Ausgabe 
(2.10.1896) 40
 
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vön beiWstWi, was ihm als Kampf von außen aufgedrungenWird. Bei der Erkenntniß dieser Thatsache werden wir diemeisten Krankheiten, die bisher als Launen und räthsclhafteVerirrungen der Natur betrachtet wurden, als Kampf- undAbwehr-Aeußerungen gegen unfaßbare mikroskopische Feinde er-kennen. Alle die greifbaren KrankheitS-Erscheinungen, wie Fieber,Entzündung, Eiterung, haben sich als Heilbestrebungen der Naturerwiesen. Der Vortragende glaubt schließlich, daß sich ein Aus-gleich für die durch eine verminderte Uebung der Körperkräftehervorgerufene Schädlichkeit des Culturlebens finden lasse. DerDegeneration sei eine Regeneration entgegenzustellen. Er begrüßtdie Bestrebungen des Ccntral-Verbandes für Jugend- und Volks-Spiele und ähnlicher Vereinigungen aus diesem Grunde mitFreuden und befürwortet eine erhöhtere Stärkung des Turn-und Sport-WesenS, zugleich verlangt er eine Gleichberechtigungder körperlichen Uebung mit der geistigen Ausbildung; die Zeit-eintbeilung, daß der Vormittag der geistigen, der Nachmittagder körperlichen Uebung gewidmet werde, sei das Ideal einerHygiene. (Lebhafter Beifall.)

Nach einer einhalbstündigen Frühstückspause nahm Geh.Admiralitätsrath Professor Dr. Neumaycr (Hamburg ) Ver-anlassung, die Bedeutung der Nansen'schen Polarforschung miteinigen Worten zu würdigen. Es gebe gegenwärtig kaumein geographisches oder physikalisches Problem, das sich mit derPolarforschung vergleichen ließe. (Lebh. Beifall.)

Im wettern behandelte Geh. Hofrath Pros. vr. RichardLepsius (Darmstadt ) in einem beifällig aufgenommenen Vor-trage das Thema: Cultur und Eiszeit.

22. Sept.

Die Verhandlungen wurden heute eingeleitet durch einenDorirag von vr. Below (Berlin ) überNassen- undzonenvergleichende Physiologie und Pathologie".Der Redner faßt seine interessanten Ausführungen zu folgendenallgemeinen Schlüssen zusammen:

1. Ein gründlicher Tropeuseuchenschuh erfordert Studienüber Entstehung der Tropeuscuchen au Ort und Stelleim allgemeinen vom Standpunkte ves Naturforschers.

8. Um die Gesetze der Entstehung und Verbreitung vonTropenseuchen zu ergründen, können wir nicht umhin,die Acclimatisationsgesetze mit der Seuchenentstehung zu-gleich in'S Auge zu fassen durch umfassende statistische,anthropometrischc und zvnen- und rasseuvcrgleichendeStudien.

3. Nicht durch die Bakteriologie allein, sondern durch dieseim Dienste der rossen- und zouenvcrgleichenden Physio-logie und Pathologie können wir hoffen, den Grund derTropenscuchcneutstchung zu ermitteln.

4. Diese neue tropenhygienischeWissenschastzur Ergründung derAcclimatitationsgcsetze und der Seuchenentstehung gründetsich auf vereinte Anwendung der bis jetzt getrennten beidenForschungsgebiete: der Zellularpathologie und der Ent-wicklungslehre, angewendet auf Nassen-, Zonen- undMigratiousgcsetz.

5 Der Grund der Resistenz einer Menschenrasse einer Seuchegegenüber, welche die andere Nasse dccimirt, ist zu er-mitteln durch Erklärung von Anpassung und Vererbungvermittelst veränderter Vorgänge der Resorption, derMetastase, der nntritiven Neiznng, kurz aller zellular-pathologischen Prozesse bei den verschiedenen Typen undGenerationen.

6. Die Anwendung der Zellularpathologie auf die Vcr-erbungs- und Anpassungsgesetze bei Typen- und Rassen»bildung, bei Erwerbung von Resistenz rc. ist nur möglichdurch umfassende corporative Sanitätsstatistik der ver-schiedenen, in den Tropen intcrcssirten Culturnationen.(Protokolle über Schwarze, Gelbe, Weiße, Eeschlcchts-register rc.)

7. So erwünscht alle Einzelarbeiten auf diesem großen Ge-biete auch sind, so schassen sie doch nur erhöhten Nutzen,wenn sie. zu einer auf statistischer Grundlage beruhendenSnmmclforschung zusammengefaßt werden.

Der Afrikarcisends Graf v. Götzen sprach über die vonihm bei Gelegenheit seiner Durchqnerung des schwarzen Con-tiucntö gemachten Erfahrungen, soweit diese die Ausrüstungund Lebensweise auf tropischen Expeditionen be-treffen.

Weiter folgen Vortrage von vr. Glogner (Batavia) undvr. Däublcr (Tcgel), welche die merkwürdige und zur Zeitnoch nicht genügend aufgeklärte Beri-Bcri-Krankheit,den klinischen Verlauf und die Aetiologie dieser Seuche be-handeln.

23. Sept.

Den Montag-Nachmittag und den gestrigen Tag füllte dieThätigkeit der dreiunddreißig Sonderabtheilungen mit ihrenstreng fachwissenschaftlichcn Verhandlungen aus.

Heute sprach Geheimrath Professor Flechsig (Leipzig )über die Localiiation der geistigen Vorgänge. Von denSinnes-sphären" der Hirnrinde seien am besten dieSehsphäre" unddanach dieHörsphäre" bekannt. Die Sebsphäre liege imHinterhauptlappen des Großhirnes, die Hörsphäre jedenfalls inder ersten Schläfenwindung oder deren nächster Umgebung.Die wichtigste aller SinncSsphären, die Körperfüblspbäre, seiihrem Sitze nach noch unerforscht. Die Frage, ob zwischen denVerschiedenen Sinnessphären eine Verbindung bestehe, müssenach den bisherigen Forschungen dahin beantwortet werden, daßallerdings eine, aber nur mittelbare Beziehung vorbanden sei.

Ueber die fortschreitende Entwickelung des Ccntral-Ncrven«systcms sprach Professor Edinger (Frankfurt a. M.). AlsCuriosum sei angeführt, was Vortragender über das GehirnGambetta's berichtete. Dies Gehirn war keineswegs ungewöhnlichgroß, zeigte aber eine auffallende Eigenthümlichkeit an derSprachgegend der Hirnrinde, die vergrößert und vielfach ge-wusstet war.

Professor Richard Ewald (Straßbnrg) sprach über dieBeziehungen der motorischen Hirnrinde zum Ohrlabyrinth. Derachte Hirnncrv gilt als der Gehörnerv. Nach neuern Unter-suchungen, an denen Vortragender wesentlich betbeiligt ist, kommtihm aber auch noch die Regelung des Muskelgcfühls zu. Rednererörterte das ausführlicher durch Beschreibung seiner an Hundenvorgenommenen Versuche. An die drei Vortrage knüpfte sicheine lebhafte Discussion, welche bis in die Nachmittagsstundenhinein währte.

Gegen 5 Uhr Nachmittags ging man zu einem andernGegenstände über, nämlich den Rosenberg'sehen Arbeitenüber Conscrvirung und Sterilisirung. vr. PaulRosenberg, prakr. Arzt in Berlin , hat die sterilisirende Wirkungdes FormaldebydS durch Vervollkommnung der Anwendungs-methoden im böhern Maße nutzbar für Technik und Medicinzu machen gesucht. Man kann die Rosenberg'icbe Lösung einerseitszum Haltbarmachcn leicht verderblicher Stosse, z. B. Nahrungs-mittel, benutzen. Fleisch wird alsbald völlig steril und dauerndhaltbar, wenn man es nachträglich mit einer Gclatineschichtüberzieht, die zugleich den Geruch und Geschmack des Form-aldehydS beseitigt. Keuchhusten schwindet rasch, wenn in deinKrankenzimmer daS Rosenberg'sche Formaldehyd verdampft wird.Auch grgen Diphtherie scheint cS nützlich, und jedenfalls tvirddie Heilkunde weitere Untersuchungen mit dem Mittel anzustellenhaben, um die Grenzen seiner Wirksamkeit zu prüfen.

In der Abtheilung für naturwissenschaftlichen Unterrichtsprach Pros. Stelz (Bcckenbeim) über den Schulgartenim Unterricht. Es werde für die großen Städte, namentlichseit Einführung deS bekannten ForstgefetzeS, immer schwieriger,das für den botanischen Unterricht unentbehrliche Material zurBeobachtung und Anschauung herbeizuschaffen, daher die An-legung von Schulgärten, die unmittelbar mit der Schule ver-bunden sind, immer nothwendiger.

Pros. Siinon (Straßburg ) sprach über die Geschichteund Metaphysik der Differential-Rechnung, Pros.Schwalbe (Berlin ) über Tcchnisck> e Excursionen. Rednererörterte, wie im Unterrichte der hoheru schulen die Techniküberall die ihr gebührende Berücksichtigung finden könne. Diephysikalischen Lehrbücher geben in Bezug am die technische An-wendung der Physik viel zu wenig. Für die Lehrer fehlt esganz an einem übersichtlichen Werke über dies: Anwendung,nur einzelne Sondergebietc der Physik sind in diesem Sinnebearbeitet. Dahingegen gibt es eine ganze Anzahl guter Lehr-bücher der chemischen Technologie, die der Lehrer sehr wohl zuseiner eigenen Ausbildung benutzen kann. Vortragender gingnun auf die technischen Ausflüge ein, welche am Dcrotheen-städtischcn Realgymnasium zu Berlin regelmässig unternommenwerden. Eine wesentliche Stütze dieser Ausflüge ist die Ein-richtung, daß die betreffenden Stunden als Pflichtsiundcn ge-rechnet werden. Für die richtige Verwerthung der Ausflüge istfreilich ein Lehrer nöthig, der die betr. Jndnstriecn nicht nurtheoretisch, sondern auch aus eigener Anschauung kennt.

24. Sept.

Einen für das gcsammte Um'allvcrsichcnmgSwesen bedeut-samen Vertrag hielt SanüäiSrath vr. Thie in (Cottbus ) inder Abtheilung ffir Unfallheilkunde über N ückenma rks-Er-krankiiiigcii nach Verletzungen. Es ist noch nicht langeher, daß man eigentlich nur eine einzige Nückenmarks-Erkrankungkannte, die Tabes oder RückenmarkSdarrc. Vortragender sprach