Hi'» 50.
Ein Apostel der Charitas.
6. — Am 12. November nahm die Gruft
des Schlosses Louville bei Chartres die irdische Hülleeines Mannes auf, über dessen frühen Hingang dasganze katholische Frankreich trauert. Msgr. d'Hu Ist,Hausprülat S. H.» Tttular-Generalvikar der Pariser Erzdiöcese, Rector der Katholischen Universitätin Paris, Abgeordneter des Wahlkreises Brest , ist am6. dS. in der Vollkraft des Lebens einem heimtückischenUebel erlegen. Die Tragweite dieses Ereignisses läßtsich am besten aus den Worten des Heiligen Vaters er-schließen, der beim Eintreffen der Trauerbotschaft aus-rief: „Das ist ein Verlust, ein großer Verlust für dieKirche in Frankreich!" Die katholische Presse Frankreichs und Italiens schildert denn auch in langen Spalten denEdelmann durch Geburt und That. Auch uns demschenKatholiken kann die Skizze des Lebens und der Wirk-samkeit eines der bedeutendsten Priester des französische»Klerus nur zur Erbauung und Ermunterung dienen.Wir entnehmen die folgenden Angaben hauptsächlich denausführlichen Berichten der Pariser „Croix".
Maurice Le Sage d'Hauteroche d'Hulst war geboren am 10. Oktober 1841 zu Paris . Mütter-licherseits gehörte er zur erlauchten Familie Grimoard du Roure, einer der ältesten der Cevennen, die schonvor einem halben Jahrtausend der Kirche den heilig-mäßigen Papst Urban V. geschenkt hatte. Seine Mutterwar es auch, die dem kleinen Maurice die erste Ver-ehrung für den vorletzten Papst von Avignon einflößte,was auf die ganze Lebensthätigkeit des Grafen d'Hulstbestimmend wirkte. Von einem Hauslehrer in den An-fangsgründen unterrichtet, bezog Maurice das GymnasiumSt.-Stanislas zu Paris , wo er im Alter von 18 Jahrendie klassischen Studien und exakten Wissenschaften mitAuszeichnung absolvirte. Geburt, Vermögen und Geistes-gaben ließen ihm nun jede Laufbahn offen. Er aberhatte längst den besten Theil erwählt und trat darumohne Zaudern ins Priesterseminar von St.-Sulpiceein. Nachdem er dort fünf Jahre lang Philosophie undTheologie studirt hatte, begab er sich auf zwei weitereJahre nach Nom, um seine theologischen und besonderskirchenrechtlichen Kenntnisse zu vervollkommnen. AlsDoctor der Theologie und des kanonischen Rechtes kehrteer 1865 in seine Vaterstadt zurück.
Zum Priester geweiht, wirkte er Jahre lang alsVikar der Pfarrei St.-Ambroise, welcher damals derjetzige Erzüischof von Reims , Cardinal Langönieux,vorstand. Es liegt diese Pfarrei in einer der dicht-bevölkertsten Arbeitervorstädte. Dem jungen Priester lagnur mehr -das geistige wie leibliche Wohl der armenArbeiter am Herzen; um ihr Elend zu mildern, scheuteer kein Opfer.
Der folgende Zug laßt uns feinen Eifer erkennen,>öen keine Schwierigkeit abschrecken konnte. Um die Mittelzur Gründung eines Arbeiterheims auszubringen, ginger sammeln wie ein Klosterbruder. Eine reiche Dame,deren Adresse er erhalten, empfing ihn kalt, gab ihm20 Fr. und verabschiedete ihn mit den wenig liebens-würdigen Worten: „Vielleicht handle ich aber verkehrt.Ich kenne Sie ja nicht; zwar tragen Sie das geistlicheGewand, aber es gibt so viele, die sich verkleiden!" DerVikar ließ sich durch solche Auftritte nicht entmnrhigen
und hatte in wenigen Tagen die nothwendigen Gelderbeisammen.
Im Jahre 1868 gründete er in der Nue de laFolie-Möricourt eine theoretisch-praktische Industrie-schule, deren Einrichtung er aus eigenen Mitteln be-stritt; mit der Schule war ein Internat verbunden, daser mit Abbß Courtade leitete. Ein ehemaliger Zög-ling erzählt darüber im Univers: „Wir beteten unsernDirector au. Er war wie ein Vater gegen uns. Stetsheitep, hatte er bei einem reichen Schatz von Wissen auchdie Gabe, uns durch seine anmuthige und belehrende Er-zählungsart für alles zu interessircn. In der Freizeitbetheiligte er sich an unsern Spielen. Seine Mild-thätigkeit aber war unerschöpflich. Unsere größteFreude war es, ihn begleiten zu dürfen, wenn er dieArmen besuchte; da nahm er gewöhnlich unser zwei bisdrei mit und beauftragte uns, in der Folge seine Schütz-linge zu überwachen und ihn über ihre Lage auf demLaufenden zu erhalten."
Im Jahre 1870 sollten ihn seine Zöglinge undSchutzbefohlenen aus kurze Zeit tirilieren. Nach derKriegserklärung folgte er als Feldgeistlicher demCoips des Marschalls Mac-Mahon und zeigte seinenOpiermuth bei Beaumont-Mouzon, BazeilleS und Sedan,wo er in Gefangenschaft gcrieth. Es gelang ihm aber,nach Brüssel zu entkommen, von wo er alsbald nachParis eilte, um während der Belagerung seine Schulein ein Lazareth umzuwandeln. Von Abbä Courtade undacht Waisenknaben — die übrigen Zöglinge waren ent-lassen — unterstützt, pflegte er Tag und Nacht die Ver-wundeten, indem er weder Mühe noch Geld sparte undsich nur hie und da auf dem bloßen Boden kurze Rastgönnte. Nicht genug; nochmals drängte es ihn hinausaufs Schlachtfeld. Er begleitete die Mobilgarden beiihren verzweifelten Ausfällen aus der Hauptstadt undprovidirte die Sterbenden im Kugelregen von Cham -Pigny.
Während der Schreckenstage der Commune warer mit doppeltem Eifer in der Pfarrei St.-Ambroisethätig, die ein Hauptherd des Aufstands geworden war.Am 23. Mai 1871, am Vorabend der Erschießung desErzbischofcs Darboy , wäre er mit Abbe Conrtade bei-nahe den Nationalgardisten in die Hände gefallen. Ge-rade noch rechtzeitig gewarnt, flohen die beiden Priesterin bürgerlicher Kleidung in ein Nachbarhaus, wo sie sichfünf Tage lang verborgen hielten, bis der Einzug Mac-Mahons ihnen die Freiheit wiedergab. Auch nachdemdie Ordnung in Paris wiederhergestellt war, entfalteteder Vikar von St.-Ambroise die edelste Mildthätigkeitzur Linderung des durch die vorausgegangenen Mißver-hältnisse gesteigerten Elends.
Inzwischen hatte der neue Oberhirte von Paris .Msgr. Guibert, sich den früheren Pfarrer von St.-Ambroise, M. Laugöuienx, zum Generalvikar erkoren.Dieser säumte nicht, den Erzbischof auf den heroischenOpfermut!) und die seltenen Talente seines ehemaligenVikars aufmerksam zu machen. Der Prälat berief deuAbbü d'Hulst zu sich und übertrug ihm nach und nachdie verschiedensten Aemter, bis er ihn 1876 zum Titular-Gcneralvikar und Archidiakon von St.-Denisernannte.
Das Jahr vorher hatten sich 30 Bischöfe um Car-dinal Guibert geschaart, um die Katholische Uni-