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Die Ausstattung des inhaltreiche» Buches ist vor-nehm. Ein „Namen- und Sachregister" erleichtert denGebrauch. Möge daher das schöne Werk eifrig benutztwerden, zumal heutigen Tages selbst die jüngsteGeschichte so schnell vergessen wird. LIsminisso iuvat.Redner und Schriftsteller könnten viel daraus lernen,denn auch Moltke, Wilhelm I. erscheinen im andernLichte, als die preußische Geschichtsbaumeisterei sie unsvorführt. Das Wort des Dichters Horaz : „lM aä-ruirari" gilt denn auch bei den neuesten Enthüllungenvon und über Bismarck; Oesterreich«!, Bayern u. a.dürfen sich nur erinnern, was der englische GesandteMalmesbmy berichtet: „Die preußischen Verträge sinddas Papier nicht werth, auf das sie geschrieben".Möchte die Geschichte endlich einmal die Lehrerin derVölker werden!
Nsgensburg. Weber.
Henrik Ibsen, Gerhnrt Hauptunum, HermannSudermann
im Zusammenhalte mit der „modernen"Poesie und Ethik.
(Vortrug, gehalten im katholischen Kasino zu München .)
(Fortsetzung.)
— 2 . Den rechten Flügel der Modernen bildet einDichter, der im Kampfe wider die bestehende Welt viel-leicht noch am meisten ein Herz für die alte Welt sichgerettet hat, Hermann Sudermann , geboren 1857zu Matzikcn in Ostpreußen . Die Jüngstdcutschen wollennicht viel von ihm wissen, er gilt ihnen als reaktionär.Und doch ist er ein Moderner in seinen sittlichen An-schauungen, in seiner Moral der selbstherrlichen Indi-viduen und der resignirten Pflichtnaturen. Mit Ibsenliebt er die grelle Beleuchtung socialer Mißstände, in derForm lehnt er sich an die modernen Franzosen, besondersan Dumas und Genossen, an. Vom Realismus hat er— und das soll kein Tadel sein! — die Findigkeit fürstimmungsvolles Milieu, er wahrt genau den Klassen-jargon. hat scharfe Beobachtungsgabe und weiß einenstrasfgezogenen Dialog zu formen. Zweifelsohne ist erdas bühi'.eulundigste Talent der jungen Generation.Seine „Ehre" 1890 (16. Aufl. 1894), „Heimath"1893 (17. Aufl. 1894), „Schmetterlingsschlacht"1694 und „Glück im Winkel" 1895 (jetzt schon6 Auflagen) haben den Weg über die meisten Bühnengefunden. Jw Schauspielrepertoire des Münchener Hof-theaters 1895 war Sardou 27mal, Shakespeare 17- und-Sudermaun 16mal vertreten. In wie weit sein „Glückim Winkel" nach einem alten Clichs gearbeitet ist, nachDickens ' „David Copperfield", wie die „Grenzboten"in Nr. 1 ds. Js. meinten, oder nach Ibsens „Frauvom Meere", wie M. Harden in der „Zukunft" 1896Nr. 30 behauptete, wollen wir dahingestellt sein lassen.Das ist sicher, daß Sudermann von seiner Erstlings-thatigkeit manche Patentgeheimnisse beibehalten hat. Erhat nicht umsonst Sensationsromane geschrieben für diefeinere Colportage, und so etwas von dem oben er-wähnten Feuilletonismus Paul Lindau's , eine Vor-liebe für das romanhafte, das gemachte, falsche Inter-essante haftet ihm noch an. Ein gewisser Zusammen-hang von Sudermanns Frühzeit mit seiner Jetztzeit be-steht noch."9 Schon in seinen Novellen, lange bevor
„Sodoms Ende" erschien, begegnen uns bald „dergesürchtcte Nouv", bald „ein bekannter Spötter undLebemann"; bald heißt es: „die Schlänglcin spielten"(um die Mundwinkel einer interessanten Frau), baldsagt jemand: „Dies Weib ist elend, namenlos elend".In der „Heimath" tritt „die berühmte Sängerin dall'Orto" auf, die „da draußen die großen Wagnerrollensingt"; sie hat bei sich einen Papagei Bobo und eineKammerzofe Giulietta, die „ein kleiner Satan" ist, ge-rade so wie im Roman der Graf, welcher mit einemschwarzen Diener Namagatha weither aus dem fernenIndien kommt. So wie das Glänzende romanhaftschwülstig wird, so wird das Einfache bei Sudermann zur gesuchten, unnatürlichen Pose. Klärchen in der„Schmetterlrngsschlacht" sagt von der Liebe, unddas soll im Sinne des Dichters schlicht sein: „Ich hab'mir gedacht, das muß etwas sehr Schönes und Er-habenes sein, weißt Du — so, wie die Sonne!" Auchdie blinde Helene im „Glück im Winkel" soll alsnaives Kind gelten, und ihr legt der Dichter die rühr-selige Fenilletvnphrase in den Mund: „Als Kind, dawar ich recht dumm; da dacht' ich, die Noten sind kleinerunde Engelchen, die sitzen auf einem langen Zaun undschlagen mit den Flügeln." Wie schwülstig klingen dieHerzcnsbckenntnisse! Wenn Magda in der „Heimath"von sich sagt, es stecke ein Hang zum Morden, — zumNiedersiugen in ihr; sie zwinge jeden, daß er wolle, wassie will, denn sie könne ihn „Niedersingen — inGrund und Boden singen, bis er ein Sklave, einSpielzeug wird in meiner Hand!" Und ebensowenn Frau Elisabeth im „Glück im Winkel" inromanhaften Ausdrücken über ihr Seelenleben Auskunftgibt: über „die Winterabende, wo man in die Lampe starrt, und die Sommernächte, wenn die Linde vor derThür blüht — ach, Georg" u. s. w. Und wie geistreichist der Kraftmensch Nöcknitz, der Renommist mit krrut-Zoüt. Was schüttelt der für ein schöngeistiges Feuilletonaus dem Aermcl, über die Zusammensetzung des Cha-rakters der Frau Elisabeth! Wie interessant spricht erüber das „heimliche Hinken", er, der stallvuftende Nosse-lenker! Alles nur so in einem Zuge. Beim Anhörenbesticht das durch den Vortrag auf der Bühne, aber beimLesen und im Zusammenhalte mit Sudermanns übrigemSchriftthnm, da merkt man die komödiantenhafte Macheund die Nomanphrase, das Theaterfeuerwerk für dieSensation des Momentes. , Er liebt überhaupt dieAugenblickswirkung, die Explosionsstimmuug. Und jedes-mal verhindert ein Zufall das Abscheulichste — Suder-maun ist eine stark erotische Natnr — oder das Schreck-lichste. Robert in der „Ehre" hat den Revolver schonerhoben, da tritt „zufällig" Lenore ein, und er läßt ihnfallen; Krämer in der „Schmetterlingsschlacht"hat den Morgenstern schon erhoben, da bekommt Willy„zufällig" einen Blutsturz; der Oberstlieutenant Schwachein der „Heimath" hat die Pistole schon erhoben, datrifft ihn „zufällig" der Schlag. Um des scenischenEffektes willen gründet Sudermann Spiel 'und Gegen-spiel gern auf berühruugslose Gegensätze, auf abnormeExtreme; der starke Contrast (Vorderhaus und Hinter-haus in der „Ehre", cmancipirtes Küustlerinncnwescnund ein Osfiziershaus mit Missionsbestrcbuugcn in der„Heimath", ein sanftes Dorfschulidyll und cxcessiveJunkerherrlichkeit im „Glück im Winkel") ist ihmHauptsache. Man mag freilich an Berliner Stammtischenund in geistreichen Gesellschaften das Volk in eine Minder-
") Vgl. A. Kerr a. a. O.