42
16. Giri- 189k
Miß Diana Vanczhan in ihrer wirklichenGestalt.*)
Der antt-freimaurerische Kongreß zu Trient hatnamentlich durch einen seltsamen Zwischenfall Aussehenerregt. Während alle Besucher desselben vollkommeneinig waren über den Satz, daß die Freimaurerei ausreligiösen und politischen Gründen durchaus verwerflichund mit allen erlaubten Mitteln zu bekämpfen sei, erhobsich ein, von der einen Seite mit förmlicher Erbitterunggeführter Streit über die Frage: Wie steht's mit „MißDiana Vaughan"?
Dieser Streit steht in engerm Zusammenhang mitErörterungen, welche im August und September lebhaftdie katholische Presse Deutschlands beschäftigten. EinMitglied der Gesellschaft Jesu , als ausgezeichneterKenner der freimaurerischen Literatur bekannt, hattenachdrücklich vor den „Enthüllungen" gewarnt, welcheeine angebliche Miß Diana Baughan, ehemalige „Palla-distin" und „Luciferanerin", Verehrerin des „gutenGottes" Lucifer im Gegensatz zu dem „adonaistischen"Christengott, in französischen Büchern und Zeitschriftenzum Besten gegeben hatte. Es war eine alte Geschichte,deren Anfänge mehrere Jahre zurückliegen und die inFrankreich schon viel Staub aufgewirbelt hatte. Mankonnte sie in Deutschland ignoriren, so lange der Schwindelnicht die Grenze überschritt. Aber als ein pseudonymerDr. Michael Germanus (angeblich ein Geistlicher inWien, nach anderer Version in München) die französischen Publicationen — ohne irgendwie eine kritische Untersuchungoder Prüfung anzustellen! — zu einer deutschen Flugschriftverarbeitete (Die Geheimnisse der Hölle, oder: Miß DianaVaughan, ihre Bedeutung und ihre Enthüllungen überdie Freimaurerei, den Cultus und die Erscheinungen desTeufels in den palladistischen Triangeln), als Hr. Künzle,der in Feldkirch (Vorarlberg) wohnende geistliche General-Director des Eucharistischen Bundes, dieses Machwerk inTausenden von Exemplaren drucken ließ und in seinerreligiösen Monatsschrift „Pelikan" dafür Neclams machte,da hörte das Gewährenlassen auf.
Es kann ernsten Katholiken nicht gleichgültig sein,ob in weitem Volkskreisen, und zwar unter geistlicherAutorität, der wahnwitzigste Aberglaube verbreitetwird, beispielsweise das von „Diana Vaughan" veröffent-lichte „Document " des Teufels Bitrn, laut welchem dieFreimaurerin Sophia Walter am 29. September 1896 inJerusalem die Großmutter des Antichrist zur Welt bringensollte — ein Ereigniß, über dessen Verlauf leider nichtsNäheres bekannt geworden ist, vermuthlich, weil die Frei-maurer dasselbe sorgfältig mit dem Schleier des tiefstenGeheimnisses umgeben haben. Jetzt lag die Gefahr derVolksvergiftung auch in Deutschland nahe —der Münchener Lourdes -Kalender für 1897 bringt schoneinen naiven Artikel: „Die Palladistin Diana Vaughandurch eine Heilung in Lourdes bekehrt", und der Ein-spruch wurde zur strengen Pflicht.
Die deutsche katholische Presse hat diesePflicht mit vollster Einmüthigkeit erfüllt. Ausnahmsloshat sie die Vaughan'schen „Enthüllungen" als kolossaleMystifikation behandelt und ist dabei von deutsch -öster-reichischen Blättern kräftig unterstützt worden. Angesichtsdes Gesagten erscheint es kaum nöthig, daß wir die öffentlich
gestellten Fragen („Wo ist die angebliche Miß Vaughangeboren? Sie wird doch in keinem wilden Lande zurWelt gekommen sein, wo es kein Civilstands-Negister gibt.Wer waren ihre Eltern? Diese kann man doch unbe-denklich nennen. Und vor allem: Wo ist Miß Vaughan'zur katholischen Kirche übergetreten? Bor welchem Geist-lichen hat sie ihre Irrthümer abgeschworen? Von welchemGeistlichen ist sie getauft worden? In welcher Kirche hatsie ihre erste hl. Kommunion empfangen?") noch einmalwiederholen. Bis heute ist von Seiten der Parteigängerder angeblichen Miß darauf keine irgendwie genügendeAntwort gegeben worden; die Fragen werden auch nie-mals beantwortet werden, weil eben eine „Miß DianaVaughan" nicht existirt.
Deutsche Geistliche, Msgr. vr. Gratzfeld, derVertreter des Herrn Cardinal-ErzbischofS von Köln , undMsgr. vr. Baum garten aus Nom, waren es auch,welche in Trient die Ehre des Katholicismus wahrten.Ihre Erkundigungen nach dem Geburtsschein der Miß,nach den näheren Umständen ihrer Bekehrung usw. wurdenvon einigen französischen Kongreßmitgliedern mit nichts-sagenden Ausflüchten oder geradezu kindlichen „Beweisen"beantwortet — wir erinnern an die Visitenkarte, welchedie Existenz der Miß beweisen sollte —, und mancherAnwesende, der als Gläubiger gekommen war, ist sehrnachdenklich fortgegangen. Der Kongreß als solcher schobdie Sache unter den Tisch: er verwies die Frage anein Comiiö.
Diesem Comits Material zu bieten, ist der nächsteZweck der folgenden Zeilen. Mit dogmatischen Fragenwerden dieselben sich in keiner Weise beschäftigen; esliegt nicht der mindeste Grund vor, der Entlarvungeines systematischen, auf Geldmacherei undDiscreditirung des Katholicismus berech-neten groben Schwindels einen so ernsten Hinter-grund zu geben.
Der Fehler bei der bisherigen Behandlung derVanghan-Frage liegt hauptsächlich in dem Umstände, daßman die geheimnißvolle Persönlichkeit und ihre angeblichenSchriften zu sehr für sich behandelte. Betrachtet mansie im Zusammenhang mit ältern „anti-freimaurerischen"Schriften, so tritt sogar für den bescheiden veranlagtenKritiker die Thatsache der Fälschung zweifellos hervor.Den Schlüssel bietet vor allem dus Buch 1-6 älaß 1sau XIX. siöels, pa,r 1s äooteur Lutuills.(Oellioraraa st ürigust, kario DieLieferungs-
Ausgabe dieses Werkes erschien während der Jahre 1893und 1894. Die Buch-Ausgabe umfaßt zwei schwereBände, jeder von fast 1000 Seiten, mit Hunderten vonBildern großentheils blödsinnigen Charakters.
Vielleicht niemals sind an die menschliche Leicht-gläubigkeit solche Zumuthungen gestellt worden. ESist eine Sammlung von Teufels- und sonstigen Spuk-geschichten, so phantastisch, vielseitig, in ihrer Art auchso originell, daß die Matadore der Hexen-Literatur des17. Jahrhunderts beschämt davor die Segel streichenmüssen. Ihre kümmerlichen Darstellungen, in denen sichHexenritt, Blocksberg-Scenen, Stigma, gewürzt mit Ob-fcönitüten, bis zur Ermüdung und zum Ekel wiederholen,sind die reine Stümperei neben diesen „Erzählungen einesZeugen", der überall dabei gewesen sein will und — dasmuß man ihm lassen — auch zu erzählen weiß. In dieEmpörung, welche die Lectüre erregen muß, mischt sich
*) Aus der „Kölnischen Volkszeitung".