Ausgabe 
(5.12.1896) 51
 
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heit von Löwen und in eine Mehrheit von Schafen ein-theilen und jedem gewaltthätigen Nöcknitz einen geducktenWicdcmann entgegenstellen. Im Leben sieht auch jetztnoch die Sache anders aus. Und ein Dichter von derBeobachtungsgabe Sudermanns mutz wissen, dast mit derVermeidung der großen Mitte der Welt, in welcher derStrom des Lebens am vollsten und frischesten rinnt, eineüberzeugende und sittlich wahre Dichtung nicht zu ge-winnen ist.

Allein diese Vorliebe Sudermanns für selbstherr-liche Naturen hängt mit seinen sittlichen Vorstell-ungen zusammen. Abgesehen von einem gewissen starkenFamiliengefühl, einer Hochachtung vor der Mutter unddem häuslichen Herd, bewegt sich Sudermanns Ideenweltganz in der Atmosphäre modern-philosophischer Anschau-ungen. Besonders sind es zwei sittliche Richtungen, dieSudermann schon des Effektes halber einander gegenüber-stellt; einerseits die Moral der Ära st-Naturen nachNietzsche'sHerrenmoral", die ihr Recht in ihrer »starkesuchen (Magda in derHeimath", Keßler in derSchmetterlingsschlacht", Leo Sellenthin in Sudcr-mann's bedeutendstem RomanEs war" und NöcknitzmGlück im Winkel" die drei wie Vetternähnlich!); anderseits die Moral der Pflicht-Naturenvon dem Altruismus, dem vivrs pour autrni des fran-zösischen Philosophen A. Comte , welche sich unter einePflicht gebeugt haben und freudlos dahinleben (Paul inSndermann's erstem RomanFrau Sorge", Rost inderSchmetterlingsschlacht", Ulrich inEs war"und Elisabeth imGlück im Winkel"). Diese Moral-systeme kämpfen mit einander, und das Ergebniß gleichteiner Schachpartie mit Remis; Sndermann's Stücke habensozusagen etwas von einem Fragment. Was dem Dichterüberhaupt fehlt, das ist der große Zug, der Geist, deraus der Tiefe quillt und zur Höhe führt. Was manbei ihm liest, immer fühlt man ein Hindurchbugsirenzwischen Klippen. Bis zum Aeußersten beinahe läßt eres kommen den Jungen zu liebe, und vor dem letztenSchritt schreckt er doch wieder zurück, um es nicht mitden Alten zu verderben. So entsteht bei ihm als sittlichesResums eine pessimistische Resignation auf die Zukunft.Etwas wie die Stimmung eines verglimmenden Herbst-abendcs, wenn der wilde Wein im Purpursterbekleidesteht, breitet sich über den Schluß der Sudermann 'schenDichtungen aus. Die Menschen retten sich mit denTrümmern ihres Glückes und ihrer Hoffnungen in eindürftiges Asyl, mit einer gewissen Qual und Demüthigung.Die Wünsche werden stiller, die Sehnsucht wird ein-schlafen, bescheiden muß sich jeder auch der Glück-lichste", sagt Ncctor Wtedemann imGlück im Winkel".Man glaubt den Russen Turgenjew zu hören, wie erdas Fazit seiner Philosophie zieht imFaust ":DaSLeben ist kein Scherz, kein Possenspiel, das Leben istsogar auch kein Vergnügen. Das Leben ist eine schwereArbeit. Entbehrung, beständige Entsagung dasist der geheime Sinn, die Lösung des Räthsels. . . Nichtdie Erfüllung der Lieblingsgedanken und Träume, soerhaben sie auch sein mögen, sondern die Pflicht-erfüllung, das ist es, wonach der Mensch zu strebenhat."

Sudermann ist nicht frei von der modernen Ab-schreckungstheorie auf dichterischem Gebiete, Poesie giltihm als Medizin und das Aufdecken der Schwären amLeibe der Gesellschaft als dichterische Großthat. Er ziehtuns den Boden unter den Füßen weg und zeigt uns

I keinen anderen, zu dessen Festigkeit wir Vertrauen habenkönnten. Immerhin aber ist bei Sudermann von derEhre" bis zumGlück im Winkel" noch ein gewisserethischer Fortschritt zu erkennen. Bei den andern Mo-dernen nicht. Ueber leichtfertige Studenten- und Künstler-liebeleien kommen bet der Wahl des Sujets die Wenigstenhinaus. Und was für Studenten, was für Künstler lCharaktere halb voller Größenwahn, halb voller Wurm-gefühl. Wir mögen uns ein halbes Dutzend solcherHelden"vorführen, und bei keinem werden wir sehen, daß in ihmein Trieb lebt, aus dem eine Kraft für Viele erwächst,ein Funke glüht, an dem sich ein Feuer für Alle ent-zünden kann.

Ein jeder Dichter aber mit ausgesprochener In-dividualität zeigt doch auch eine geschichtliche Entwick-lung in seiner Poesie. Man denke nur an Shakespeare und Göthe . Wie schön läßt sich da die Scala verfolgenvom jugendlichen Ueberschwang bis zur gefaßten Männ-lichkeit, von. der Gereiztheit einer ungesättigten Menschen-verachtung bis zur milden Behaglichkeit und Abklärungim Alter.

(Schlich folgt.)

Vor Jahrhunderten.

Von A. Zottmann.

(Fortsetzung.)

896.

Der deutschgesiunte Papst ForwosuS hatte sich widerWillen genöthigt gesehen, den von seinem VorgängerStephan VI. zum Kaiser gekrönten Herzog Guido vonSpoleto anzuerkennen und dessen Sohn Lambert zumMitkaiser zu krönen, wurde aber gewaltthätig behandelt,vom jungen Lämbert sogar im Jahre 896 in der Engelsburggefangen gehalten. Da erschien, vom Papst schon frühergerufen, der deutsche König Arnulf vor den MauernRoms. In der Morgenfrühe eines Februartages desgenannten Jahres wurde nach dem Gottesdienst inS. Pancrazio der Sturm begonnen, und schon am Abendwaren die Deutschen ohne Verluste Herren der Leostadtund bald darauf des linken Ufers. Der Papst wurdebefreit und der König feierlich an der milvischen Brückevon Klerus, Adel und Fremdenscholen mit Kreuzen undBannern eingeholt; wahrscheinlich am 22. Februar setzteihm Formosus in der Peterskirche die Kaiserkrone auf?9Kurz darauf, am Osterfeste (4. April) oder wahrschein-licher am Pfingstfeste (23. Mai), endete der Papst seinvielbcwegtes, viel angefeindetes, aber auch vielgerühmtesLeben. Der fast gleichzeitige Historiker Flodoard (993bis 966) gibt in seiner metrischen Papstgeschichte fol-gende Beschreibung von ihm:

Hoch wird gestiert mit Lob Formosus , der treffliche Hirte;Lebte er rein doch und einfach für sich, aber reich gegen die Armen.In Bulgariens Volk hat er gestreut den Samen des Glaubens,Götzen zerstörend und hebend das Volk mit himmlischen Waffen.Schrccklos erleidet er tausend Gefahren und weiß uns zu gebenHerrliches Beispiel fürwahr i:n Ertragen von jeglichen Leiden,Und uns zu zeigen, daß nie hat ein Unglück zu fürchten der Ente."^)

Nach Formosus folgt Bonifaz VI. und 15 Tagenach diesem bereits Stephan VII ?°) Um diese Zeit,d. i. noch im Jahre 896, trat in Rom noch ein sebr

-') Renmont. Eesch, d. Stadt Nom II, pa^. 223 f.

-°) Den lateinischen Originaltext siehe bei L.I, XataUs-Rou-cag'Iia, bist. oecl. (Lingen ) Xl, paZ. 36l.

^) Hergenröther l. v. II, 27.