Ausgabe 
(2.10.1896) 40
 
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zunächst über Entstehung der Takes; er glaubt nicht, daß siedurch eine Verletzung allein hervorgerufen werden kann. Langsamsich entwickelnd und schleichend verlautend, kann sie Jahrzehntelaug dem Kranken wie dem Arzte verborgen bleiben, dann aberdurch eine Verletzung, meist einen Kncchcnbruch der Glied-maßen, plötzlich zum Ausbruche kommen. Vortragender stellteverschiedene Kranke vor, an denen er seine Beobachtungen undAnschauungen erörterte. Der Unfall beschleunigt eben nur denVerlauf der längst vorhandenen Krankheit; er ist aber nichtihre Ursache. Zum Glück für derartig Betroffene hat sich beiuns eine Auslegung des Unfallgesetzes eingebürgert, die schondie bioße durch den Unfall verursachte Verschlimmerung einesVorhaurenen Leidens unter den Sckutz des Gesetzes stellt.

In der an den reichhaltigen Vortrag sich knüpfenden Er-örterung sprach vr. Bnm (Wien ) über die Bedeutung derInitial-Behandlung für das Schicksal der Unfall-Verletzten.Auch dieser Redner ist durch seine Erfahrungen in den öster-reichischen Unsallgesetzen zu den Forderungen gelangt, welche diedeutschen Aerzte schon wiederholt aufgestellt haben, nämlich:1) Die Behandlung der Unfall-Verletzicn sollte vom Beginn an,d. h. unmittelbar nach dein Unfälle, in die Hände eines in derUnfallheilkunde geschickten und erfahrenen Arztes gelegt werden.8) Zu diesem Zwecke sollte in allen, die Unfallversicherung derArbeiter gesetzlich regelnden Staaren den für die Uniall-Renteaufkommenden Körperschaften die Möglichkeit gewahrt sein, jeder-zeit auf das Heilverfahren einzuwirken, bezw. es durch von ihnenbestimmte Aerzte vornehmen zu lassen. 3) Als dringend noth-wendig ist zu bezeichnen, daß die inedicinischen Facultäten derUnfallheilkunde jene Beachtung zuwenden, welche der praktischenBedeutung dieses Zweiges entspricht, und für den Unterrichtund die Ausbildung der Studirendcu in der Untersuchung undBegutachtung, sowie in der Behandlung der UnfallverletztenVorsorge treffen.

' Privai-Docillt Kaufmann (Zürich ) sprach über Zug-und Druckkraft der Hand. Gr zeigt: einen DYnamo-nretcr, der den Druck oder Zug der Hand aus einen Zeigerüberträgt, der auf einem Zifferblatte die ausgeübte Kraft sehrgenau in Kilogrammen anzeigt. Simulanten verrathen sich sehrfbald durch einander widersprechende Zahlen, wenn der Versuch'snehrfacb wiederholt wird, während man bei ehrlichen Krankeneine genaue Zahlenreihe über den etwa vorhandenen Verlust anmotorischer Kraft erhält. Dabei hat sich die Thatsache heraus-gestellt, daß die Handarbeiter bei einmaligem Drucke eine ge-ringere Kraftentwickelung zeigen, als Leute sogenannter bessererStände. Die Druckkraft letzterer läßt aber sehr bald nach,während der Arbeiter größere Ausdauer zeigt.

' ' Dr. Schulze, leitender Arzt des Krankenhauses zu Duis-burg , zeigte und erläuterte Schiencn-Apparate mit Extcnsivnö-Vorrichtung für Armbrüche.

Dr. Dittmer (Hannover ) behandelte in längerm Vortragedie Frage, ob es zur Zeit zweckmäßig sei, Arbciter-Nachweis-stätten für Rcconvalescenten einzurichten. Die Frage sei zuVerneinen, aber die Aerzte sollten bemüht sein, zur Verbreitungher Kenntniß der allgemeinen Arbciter-NachweiSstättcn, wie solchesich vorzüglich in Baden bewähren, unter Arbeitgebern und Ar-beitern beizutragen.

In einer gemeinschaftlichen Sitzung der Abtheilungen fürMathematik, Phhsik, Jnstrumentenkunde und für mathematischenund naturwissenschaftlichen Unterricht fprachProf. Dr. SchwalbeMerlin) über die Vorbildung der Lehrer für Mathematik undNaturwissenschaft an den höheren Schulen den Forderungender heutigen Zeit gegenüber. Anknüpfend an die englischenNaturforscher-Versammlungen, welche Fragen des Unterrichtsund der Erziehung seit langen Jahren mit Sorgfalt erörtern,begründete Vortragender die Forderung, daß auch die deutschenNaturforscher-Versammlungen sich dieser Fragen mehr alö bisherannehmen möchten. Eine brennende derartige Frage sei dieVorbildung unserer Gymnasial- und Realscbul-Lchrer in Mathe-matik und Naturwissenschaft. Thatsächlich weise diese Vor-bildung zahlreiche Lücken auf. Die Fertigkeit im Zeichnen unddamit auch das Verständniß für Zeichnungen sei meist wenigentwickelt; einzelne Zweige der Mathematik, z. B. die darstellendeGeometrie, finde man vernachlässigt, die Anschauung in zahl-reichen wichtigen Zweigen der Naiurwissenschast mangelhaft.Die Universität viele eben zu wenig Gelegenheit zur Ausbildungin allcdcm. Wir litten noch immer unter der Einseitigkeitder vorwiegend sprachlichen Bildungstendenz, gegen die in Eng-land schon die Naturforscher-Versammlung zu Abcrdceu einengeharnischten Protest erlassen habe. Unsere Lehrer selbst habenden Uebelstand sehr wohl erkannt und auf ihrer ElbcrfelderVersammlung zur Erörterung gestellt. Direkter Holzmüller»

der dortige Referent, Habs bemängelt, baß der mathematischeUnterricht auf den böhern Schulen und Universitäten zu abstrakt,ohne Rücksicht auf die großartige Entwickelung der Technik, ge-bandhabt werde. DaS müsse geändert weroen: pflichtmäßigeVorlesungen in der darstellenden Geometrie an den Universi-täten und Aufnahme dieses Gegenstandes in die Prüfungs-Ordming, Vorlesungen über Ingenieur-Mathematik an dentechnischen Hochschule», pflichtmäßige Vorlesungen über elementareMathematik und Mechanik an jeder Universität. Vortragenderselbst, der damals Corrcscrciit war, batte demgegenüber oavorgewarnt, die böhern Schulen zu Fachschulen werden zu lassen.Einivrcchcnde Forderungen, wie der Jngcnienrbcruf, könne jaschließlich jeder andere Beruf auch stelln,. Die Schule müsseeben die A l lgcm ein - B il düng sausta l t bleiben.

Dem sehr beifällig aufgenommenen Vortrage folgte einelängere Eiörtcriing. in der vielfach »och über die Forderungendes Redners hinausgegangen, anderseits aber auch mitgetheiltwurde, daß manche Universitäten schon beginnen, sich obigenForderungen anzubequemen.

25. Sept.

Die zweite allgemeine Sitzung, mit welcher die Versamm-lung ihren officiellen Abschluß erreichte, begann heute früh9 Uhr. Ihr voraus ging eine kurze GeschäftSsitzung. ZumVersammlungsorte für nächstes Jahr wurde Braunschweig ge-wählt; Vorsitzender wird Hosrath Pros. v. Lang (Wien ),zweiter Vorsitzender Pros. Waldeyer (Berlin ), dritter Pros.Neumayer (Hamburg ). Der Kassenbericht stellte das Ver-mögen der Gesellschaft auf 74,000 M. fest; dazu kommt dasder Gesellschaft zugefallene Trcnkel'schc Vermächtnis) von94,000 M., über dessen Verwendung ein von Virchow vor-gelegtes Statut die nöthigen Bestimmungen enthält. Geheim-rath Waldeycr begründete einen Vorschlag, der dazu bei-tragen soll, dem Ueberhandnehmen vcr wissenschaft-lichen Congresse zu steuern. Danach soll die Natur-forscher-Versammlung nur alle zwei Jahre tagen, dafür abermüßten die naturwissenschaftlichen und mediciiüschen Sonder-Eongrcsse in den betreffenden Jahren wegfallen bezw. nur imZusammenhange mit der Naturforscher-Versammlung alö derenAbtheilungen tagen. Der Vorschlag soll in Erwägung gezogenwerden.

In der allgemeinen Sitzung berichtet Pros. Dyck (München )über die Londoner Verhandlungen, betreffend den inter-nationalen naturwissenschaftlichen Katalog. DieNoyal Society gibt ein Verzeichnis der sämmtlichen Veröffent-lichungen aus naturwissenschaftlichem Gebiete heraus; der stetigwachsende Umfang dieser Arbeit hat sie nun veranlaßt, Schrittezu thun, um die Gelehrten der übrigen Culturstaaten zu derArbeit mit heranzuziehen, und cS hat deßhalb vor Kurzem inLonson eine Gelehrien-Coiifercnz stattgefunden. Die Beschlüssedieser Confereuz gehen dahin, daß vom Jahre 1900 ab die ge-meinsame Arbeit unternommen werden soll. Jedes Landsammelt die Erscheinungen des eigenen Gebietes, sendet sie,nach verabredetem Schema bearbeitet, nach London , und dortfindet die Gcsammtbearbeitung statt. Sie erfolgt für englischesGeld und in einem von England zu erbauenden Hause, aberdafür in englischer Sprache. Der Katalog wird so eingerichtet,daß nicht nur jede einzelne Naiurwissenschast Botanik,Mineralogie, Chemie, Astronomie usw., sondern selbst jedereinigermaßen sclbstständige Zweig der einzelnen Wissenschaftenfür sich im Buchhandel zu haben ist. Damit wird die um-fänglichste Benutzung und weiteste Verbreitung deö Riesenwerkesmöglich werde».

Pros. Max Vcrworn (Jena) hielt einen Vortrag überErregung und Lähmung, wobei er u. ci. auch aus dieHypnose zn sprechen kam, deren Verständniß durch das Studiumder wechselnden Erregnngs- und Lähmungs-Znstände eine För-derung zu erhoffen habe. Charakteristisch für den hypnotischenZustand ist einerseits das Fehlen der WillenS-Jmpulse, ander-seits das Vorhandensein einer häufig übcrsehcncn, ziemlich starkentonischen Zusammcnziehung fast aller KörpermnSkeln, die demhypnotisieren Thiere oder Menschen den Ausdruck der plötzlichenErstarrung (Katalepsie) verleiht. Die bekannte Thatsache, daßstarke Erregung einer Stell- deö Central-Ncrvensystems unterUmständen in gewissen Nachbargebietcn eine Hemmung erzeugt,ist besonders geeignet, über das Zustandekommen der HypnoseLicht zu verbreiten.

Weiter sprach vr. Ernst Below (Berlin ) über die prak-tischen Ziele der Tropcn-Hygicne, Ziele, die übrigensnoch ziemlich unpraktisch aussehen und in dem phantastischenProstete eines hygienischen Weltparlamcntcs ihren Schlußsteinfinden.