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auch für den ernstesten Leser manchmal ein Lächeln, Manlese zum Beispiel „die curiose Geschichte Wladimir's"(II, 7 ff.), deren Held sich in dritter Ehe mit einer„Geistcrfrau" vermählt, die in einer tadlo-FiAoZuswohnt! Auf dem dazu gehörigen Bildchen sitzt derGetstertisch in Kranz und Schleier neben dem Bräutigam,und die Hochzecks-Gesellschaft stößt mit Sectgläsern anauf das Wohl des Brautpaares! An anderer Stelle(I, 619) erfahren wir, daß ein Geistertisch sich plötzlich„in ein häßliches Krokodil mit Flügeln verwandelte. DasErstaunen stieg auf den Wipfel, als das Krokodil sichdem Clavicr näherte, es öffnete und eine Melodie mitden seltsamsten Noten spielte. Während des Spiels warfdas Krokodil der Herrin des Hauses ausdrucksvolle Blickezu, welche diese, wie man sich denken kann, in eine sehrpeinliche Stimmung versetzten." (Genaue Nachbildungendieser beiden Bilder werden wir in den nächsten Tagenzum Abdruck bringen.)
Eine Perle in seiner Art ist auch das große Capitel(I, 481 sf.) „Die geheimen Werkstätten und das Labo-ratorium Gibraltars". Da erzählt „Or. Bataille" imflottesten Neportersttl, wie er sich in eigener Person indas Innere des Gibraltarfelsens begibt und dort dieHöhlen besucht, in denen Menschen und Dämonen mitWissen der englischen Regierung die Requisite des Satans-dienstes und die exquisitesten Gifte fabriciren. Tubalcainbegrüßt ihn in feierlicher Rede (S. 533), zuerst „in aus-gezeichnetem Französisch", am Schluß aber spricht er —Volapük, die „kürzlich erfundene Sprache, welche von demOtto LiooelöiHuö angenommen worden ist." Beim Ab-schied aber „überreichte mir der Dircctor des occultist -ischen Laboratoriums ein einfaches kleines Fläschchen,das kaum einige CentilitreS faßte; es enthielt einen Stoff,mit dem man in einer Zweimillionenstadt wie Paris einemörderischere Cholera als die Hamburger von 1892 her-vorrufen könnte. Andern Tags habe ich daS verfluchteDing in's Meer geworfen." Diese und noch unzähligeandere Sachen erzählt „Or. Bataille", ohne mit einerWimper zu zucken, und der feierlichste Ernst durchwehtauch seine Vorrede: Wie sein kranker Freund Carbuccia,von Reue über seine satanistische Vergangenheit ergriffen,ihm seine Sünden beichtet und ihn in den Stand setzt,sich in die geheimsten Logen einzuschlcichcn und als Augen-und Ohren-Zeuge „die lucifcrianische Freimaurerei" zuentlarven. Jetzt ist Carbuccia ein frommer Christ undlebt in tiefer Verborgenheit — seinen Aufenthaltsort darfder discrcte Dr. Bataille natürlich nicht verrathen, ebenso wenig wie heute Herr Leo Taxi! verrathen darf, wodie unauffindbare Miß Vaughan vor der Rache der Frei-maurer sich verbirgt.
Man sollte es für unmöglich halten, daß ver-nünftige Leute auf ein solches Buch hereinfielen, undeine Reihe katholischer Blätter Frankreichs , so der Monde,die Vvrito und die Scmaine religiense von Cambrai haben es denn auch von Anfang an als „Roman,illustrirtes Feuilleton" usw. behandelt. Aber das tolleBuch hatte manche Eigenschaften, die nur zu sehr ge-eignet waren, harmlose Seelen auf den Leim zu führen.Es war glänzend geschrieben, verrieth die Kenntniß einerausgedehnten Fachliteratur, flocht bekannte Wahrheit undneue Dichtung rasfinirt zu einem kaum entwirrbarenKnäuel zusammen — und triefte von Frömmigkeit. Sowurde es möglich, daß die Macher sich auf eine Mengevon Zustimmungserklärungeu auch aus geistlichen KreisenFrankreichs berufen und eine Reclame des Verlegers das
Urtheil des guten alten Canonicus Muskel citiren konnte:„Lebhaft und leidenschaftlich angegriffen, bleibt das Werkdes Or. Bataille intact und geht triumphirend aus demWiderspruch hervor. Es ist eine furchtbare, aber wahr-haftige Enthüllung des Cultus und der Werke Satansin der ganzen Welt in unserer Zeit" (Revue cath. deCoutances 29. März 1895).
Wer ist nun „Dr. Bataille", dessen anonymeAutorität hinreichte, um weitern, auch gebildeten KreisenFrankreichs den «nassesten Aberglauben mundgerecht zumachen und dem oder den Verfassern des Oiablo au19. siöolo riesige Summen in die Tasche zu treiben?Einer von diesen Verfassern ist längst bekannt, wennauch nicht allgemein. Im Vorwort führt sich „Or. Ba-taille" als Schiffsarzt der Messageries Maritimes ein,als welcher er 1880 die Bekanntschaft des reuigen Car-buccia gemacht haben will. Dieser Schiffsarzt — denndas ist er wirklich gewesen — ist Herr Or. CharlesHacks, ein Pariser Arzt, der kürzlich bei der Enthüllung! der Schwindel-Affaire der „Seherin der Nue Paradis"in Paris oft erwähnt wurde. Die Revue Maxonniquehat den Namen genannt, das Londoner Tablct noch ganzkürzlich ebenfalls, und in Paris weiß es eine MengeLeute, auch der Abbe de Bcssonieö, der in Tricnt soeifrig als Kämpe der Diana Vaughan auftrat. Ernst-haft bestricken worden ist unseres Wissens seine Be-theiligung niemals.
Ist er ein Betrogener? Nein. Dafür ist er zugcscheidt, und man braucht nur einige Seiten der zweifel-los von ihm geschriebenen Einleitung gelesen zu haben,um den Gedanken fallen zu lassen. Gläubige Seelenaber machen wir zum Uebeifluß aufmerksam auf einBuch, das eben derselbe Or. Hacks ganz kurz vor demErscheinen des Oialcks unter seinem wirklichen Namengeschrieben hat: (Marios Ilaolrs, Oe Oosto. (1892,I'aris. Narpon 8e Olammarion.) Man lese dort denAbschnitt Oo Oosto icköratihno, los roli§ions Mr loursZostos (S. 111 ff.) mit seinen Ausfühumgen über diePerson Christi und daS Christenthum — fast auf jederSeite die rücksichtslose Sprache des erklärten Frei-denkers ohne eine Spur von Glaubens-Ueberzengnng.Das ist derselbe Mann, der kurz darauf als Or. Ba-taille ein von Verbeugungen vor dem Papste und frommenRedewendungen überfließendes Buch mit der Beschreibungeröffnet, wie er einem reuigen Luciferianer die Laien-bcichte abnimmt und diese Beichte zum Ausgangspunktenimmt, um in einem Roman ü lu JuleS Vcrne den„Lucifcriancrn" zum Besten der Kirche bis in ihre ge-heimsten Schlupfwinkel nachzuforschen!
Wir sagen damit nicht, daß Or. Hacks das ganzeBuch geschrieben hat, sind vielmehr vom Gegentheil über-zeugt. Manche Partien sind ihm mehr oder minder sicherzuzuweisen, in denen der weitgereiste Mann, der Mcdi-ciner und Kenner des modernen spiritistischen Treibenszu Tage tritt. Andere Capitel verrathen schon durchden Stil eine andere Feder. Das Buch war ein C o m-pagniegrschüft, berechnet auf die menschlicheDummheit, ausgehend von dem Gedanken: Wir wollendoch einmal sehen, wieviel wir unsern lieben Landslentenvormachen können, ohne daß sie den Braten riechen;damit verdienen wir ein schönes Stück Geld, und wenndabei möglichst viele xrotros hereinfallen, so ist das einangenehmer Nebenerfolg. In Frankreich ist die Specu-lation leider in weitem Umfange geglückt. In Deutsch-land hat freilich unseres Wissens nur Or. Germanus.