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Recht haben, wenn er glaubt, daß eS sich hier lediglichum eine „lokale Correctnr" handele.^)
Auch das müssen wir zugeben, daß nicht überalldie Pallisaden zu finden sind, aber es werden dies dochmehr oder weniger Ausnahmen und wiederum dem Er-messen der betreffenden Beamten zuzuschreiben sein.
Das Grübchen mit seinem Pfahlzaune scheint also,wie bereits Ohlenschlager meint, das Ueberbleibsel derersten vorläufigen Abgrenzung zu sein;*°) der hölzerneund solide Zaun verlieh überdies den meisten Stellen einegewisse Festigkeit gegenüber unbedeutenderen Annäherungs-versuchen.
Wann ist nun diese Grenzvermarkung in das Lebengetreten, oder zunächst: ist sie mit einem Schlage undgleichzeitig entstanden?
So sehr ich gewissermaßen vom idealen Standpunkteaus diese letztere Frage bejahen möchte, da ja erst durcheine solche im Zusammenhang geschaffene, kühn vom Rhein bis an die Donau führende Tracirung diese Vermarkungdie gehörige Bedeutung bekommen und einzelne unter-brochene Strecken wenig Zweck besitzen konnten, so sprechendoch auch wichtige Gründe dafür, daß wenigstens dasGrübchen zwischen Rhein und Main früher angelegtwurde, als jenes zwischen Main und Donau , einerseitsweil die rheinischen Bauten fast insgesammt früherenDatums sind, andererseits weil sich das dortige Grübchenauch in seiner Anlage wesentlich von dem übrigen Theilunterscheidet.
Was den eigentlichen Zeitpunkt der Entstehung be-trifft, so dürfte nunmehr die Ansicht Mommsens") undJakobi's nichtig geworden sein. Beide glaubten nämlich,das Grübchen und der Limes seien gleichzeitige Werke,und finden so die Erklärung zu welcher eigentlich
nicht Grenze, sondern Grenz!örper, Abgrenzungsweg,bezeichnet, indem diese Straße nach ihrer Meinung durchdie Versteinung oder Verpfählung auf der einen unddurch den Limes auf der anderen Seite bestimmt war.An manchen Orten konnte sogar diese Einrichtung ganzgut bestanden haben. Allein wollte man diese Annahmefür die Allgemeinheit gelten lassen, so wäre vor allemnothwendig, daß besagtes Grübchen stets parallel und ingleichem Abstände zu dem Walle oder der Mauer einher-liefe, waS aber bei weitem nicht der Fall ist. So wurdevon Herrn Strcckcncommissär Gutsbesitzer Winkelmannnachgewiesen, daß z. B. bei Altdorf und Pfahldorf inBayern die Grenzvermarkung sich sogar 7—10 in hinterder Teufclsmauer befindet. Auch bei Gunzenhausen wirddas Grübchen mit seinen Pallisaden mehrfach von demPfahle geschnitten, ebenso in der Rheinproviuz. DieGrenzfurche, wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf,mit ihren Pfählen ist also sicher früheren Datums alsdie Limesmnuer und wurde bei Erbauung der letzterenmeistens außer Dienst gestellt.
Ich möchte bei dieser Frage auf die schon viel be-sprochene Stelle des Spartianus aufmerksam machen inseiner vita. Haclriaui (Leben Hadrians ),^) worin er uns
") Heliner: „Bericht über die Erf. d. Limes ." Vertragvom 26. Sevt. 1895.
Ohlenschlager: „Die römische Grenzmark in Bayern ."
") Vergl. Hettner: „Bericht über die Cri. d. LimeS". undMommsen : „Römische Geschichte", Bd. V, Cap. IV, S. 111Anmerk.
Lelins Lpartiimns: Vita. Haäriani, 6. 12: >ker eatsmxora st alias kregusnter in plurimis weis in gnibusbarbari von ünininibns seä liinitibns (livikluntnr stixitibusWagnis in moäum mni-alis seyis innäatis, iaetis atgus eon-nsxis. barbaros sevaravir.«
versichert, daß der Kaiser in jener Zeit (etwa 124 n.Chr. Geb.) in den meisten Gegenden, wo die Barbarendurch keine natürlichen Grenzen geschieden waren, dieselbendadurch abgegrenzt habe, daß er große Pfähle in denBoden treiben und sie unter sich verbinden ließ, so daßsie das Aussehen einer Mauerhecke hatten.
Es stimmt merkwürdiger Weise diese Stelle mit denResultaten der neuesten Forschungen aber auch auf dasgenaueste überein.
Ließen wir aber dieses Werk erst von Hadrian ge-schehen, so müssen wir die Entstehungszeit des eigent-lichen Limes ziemlich weit hinausschieben und dem KaiserTrojan, der nach der gewöhnlichen, allerdings man darfsagen ganz unbegründeten Annahme als Erbauer derStrecke Miltenberg-Lorch oder sogar Lorch-Hienheim gilt,keinen Antheil an dieser Befestigung gewähren
In der That dürfte die Behauptung, daß Trojanden Limes erbaute, geradezu aus der Luft gegriffen sein;auch das älteste Zeugniß, welches bei Oehringen gefundenwurde, stammt erst aus dem Jahre 169 n. Chr., dabereits Mark Aurel regierte. Mommsen will sogarHadrian vom eigentlichen Baue des Walles ausgeschlossenwissen, findet es aber dem Berichte des Spartianus zu-folge für wahrscheinlich, daß dieser Kaiser eine „künstlicheSperrung" ") angebracht habe durch Verhaue. Daß solcheVerhaue wirklich bestanden, ist jetzt durch die oben be-sprochenen Pallisaden des Grenzgräbchens evident ge-worden. Wenn wir auch diese Anlage in ihrem ganzenUmfange nicht dem Hadrian zuschreiben wollen, so werdenwir uns doch stets hüten müssen, die Entstehungszeit derTeufelsmauer oder des Pfahles zu frühe anzusetzen, dadiesem Werke jedenfalls die oben beschriebene Grenzfurchemit abwechselnden Pfahlhecken voranging.
Der einfachste Ausweg dürfte der sein, daß wireine stetige, successive Entwicklung der ge-sammten römischen Grenzmark annehmen, abge-sehen wiederum von der öfters erwähnten, bereits unterDomitian vollendeten Rhcinstrecke, und zwar so, daß zu-nächst von den Flaviern eine Castell- und Straßenliniegeschaffen wurde von Wörth am Maine den Neckar ent-lang bis an die Nems über Pföring an die Donau » dernachher eine endgültige Vermarkung der Grenze durchdas bekannte Grübchen folgte, welches später oder auchan manchen Orten gleichzeitig stellenweise eine Art Be-festigung aus Pallisaden erhielt, und daß dann schließ-lich wahrscheinlich noch unter Hadrian mit dem Baue derMauer oder des Dammes begonnen ward, ein Werk, dasjcdochosicherlich erst unter den späteren Kaisern seine Ver-vollkommnung und Vollendung fand.
Durch diese stetige, langsame Entwicklung der röm-ischen Grenzbefestigung, welche nicht daS Verdienst eineseinzigen ist, sondern einer Reihe von Regenten, dürftesich auch die Thatsache erklären lassen, daß die späterenrömischen Geschichtsschreiber uns fast gar keine Nachrichtbieten über diese Bauten in Deutschland . Hätte hierirgend ein Kaiser einmal einen ganz besonders großenSchritt gethan, so würden sich das die kaiserlichen „Hof-bistoriker", wenn ich so sagen darf, wie Gallican, Tre-bellius Pollio, FlaviuS Vopiskus, Lawpridtus undCavitolinus, für ihr Hanvwerk nicht haben entgehenlassen, und Hütte z. B. Hadrianus den Limes gebaut.
'v) Mommien: „Römische Geschichte." V. Bd., Cap. 4,Seite 141.