Ausgabe 
(9.10.1896) 41
 
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zeigte sich seine äußerst gewandte Feder. Es konntedarum nicht befremden, daß ihn die theologische Facultätder Universität Freiburg im Breisgau zum Doctor derTheologie erkoren in Anbetracht der Leistungen auf kirchen-musikalischcm liturgischem Gebiete. Und wie er eiferte mitseinem ganzen Können für den hl. Cult, so wirkte er fürdie Ehre der Kirche, die den hl. Cult auf's getreueste be-wahrt. Wie war er doch so sehr erfreut, als sein ehe-maliger Zögling, Beichtvater Modlmayr von Frauen-chicmsee, den von ihm componirten Festhymuus an dieKirche Christi zusandte; er lobte die jugendliche Kraft,die sich dem Preis der Kirche gewidmet.

In lebhaftester Erinnerung ist noch jene Meister-rede (in der Jos. Thomann'schen Buchhandlung s. Z. imDruck erschienen), die er vor drei Jahren im Nathhaus-saale in Landshut aus Anlaß des 50jnhrigen Bischofs-jubiläums dem Träger der Tiara gewidmet. Das all-gemeine Urtheil rühmte die großartige Anlage und Be-geisterung der Rede, die Eleganz und Kraft der Sprache.Und diese Liebe zur hl. Kirche, die aus allen seinenKundgebungen gesprochen, war nicht gesucht, sie lag tiefeingegraben in seinem Herzen.

Fürwahr, ein solches Wirken war das Tagewerk imWeinberge des Herrn, die Arbeit beS Menschenfreundes,des Dieners im Heiligthum. Sollte es nun möglich sein,daß dieseunermüdctc Hand« so rasch im guten Manncs-alter ermüde? Zum allgemeinen Bedauern mußte mansehen, daß mitten im Sommer für diesen Mann derArbeit es plötzlich Herbst geworden; das fahle Herbstlaubhat das Gepräge seinen Zügen verliehen. Der körper-liche Verfall kam fast rapid; dazu gesellte sich auffallendzuletzt eine gewisse seelische Depression. Zum Schlußwollte er sich noch laben und Nutze finden in dem lieb-lichen Neichenhall, wo er ständig seine Ferienrnhe gesucht.Und er fand dieses Thal, um nach einem schweren Leidcns-lager für immer auszuruhen. Auf Wiedersehen! Ihm,dem edlen Menschenfreunde, dem begeisterten Diener desHeiliglhumS, sei mit dem letzten Gruß dieses Strüußchengeweiht. Ilave pia anima!

Ueber die Entstehung, Anlage und Bedeutungder römischen Grenzmark in Deutschland .

-o- Die römische Kaiscrzeit wird gewöhnlich als eineEpoche angesehen, in welcher die Schlechtigkeit der Sitten,die Liederlichkeit der Negenten und die Kraftlosigkeit desVolkes geradezu sprichwörtliche Bedeutung erlangten.

Allein diese Annahme beruht nur zu oft auf einerallzu einseitigen, engherzigen Betrachtung der damaligenVerhältnisse. Freilich, wenn wir die tiefe Verkommen-heit Noms, die gemeinen, schmachvollen Hof- und Palast-intriguen, die blutigen Handlungen einesCäsaren-wahnsinncs" als römische Geschichte erachten, dann wirddie obige Anschauung allerdings gerechtfertigt.

Aberdie Geschichte der Stadt Nom hat sich zuder der Welt des Mittelmeeres erweitert", sagt Mommsen treffend.*) Staat gleicht jetzt einem ge-

waltigen Baume, um dessen im Absterben begriffenenHauptstamm mächtige Ncbentricbe rings emporstreben."

Hier dürfte der Schlüssel liegen zu einer günstigerenBeurtheilung jener Zeit. Auch damals ist groß Gedachtesund weithin Wirkendes geschaffen worden. Doch wirhaben es nicht im Innern des Reiches und in Nom,

sondern in derPeripherie" ?) zu suchen, nach welchersich gleichsam der Glanz und die Herrlichkeit zu ver-schieben scheinen.

Ja in den Provinzen mit ihren vielfach treff-lichen, staatlich-culturellen Einrichtungen finden wir eingutes Stück wirklicher Arbeit jener Epoche, das zu ver-achten uns die christliche Hochachtung vor dem Nächstenverbietet.

Ein nicht unbedeutendes Objekt dieser Energie imKaiserreiche, wenn ich so sagen darf, bildete unter anderemauch die Herstellung jener gewaltigen Grcnzanlagen, wiesolche in Englands) an der untern Donau/ ) auch inAfrika und Aegypten entstanden sind.

Dort nämlich, wo keine Meeresküste, kein mächtigerStrom, wie Donau, Rhein, Euphrat , Tigris, einenwürdigen, sicheren NeichSabschlnß bildeten, baute sich derRömer entsprechende künstliche Demarkationslinien, diesogenanntenlinrites", ein Wort, das sowohl die Grenzeschlechthin, als auch den Grenzkörper, das Scheidungs-mittel bezeichnet.

Als das ausgezeichnetste Werk der römischen Thätig-keit in dieser Beziehung aber gilt mit Rechtdierömische Grenzmark" in Deutschland , oder der InnresIi1ra6treo-ll?ra.nsrIr6nunu8, der heutzutage so vielesInteresse erregt, weßhalb wir den augenblicklichen Standder Frage wohl auch einmal in diesen Blättern erörternzu dürfen glauben.

Was die Limesliteratur zunächst betrifft, so findetdieselbe bei den alten Schriftstellern nur sehr spärlicheQuellen, so bei Tacitus, Spartianus, FrontinuS , ge-langte aber besonders in dem letzten Jahrhundert durchgründliche Forschungen zu einer ausgezeichneten Ent-wicklung.

Aus der Unmasse von Schriften über die Grenz-mark wollen wir dem Folgenden zunächst j,ene von Büchner,Maier, v. Hundt, Platzer, Mutzel, James Iatcs, v. Co-hausen, Mommsen , Ohlenschlager und Marggraff, sowiedie Limcsblätter und die Berichte der Neichslimescom-missioi/) zu Grunde legen.

Suchen wir nun zunächst über dieI. Zeitsrage

einigermaßen klar zu werden, welche allerdings als derunsicherste Punkt der gesammten Limesforschung betrachtetwerden dürfte.

Schon Drusus , der bekanntlich im Jahre 15 vorChristus neben seinem Bruder Tiberins Rätien undVindelizien (die nördliche, mittlere Alpenlandschaft nebstSüdbaycrn) erobert hatte, dann in den Jahren 129vor Christus vier Felvzüge gegen das nördliche Germanien unternahm, scheint nach der Befestigung des linken Rhein -ufers durch Mainz (^loZuntiaeuin), Coblenz (6oir-sirrsntes), Köln (Oolouiu rVgri^pina), Kanten (Custia.vstsi-u) auch auf dem rechten Ufer in dem durch denkriegslustigen Stamm der Chattcn sehr gefährlichen Winkel

') Mommsen : Römische Geschichte. V. Bond: Einleitung.

P HodriouSwoll zwischen Corlisle und Newcostle o» Thue,aus. einer Mauer mit vorliegendem Graben und Wolle be-liebend; weiter nördlich davon zwischen GlaSgow und Edin-burgh liegt ein zweiter von Antoninus Pius hergestellter Wollmit Groben.

«) Der TrojanSwall in der Dobrudscha zwischen Tschcrna-wodo und dem schwarzen Meere.

P Dieselbe besteht seit 1892 und hat ihren Sitz in Heidel-berg . Die Ausführung der Pläne und Arbeiten geschieht durchzwei Dirigenten, denen die einzelnen Strcckencommissäre unter-stehen.

') Mommsen : Römische Geschichte. V. Bond: Einleitung.