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Gegend von den Markomannen geräumt wurde und von„gallischen Abenteurern", wie sie Tacitus nennt, coloni-sirt worden war.
Auch hier scheinen die Flavier, wahrscheinlich wiederumDomitian , eine bestimmte Grenzlinie geschaffen zu haben,vielleicht in der Mömling- oder Odenwaldlinie, welche vonWörth am Main ausging, ihre Fortsetzung in der Neckar-linie fand und aus Holzthürmen und kleineren Castellenbestand, ohne Wall und Graben. Selbstverständlich behieltman diese Linien noch bei, auch als der eigentliche Limes erbaut war, die Castelle wurden später verstärkt, die Holz-thürme durch steinerne ersetzt, so daß oft diese Werkewegen ihrer solideren Bauart für späteren Datums ge-halten werden, welche Annahme von Hettner, Dirigentder Neichslimcscommission, auf Grund der neuesten Unter-suchungen widerlegt wird?")
Mommsen führt Tacitus als Zeugen für diese Grenz-verschiebung an und meint hier die bekannte Stelle derGermania , in der unser römischer Gewährsmann bemerkt,daß die sogenannten deknmatischen Landstriche nach demBaue eines Grenzwalles und nach Verschiebung der Postenlinaits aoto xraasiäiis xronwtis Vorland des Reichessinns imxsrii und Theil einer Provinz wurden.") Dadie Germania, wie allgemein angenommen wird, im Jahre98 n. Chr. vollendet wurde, so dürfte der Zeitpunkt fürdie obige Grenzverlegung kurz vor 98 wohl unter derRegierung des Domitian zu suchen sein.
Was Tacitus eigentlich mit liraits aoto meint,dürfte nicht recht klar sein; denn wir haben hier nuran die Mömling-Neckarlinie zu denken, deren Stationennoch keine fortlaufende Verbindung durch Wall oderGraben besaßen; ebenso wenig kann hier von dem eigent-lichen Limes, der sicher späteren Datums ist, die Rede sein.
Vielleicht ließen sich einfach lirnits aoto und xras-siäiis xromotis als zwei analoge Begriffe fassen,durch welche diese Grenzregulirung deutlich zum Aus-drucke kommen soll.
Höchstens könnte man noch an die jedenfalls nichtviel später erfolgte und aus einem einfachen Grübchenbestehende Grenzmarkirung denken. Doch ist der Abstandein ziemlich bedeutender zwischen der älteren Castelllinieam Neckar und dem Grenzgräbchen, welches, wo es über-haupt noch auffindbar ist, meist in unmittelbarer Nähedes eigentlichen Pfahles oder Limes constatirt wurde.
Wohl wurde auch hiemit bereits das an das Landder Hermunduren grenzende Gebiet nördlich von derDonau von Weltenburg über Gunzenhausen nach Lorch zum römischen Reiche gezogen, jedenfalls mit dem Baueder Straße begonnen, welche von Passau über Negens-burg, Eining, Jrnsing und weiter in das Dekumaten-land führt, insoweit Hiebei nicht alte keltische Wege be-nutzt werden konnten, und diese Route mit Befestigungengedeckt. Ich möchte hier nur der Vermuthung Ohlen-schlagers beipflichten — der allerdings nur in sehr vor-sichtiger Weise es nicht für unmöglich, ja sogar fürwahrscheinlich hält, daß die Lagerkette Jrnsing, Kösching ,Pfünz, Weißenburg, Theilenhofen , Hammerschmiede älterenDatums ist als das Grenzvallum oder die Tcufelsmauer —und diese Castelle als zunächst zu dieser Straße gehörigbetrachten.^)
") Hettner: „Bericht über die Erforschung bcö Limes."Vertrag vorn 26. Sept. 1895.
") tHoriuania. 0. 29.
Ohlenschlazer: „Die römische Grenzmark in Bayern ."Seite 83.
Wenigstens bestand diese Linie bereits unter Trojannach einem in Weißenburg gefundenen Steine, der aufdas Jahr 107 weist, auch beansprucht das Castell Weißen-burg selbst auf Grund seiner mehr quadratischen (alsoälteren) Anlage ein höheres Alter, was auch von demArchäologen Hettner angeführt wird, obwohl derselbekurz vorher das gleichzeitige Entstehen der Teufelsmauerund der hinter ihr liegenden Lager verficht.
Noch immer bestand außer der oben behandeltenStrecke zwischen Rheinbrohl und Großkrotzenburg a. Mder eigentliche Limes, die Mauer oder der Wall, nichtWann dieses Werk zur Ausführung gelangte, dürftenur sehr schwer zu beantworten sein, und bildet dieseFrage wohl den wundesten Punkt in der ganzen Limes-forschung. Selbst Mommsen, der große Historiker, er-laubt sich hierüber kein entscheidendes Urtheil.
Genanntes Problem wurde besonders verwickeltdurch die Entdeckung des vorhin erwähnten sogenanntenGrübchens, welches jetzt an vielen Orten stets in derNähe des Limes aufgefunden wurde und nun hier derUebersicht halber im Zusammenhange betrachtet werdenmöge.
Schon Pfarrer Mayer besprach vor ungefähr 80Jahren in seiner „Reise auf der Teufelsmauer" diesesGrübchen im Hienheimer Forste, und wurde dasselbe vomRheins bis an die Donau zunächst durch die HerrenWolff, Soldan, Jakobi, dann von den meisten HerrenStreckencommissüren constatirt.
Die ersten und schönsten Resultate wurden imTaunus und in der Rheinprovinz erzielt, und bestehtdort das Grübchen nach dem Berichte des BaumeistersJakobi *b) in einer äußerlich unsichtbaren, etwa 20 römischeFuß von dem zeitlich jüngeren Limeswall abstehendenVertiefung, die nach verschiedenen Arten ausgesteint undwieder zugeschüttet worden ist.
Auf dem Boden des Grübchens liegen nämlich ent-weder in regelmäßigen Zwischenräumen größere Steine,oder die Steine liegen hart nebeneinander, oder endlichdie ganze Vertiefung war mit Steinbrocken ausgefüllt.Nebenher finden sich noch die der römischen Grenz-markirung eigenthümlichen Beimischungen, wie Scherben,Ziegel, Kieselsteine, Nägel, Holzkohle und Asche.
Etwas anders verhält es sich mit dieser Erscheinungauf der Strecke zwischen Main und Donau . Auch hierwurde das Grübchen meistens gefunden, jedoch nicht alsabsichtlich verdeckt, sondern offen.
Bei diesen Untersuchungen erfolgte nun zunächst durchHerrn Kohl die epochemachende Entdeckung von Pallisaden»reihen, eine Thatsache, welche auch bald von den HerrenDr. Eidam und Gutsbesitzer Winkclmann bestätigt werdenkonute. Es bestehen diese Pallisaden aus Baumstämmenvon etwa 40 cnr Dicke, sind besonders an sumpfigenStellen gut erhalten und mochten vielleicht 2—3 rn überden Boden hervorgeragt haben. Pfarrer Mayer hat alsofür seine Behaupmng eine glänzende Bestätigung ge-funden, indem bereits er angenommen hatte, daß einstin dem Grübchen Pallisaden standen. Nur eine einzigeStelle wurde nachgewiesen in der Nähe von Gunzen-hausen, wo die Pfähle in einer eigenen, zweiten Ver-tiefung eingesetzt waren.") Aber Herr Hettner dürfte
") Limesblatt Nr. 7, S. 60.
") U-bngeiiS wurde in jener Gegend durch Herrn Dr.Eidam sogar eine dritte Rinne aufgedeckt in jüngster Zeit.