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berrrerkenswertheS Ereignis; ein?°) Es entstand nämlichein Erdbeben und stürzte dabei die constantinische Lateran-basilika, die altehrwürdigste von sämmtlichen existirenden,„die Mutter und das Haupt aller Kirchen des Erdkreises",vom Hochaltar an bis zur Eingangshalle vollständig zu-sammen. Man hat die Laterankirche , die bischöfl. Kirchedes Papstes, vielfach als Sinnbild der ganzen Kirche ge-deutet und mit ihrem Geschicke auch die Schicksale derGesammtkirche in Zusammenhang gebracht. Bei diesemEreigniß von 896 trifft es zu: es folgt zunächst dietraurige Schändung der Leiche des Formosns, dann diefast ein Jahrhundert währende Knechtung des Papst-thums durch die verschiedenen Adclsparteien: — wohldie trübste Periode in der Kirchcngcschichte/*)
Ein zweites bedeutsames Ereigniß wird noch in dasJahr 896 verlegt und in unserer Zeit die Millenniums-feier desselben festlich begangen, nämlich die Besitz-ergreifung des jetzigen Ungarnlandes durch die Magyarenunter ihrem Heerführer Arpad . Ucbervolkerung soll sievon ihren Stammsitzen an der mittleren Wolga vertriebenhaben. Die sieben Häuptlinge ihrer sieben Stämme, sowird berichtet, hätten einwüthig zu Arpad gesprochen:„Wir wählen dich zu unserm Führer und Befehlshabervon heute an, und wohin das Glück dich führt, folgenwir dir." Und da vergossen die Männer nach heidnischerSitte in ein Gefäß ihr Blut für den Herzog und thatenden Schwur, daß desjenigen Blut fließen solle, der demHerzog ungetreu sein oder Hader zwischen ihm und seinenVerwandten stiften würde. Später wurden sie von einemanderen Volke gegen die Donaumündungen gedrängt, wosie noch um 888 ansässig waren. Hier kämpften sie imSolde der Griechen gegen die Bulgaren; aber der letzterenKönig Simeon fiel ins Land der Magyaren ein, währenddie Mehrzahl auf einem kriegerischen Streifzug war, ver-nichtete was im Lande war und verlegte ihnen die Sitze.So in Verzweiflung gebracht, breiteten die Magyaren sich,von Siebenbürgen und der Walachei kommend, in dengrasrcichen Pußten Ungarns aus und hätten somit bisum 896 das Land in Besitz genommen, das heute nochihren Namen trägt. Die alten Ungarn müssen keinenguten Eindruck gemacht haben. „Die Ungarn sind häßlichvon Angesicht, schreibt Otto von Freising , ihre Augentief, ihre Gestalt niedrig; sie sind Barbaren an Sitteund Sprache und wildtrotzig, so daß man sich mit Rechtüber die göttliche Langmnth wundern muß, welche solchenUngeheuern, ich will nicht sagen Menschen, ein solch herr-liches Land verliehen hat." Dagegen rühmt der Chronistvon Prüm besonders ihre Geschicklichkcit in Jagd, Bogen-schießen u. dgl.: „Geborene Jäger, Fischer und Räuber,brausen sie auf ihren flinken Rossen im Sturm über dieEbene und handhaben Bogen und Pfeile mit tödtlicherGewandtheit.^)
996.
„Eine Nachricht habe ich neulich erhalten, die michmehr gefreut hat, als Gold und Edelstein, daß nämlichder apostolische Stuhl geschmückt worden sei durch Er-hebung eines Mannes aus königlichen Geblüt voll Tugendund Weisheit", so schrieb in Heller Begeisterung der Abtvon Fleurz an einen anderen Klosterobern, damit aufein Ereigniß reflektirend, das besonders für uns Deutsche
") S. Robanlt cls kloxry, Ls Uktran au Uozwn-LZoxsL- 91.
") Vgl. Rcumont, I. o. H, xa§. 224 ff.
-») Weiß, Weltgeschichte. IV. x-rx. 189 ff.
von hohem Interesse ist. Kaiser Otto III. weilte ebenauf seinem Nömcrzug begriffen in Ravenna, als hierrömische Abgesandte eintrafen und ihn baten, ihnen einenneuen Papst statt des kürzlich verstorbenen Johann XV. vorzuschlagen. Otto bezeichnete seinen Vetter und Hof-caplan Bruno, welcher nun voraus nach Rom geleitetund dort am 3. Mai als der erste deutsche Papst ausden Stuhl Petri erhoben wurde; kurz darauf traf auchder König ein, um aus der Hand seines päpstlicherVetters die Kaiserkrone zu erhalten: die Welt sah unterJubel und Bewunderung das seltene Schauspiel, daszwei deutsche Jünglinge aus demselben Königsgeschlechte,beide für die höchsten Ideale begeistert und von denbesten Vorsätzen für die Verwaltung ihres Amtes erfüllt,fast gleichzeitig die beiden höchsten Würden der Christen-heit erlangten. Und mit Stolz und Befriedigung könnenwir heute noch auf unseren ersten deutschen Papst zurück-schallen, denn mit starker Hand griff er in seine Zeit-verhältnisse ein und lenkte als würdiger Steuermann dasSchifflein der Kirche/9 Rühmend schildert ihn, wiefolgt, seine schöne Grabschrift in den VatikanischenGrotten:
„Papst GregorinS deckt, den Fünften des Namens, die Gruft bier.
Strahlenden Augs war er, stattlich uns sckön von Gestalt.Einst hieß Brun er, entstammt dem KönigSgeichleckte der Franken;
Judith gebar ihn der Welt, Otto 2 °) erzeuzcte ihn.
Deutscher nach Sprach und Geblüt, zu Worms gelehrt und erzogen,Saß er in Jngcnvkraft auf apostolischem StuhlFast zwei Jahr' und acht Monde; da dreimal sechs man der TageZählte des Februar, ward er entrissen der Welt.
Reich, war mild er dem Volk und vertheilte an jeglichem SabbathAn der Apostel Zahl Kleider mit sorglichem Fleiß.
Fränkisch war ihm vertraut. Romanisch und Laiiums Zunge;In drei Sprachen beredt, lehrte er eifrig daS Volk" rc.2°)
Gregor starb nach einem kurzen, aber an Leidenwie an Erfolgen reichen Pontifikat, und wurden feineUeberreste, von einem altchristlichen Sarkophag um-schlossen/^) in der Unterkirche deS Peterdomcs neben denGebeinen seines Verwandten, des Kaisers Otto II. ,beigesetzt.
Im nämlichen Jahr, welches dem Stuhl Petri denersten deutschen Papst gebracht hat, erblickte als Sprosseeiner reichen savoyardischen Adelsfamilie ein Kind dasLicht der Welt, dessen spätere Werke im Laufe der Jahr-hunderte Unzählige vor sicherem Untergang retten, Mil-lionen und Millionen von Wanderern aber als hock^willkommene Unterkunft zu Gute kommen und damitzeigen sollten, daß unserer hl. Kirche keine noch so un-wirthliche Spitze zu hoch ist, um ihre Alles umfassendeCharitas auszuüben. Der HI. Bernhard von Menthon wurde nach gewöhnlicher Ansicht 996 zu Novara oder aufdem Schloß Menthon bei Aunccy geboren, trat in denDienst der Kirche und gründete als Asyl für Reisendeauf den beiden Alpenpässen des großen (2472 ur überdem Meer) und des kleinen (2157 m) St. Bernhard
") Ausführlich ist sein Leben und seine Zeit beschrieben beiHöfler, Die deutsch . Päpste, I, paZ-. 59—195; etr. auch Wiese'brecht, Gcsch. der dcutick. Kaiserzcit (3. Anst.), I. 672—75 u.695—712; Laronins-kagi, -lim-rl. hievt. XVI, 345-388; seineRegelten bei JasfS, t. o. paZ-. 339—344.
^) Dieser Otto, Herzog von Körnten, war der Sohn deSberühmten FrcinkenherzogS Conrad, welcher Lindgars, dieSchwester Otto's d. Gr., zur Frcm hatte und in der Ungarn-schlacht am Lech erfüllen ist. Der Vater des Papstes Gregor V. und vcr Kaiser Otto III. waren also Geschwisterkinder.
Vgl. Giescbrccht I. e. paA. 709. Im latcin. Original-text steht die Inschrift bei Itaronins-hnZi I. o. pag.-. 339.
2') Die nähere Beschreibung dcö Sarkophages bei Bansen,Platen rc., Beschreibung der Stadt Nem, II, 1, ;ue§. 218.