Ausgabe 
(9.10.1896) 41
 
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Gulistan erzählt die Reise folgendermaßen:Als derZweigehörnte der Finsterniß nahe gekommen war undtrotz des Abrathens der ihn begleitenden Weisen be-schlossen hatte, hineinzugehen, sprach er zu den Männernder Erkenntniß: Welche Lastthiere sehen am schärfsten?Sie antworteten: Die Pferde. Welche Pferde sind amscharfsehendsten? Die dunkelbraunen Stuten, die nochnicht geworfen haben. Da wühlte er von den dunkel-braunen Pferden 6000 dunkle Stutenfüllen aus, wählteferner 6000 verständige und erfahrene Männer aus undstellte über je 1000 Mann einen Anführer aus der Zahlder Weisen. Aber den Chtdr stellte er über die 2000Mann seines Vortrabs. Dann befahl er dem übrigenTheil des Heeres, sich zu lagern und Zelte aufzuschlagen,und sie thaten es. Und er verbot ihnen, sich zu trennen,bis er zurückkäme. Da sprach zu ihm Chidr : O König Isiehe, wir werden in die Finsterniß hineingehen, abereinander nicht sehen können. Was sollen wir thun,wenn wir irre gehen? Da reichte ihm der Zweigehörnteeine rothe VenuSmuschel und sprach zu ihm: Wenn ihrfehlgehet, so wirf diese auf den Boden, und wenn sie,auf die Erde geworfen, laut ertönt, so gehet ihrem Tonenach. Nun zog Chidr inmitten seiner zwei Abtheilungenweiter, bis er zum Thale gelangte, in welchem die Quellewar, und als er etwas sehr süßes roch, kam ihm derGedanke, daß die Quelle wohl in diesem Thale seinkönnte. Daher warf er jene Muschel in's Thal hinab,und sie ertönte laut. Chidr stieg hinab und fand denQuell, und sah weißes Wasser, weißer als Milch undsüßer als Honig und angenehmer an Geruch als Moschus.Er trank davon, wusch sich, bestieg sein Pferd und kehrtezurück zu seinen Gefährten. Jskander aber erreichte undfand das Thal nicht." Vielmehr irrte er rathloS in derFinsterniß umher, kam zu vier auf Säulen sitzendenVögeln, mit denen er sich in verschiedene Klagcgesprächeeinließ. Eine unbekannte Stimme rief aus der Dunkel-heit, daß es sowohl denjenigen, welcher von den am Wegeliegenden Steinen welche mitnehme, später reuen würde,als auch denjenigen, der es unterlasse. Einige Soldatennahmen solche Steine, andere nicht. Als sie aber ausder Finsterniß herausgekommen waren, zeigte es sich, daßdie mitgenommenen Steine kostbare Edelsteine, Hyazinthenund Chrysolithen, waren. Da ergriff in der That alleNeue, diejenigen, welche zu wenig, und die, welche garnichts mitgenommen hatten.

Nirgends fehlt bei den mohammedanischen Autorendie Geschichte vom Baue des eisernen Walles, denAlexander in einem Bergthore zum Schutze gegen dieNäuberstämmc Nordasiens errichtete, welche gewöhnlichunter den Namen Gog und Magog (Jadschudsch undMadschudsch") zusammengefaßt werden, und mag dieswohl darauf beruhen, daß auch der Koran dieselbe aus-führlich erzählt. Sure 18, 93 ff. heißt es:Dsulkaruainverfolgte seinen Weg weiter von Süden nach Norden,bis er zu den beiden Bergen kam, unter denen er einVolk fand, das kaum verstand, was er sagte. Und siesagten: O Dsulkarnain, in der That, Gog und Magogverwüsten das Land. Sollen wir dir Tribut zahlenunter der Bedingung, daß du einen Damm zwischen unsund ihnen erbauest? Er antwortete: Die Macht, mitder mich mein Herr versehen hat, ist besser als euerTribut; aber helft mir kräftig und ich will einen festen

der ewige Jude".) Dem persischen Dichter Nisami ist Chisrdas, was dem klassischen Dichter die Muse, und die DichtkunstWird von ihm als Lebenswasser, dem Chisr vorsteht, dargestellt.

Wall setzen zwischen euch und zwischen ihnen. Bringtmir Eisen in großen Stücken, bis es den Platz zwischendiesen beiden Bergen ausfüllt. Und er sagte zu denArbeitern: Blast mit euern Blasbälgen, bis das Eisenroth wird wie Feuer. Und er sagte ferner: Bringt mirgeschmolzenes Erz, damit ich es darauf gieße. Deßwegen,als dieser Wall vollendet war, konnten ihn Gog undMagog nicht ersteigen, noch auch durchgraben. Und ersagte: Dies ist eine Gnade meines Herrn, aber wenndie Weissagung meines Herrn erfüllt werden wird, dannwird er diesen Damm zu Staub machen. Die Vorher-sagung meines Herrn ist wahrhaftig." Die hier ge-nannte Weissagung ist die, daß die Barmherzigkeit Gottesden erbauten Niegel bis zum Erscheinen des großen Ge-richtstages stehen läßt.

Firdust beschreibt Gog und Magog als zwei Un-geheuer, die in ihren eigenen Ohren schlafen. Nachandern sind es Türken, Skythen , Tataren oder Chinesen.

Auch Tibet erobert Alexander und kommt von danach China. Um den Fagfur von China zur Unterwerfungzu bewegen, erscheint er, wie vor Darms und der KöniginKidafa, als sein eigener Gesandter, indem er einen seinerVczire, Namens Fitaus, seine Stelle einnehmen undAlexander sich nennen läßt, er selbst aber als VezirFitaus zum Könige geht. Nachdem er dem Fagfur daSSchicksal des Darius und des Für von Indien erzähltund die Macht Alexanders geschildert hat, erkennt dieserden Alexander als seinen Oberherrn an und bewilligtihm einen jähilichen Tribut aus den Früchten desLandes. Auch schenkt er dem Alexander seine eigeneKrone, kostbare Pelze, chinesische Seide, indische undchinesische Waffenrüstungen, Gold und Silber, Moschusund Samba. In China findet Alexander einen vonNymphen bewohnten See, welche die Nacht mit Singenund Spielen am Ufer zubringen.^)

Nachdem Alexander alle Dinge vom Untergänge derSonne bis zu ihrem Aufgange erreicht, alle Völker derErde besucht, alle Länder sich unterworfen, zahlreiche,nach seinem Namen benannte Städte erbaut und anden äußersten Punkten seines Zuges als Wahrzeichen(Talisma") eherne Standbilder (Roß mit Reiter) mitder InschriftUeber mich hinaus kann niemand kommen"errichtet hatte, erhielt er vom Himmel den Befehl, um-zukehren, da er bald sterben würde. In den Berichtenüber die Zeit, den Ort und die näheren Umstünde seinesTodes gehen die persischen und arabischen Schriftstellersehr weit auseinander. Nach der allgemeinsten Ansichtaber starb er in Mesopotamien oder in Alexandrien .In letzterer Stadt wurde er in einem goldenen, mitEdelsteinen reich verzierten und mit Honig und Aloeausgefüllten Sarge begraben.

Wie schon erwähnt, läßt Nisami Alexander nocheine zweite Reise durch die Länder der Erde unter-nehmen, nämlich als Prophet. Nach der Rückkehr vonder ersten Reise verbrachte Jskander die Zeit mit ge-lehrten Gesprächen und Lösung philosophischer Streit-fragen mit den sieben Weisen an seinem Hose: Aristo-teles, Hermes, Plato, Thales, Porphyrius, Sokrates ,Apollonius von Tyana , und gelangte auf den Stufender Erkenntniß bis zu den Grenzen menschlicher Einsicht.Eines Tages brachte ihm ein Engel vom Himmel dieBotschaft, daß Allah ihn zum Propheten auserkoren

'°) Nach Spiegel, a. a. O. S. 58.

°°) Die Erzählung hat Aehnlichkeit mit Plinius VI, 97und XXXI, 35.