Ausgabe 
(5.12.1896) 51
 
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5. §e;. 1898.

Geschichte der katholischen Kirche in Dentsch-land im neunzehnten Jahrhundert. Von Dr.Heinrich Brück ?)

Den ersten Bänden dieses verdienstvollen Werkes, welchein den Jahren 1887 und 1889 erschienen und von derKritik sehr günstig aufgenommen wurden, reiht sich der dritteBand ebenbürtig an. In diesem behandelt der gelehrte Ver-fasser, Domcapitular und Professor Or. Brück in Mainz ,dessen ausgezeichnetesLehrbuch der Kirchengeschichte"bereits die 6. Auflage und Uebersetzungen ins Englische ,Französische und Italienische erlebte, die Zeit vom Jahre1848 bis 1870 in fünf Abschnitten; sie tragen die Auf-schriften:Bekämpfung des Staatskirchenthums, der Kampfdes falschen Liberalismus gegen die Kirche, die katholischeWissenschaft, der Kampf um die Schule, der religiöseAufschwung."

Im Nevolutionsjahre 1848 bewährte sich, so führtder erste Abschnitt aus, der katholische Klerus als treueStütze staatlicher Ordnung. Ein Lichtpunkt im Gewirreder Zeit ward die Würzburger Bischofsversammlung.Wurde überall Freiheit für Versammlungen, Presse undRede verlangt und auch erzielt, so konnte diese Freiheitder konservativsten Gesellschaft nicht verweigert werden,und der bureaukratische Zwang mußte nachlassen. Inder That wurden der Kirche in manchen Staaten Er-leichterungen zu theil: so in Oesterreich und Bayern ,in welchen katholischen Ländern es freilich niemals aufeine Vernichtung der Kirche, sondern nur auf allzu aus-gedehnte Bevormundung abgesehen war. Im Kaiserstaatekam nach eingehenden Berathungen das Concordat zuStande, gegen welches sogar die ungarischen Bischöfe ausFurcht, ihre Privilegien zu verlieren, in kurzsichtiger WeiseVerwahrung einlegten. Auch protestantische Staaten warenin der ersten Angst zur Nachgiebigkeit bereit. In Preußen zeigte man sich äußerlich nachgiebig und streute Sand indie Augen geschichtsunkundiger und leichtgläubiger Katho-liken, bisdas Dach gewölbt war über das gemeinsameReich". Der Klerus erhielt eine freiere Stellung, aberParität und gerechte Behandlung der Katholiken warenunbekannte Begriffe; man handelte nach dem BefehleFriedrichs II. , der die Verordnung erlassen hatte, keinKatholik dürfe eine öffentliche Stellung erhalten, welcheüber 300 Thaler einbringe. Der allgemeine Dispositions-fonds des Königs und selbst katholische Stiftungen wurdenzur Förderung des Protestantismus verwendet. BesondereBedrückungen erfuhr nach kurzer Pause die katholischeKirche in Baden. Heldenmüthig kämpfte der greise Erz-bischof von Vicari. Eins Verständigung suchte derpreußische Bundestaggesandts von Bismarck ,von gleichemHasse gegen Oesterreich wie gegen die katholische Kirche erfüllt" (S. 125), zu verhindern. Das brüske Auf-treten des Freiherr«, dessen Politik seiner Zeit PrinzWilhelm, der spätere Kaiser, mitPolitik eines Gym-nasiasten" (Gerlach's Denkwürdigkeiten, II, 118) be-zeichnete, setzt das WerkAus den Briefen des GrafenProkesch von Osten" (Wien , 1896) in helle Beleuchtung.Auch in Nassau und Mecklenburg , wo der KonvertitFreiherr von der Kettenburg nicht einmal einen Haus-geistlichen halten durfte, war Bismarck der böse Dämon

*) III. Band: Von der BischofSversammlung in Wnrzburgbis zum Anfang des sogen. Kulturkampfes 1870. Mainz , Kirch-heim, 1896- XIII u. 574 Seiten. 8 Mark.

für die Katholiken. Gleiche Unduldsamkeit herrschte inSchleswig-Holstein und Braunschweig .

Der zweite Abschnitt schildert in sehr dankensweriherAusführlichkeit den Sturm wider das österreichische Con-cordat; einseitig wird es durch Kammer-Majoritäten gelöst,als der Protestant von Beust zum Unglücke der Habs-burger -Monarchie seine frivole Rolle spielte. Auch dieConventionen des Papstes mit Württemberg und Badenfallen der protestantischen Intoleranz zum Opfer; äußerstwehmüthig berühren die Bedrückungen der Katholiken inletzterem Lande, das sich zum preußischen Vasallenstaateerniedrigt.

Ein erfreuliches Bild bietet uns der dritte Abschnitt.Männer, -deren Namen noch in aller Munde, treten alsKämpen auf dem literarischen Felde auf. Reiche Blüthenguter und schöner Literatur sproßten am Baume derKirche. Leider geriethen manche Gelehrte auf falscheBahnen, so Döllinger, der schon im Streite zwischen demBischof von Speyer und der bayerischen Regierung umdie Errichtung einer theologischen Fakultät in der rheinischenBischofsstadt einen ungünstigen Einfluß ausübte, wasjedoch Brück nicht erwähnt.

Wieder trauriger gestalten sich für die Kirche dieKämpfe um die Schule, die im vierten Abschnitte dar-gestellt werden. Namentlich knirscht der ganze innereMensch, wenn er das Benehmen der badischen Regierungliest; mit Hinterlist und Gewalt entzieht diese den Ka-tholiken die heiligsten Rechte und protestantisirt kathol-isches Gut.

Einen erhebenden Abschluß bildet der fünfte Ab-schnitt: er gibt ein farbenreiches Bild von dem überallund allseitig Früchte treibenden katholischen Leben.

Alle diese Schilderungen beruhen auf fleißiger Be-nützung des überaus reichen Materials, namentlich derosficiellen Aktenstücke. Briefe und Memoiren geben öftersdie leitenden Beweggründe der handelnden Personen. Inglücklicher Weise ist Entsprechendes ausgewählt. DasGanze klärt das richtige Urtheil des Theologen und diegewandte Anordnung des erfahrenen Historikers. DerStil selbst ist fesselnd, ja häufig von dramatischerLebendigkeit, indem wir Rede und Gegenrede ver-nehmen.

Im Interesse einer Neuauflage möchte ich einige Versehenanmerken. StattVoralberg" (S. 214, 216, 336. 486) solltees heißenVorarlberg". Auf S. 236 ist eine Stelle mitzver-ständlich:Der Scbanplatz des unseligen Krieges vom Jahre1866 war Deutschland und Italien . Er endete hier wie dort'mir empfindlichen Niederlagen Oesterreichs ." Es sollteVerluste" lamen. Denn Custozza und Lissa sind leuchtendePunkte in der Kriegsgeschichte. S. 322 stattHetiinger (1890)"dafürHcttinger s-s 1890)". S. 325:nach Verkündigung desDogmas von der lehramttichcn Unfehlbarkeit des Papstes unter-warf sich Dieringer der Entscheidung der Kirche", genauer wärees. wenn die Worte eingefügt würden:nach einigem Zögernund Widerstreben". Platzmann war nickt Nectorder Kircheölaria äst!' Huima", sondern deS Oampo sauto beim Vatikan.S- 451 (573): die adelige Familie schreckt sichStauffmberg",nichtStanfcnberg". S. 487 (489, 515):Vincenz von Paulo";dieser Heilige heitzt im Lateinischen allerdings <Io Paulo, aberim Deutschen dürsteVincenz von Paul" zu sagen sein, wieibn ja auck seine Landsleute »Vincent äe Paul- nennen.Die Niederbronner Frauen führen nicht den NamenderSckwestern vom allerheiligsten Heiland", sondern heißen:Töchtervom allcrbeüigsten Heiland"; die Würzburger Niederlassung, diesich selbstständig machte und bereits viele Filialen zählt, änderteinTöckter des göttlichen Erlösers". S. 515: stattBischöfe des Königreichs jenseits des Rhein " sollte wegen desrelativen Ausdruckes:Bischöfe deö östlichen Bayern " gewähltwerden.