen werden."^)

Es mag hier noch angeführt werden, daß einesyrische Quelle Alexander, wo er sich zum Aufbruch aufseine große Reise rüstet und die Hilfe Gottes anfleht,die Worte in den Mund legt:Ich weiß, o Gott, daßdu mir Hörner auf meinem Haupte hast wachsen lassen,daß ich damit die Reiche der Welt zerstoße.*

III.

Was den Inhalt der persischen und arabischenAlexanderliteraiur anlangt, so können natürlich die inderselben sich vorfindenden Erzählungen, Geschichten,Märchen oder wie man alle diese Erzeugnisse morgen-ländischer Phantasie nennen mag, mit denen sie dasLeben und die Geschichte des Welteroberers ausgeschmückthat, nicht ihrem vollen Umfange nach angeführt werden.Es mögen nur die wichtigsten Züge der Alexanderhistoriein ihrer Uebereinstimmung mit einander bei der Mehr-heit der genannten Autoren, mit Umgehung oder nurkurzer, gelegentlicher Erwähnung irgend einer der ver-schiedenen Variationen und mit besonderer Berücksichtigungder beiden großen Dichter Firdusi und Nisami , wieder-gegeben werden. Eine streng chronologische Aneinander-reihung der Erzählungen ist schon deßhalb unmöglich,weil hierin von den persischen und arabischen Schrift-stellern selbst kaum einer mit dem andern congruirt.

Darius (Dara) war ein mächtiger, siegreicher per-sischer Schah, der die Grenzen seines Reiches weit aus-dehnte. Nachdem er einen Einfall der Araber erfolgreichzurückgeschlagen hatte, wandte er sich gegen Westen, umRom, d. t. das römische Reich, zu erobern. Der Schahvon Nom, Philippus (FiliquS), unterlag dem Darius

und bat um Frieden, den er auch erhielt. Er ver-pflichtete sich zu einem jährlichen Tribut von 100,000goldenen Eiern und gab dem persischen Könige seine,durch ihre Schönheit allgemein berühmte Tochter zur Ehe.Diese aber fiel schon am ersten Tage nach der impersischen Lager gefeierten Hochzeit in Ungnade, wurdeverstoßen und kehrte zu ihrem Vater zurück. In Romgebar sie einen Sohn, Jskander, den Philipp an Sohnesstatt annahm, weil er sich schämte, die Rücksendung seinerTochter offenkundig werden zu lassen. Zum Knabenherangewachsen, erhielt Jskander den weisen Aristoteles zum Erzieher und Lehrer, der ihn nicht bloß in allenWissenschaften und Künsten der Welt aus das genauesteunterrichtete, sondern auch in derrechten Religion"(Islam) erzog. Denn Aristoteles war ein Ueberbleibseljener alten Frommen, die Gott allein noch verehrten undihm allein dienten, nicht einem Abgotte (Nisami). NachPhilipps Tode selbst König geworden, setzte Jskander dieWelt durch seine Weisheit, Klugheit und Herrschertalent(nach Firdusi allerdings auch durch seine Rücksichtslosig-keit und Grausamkeit) in Erstaunen und faßte den Plan,die ganze Welt zu erobern (nach Dinawari und Nisami ),um auf der ganzen Erde den Islam einzuführen,nachdem er die Unterthanen seines eigenen Reiches zuRechtgläubigen" bekehrt hatte.

Inzwischen war ihm in Persien ein gleichaltrigerBruder erwachsen. Denn Darius hatte nach Verstoßungder römischen Prinzessin eine andere Frau genommen,welche ihm einen Sohn gebar, den er ebenfalls Dariusnannte. Als nun die Gesandten dieses Darius, derseinem Vater in der Regierung gefolgt war, den her-kömmlichen Tribut in Nom holen wollten, verweigerteJskander denselben, indem er seinem Bruder in Persien bedeuten ließ, der Vogel, der die goldenen Eier gelegthabe, sei gestorben, und der Tribut werde künftig auf-hören. Er verlangte sogar den früher gegebenen Tributzurück. Interessant ist die Erzählung über den Brief-und Zeichenwechsel zwischen Dara und Jskander, wie siesich bei Tabari findet: Dara sandte seinem aufrührerischenVasallen einen Schlegel, einen Ball und Sesamkörner,um anzudeuten, es gezieme sich demselben als Knabemehr, sich mit Kinderspielen zu befassen, als zu regierenund Krieg zu führen. Wolle er aber einen Krieg, sosolle er bedenken, daß Dara's Heere so zahlreich wie dieSefamkörner feien. Jskander aber betrachtete das Ge-sandte als gutes Vorzeichen, weil der Werfende den Ballnach dem Schlegel werfe und ihn, vom Gegner zurück-geschlagen, wieder zu sich heranziehe, der Sesam aberfett, durchaus nicht bitter und scharf sei. Dann schickteer dem Dara ein Beutelchen voll Senf, andeutend, daßseine, des Jskander, Truppen zwar nicht zahlreich seien,aber alle Eigenschaften des SenfeS besäßen, nämlichSchärfe, Bitterkeit und Kraft.

Es kommt zum Kriege. Vor seinem Zuge nachIran geht aber Jskander noch nach Aegypten , welches erin einem achttägigen Kampfe unterwirft. Nach Nisami sollen ihn aber die Aegypter selbst gerufen haben zumSchutze gegen die menschenfressenden Aethiopier. Daraufzog er weiter gegen Persien . DarinS barg vor ihm seineSchätze, Frauen und Kinder in der Burg Hamadhan(Ekbatana) und ging ihm mit einem Heere entgegen.Jskander, der das Heer des Schahs zu erkunden suchte,gebrauchte eine List, indem er sich als sein eigener Ge-sandter in das persische Lager begab. Im Namen seinesHerrn, des Jskgndn, Wagte er sich, daß man ihn mit

») Dr. W. Bacher, a. a. O. S. 73.