Ausgabe 
(1.7.1880) 1
 
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Maler jetzt näher traten. Eine Verwundung ließ sich freu.ch ^ nicht sogleich an ihm be-merken, aber er war an den Händen gefesselt und hatte einen Strick um den Hals, derihm die Kehle so zugeschnürt, daß auch ihn vielleicht der Tod schon erreicht hatte.

Hoffentlich ist wenigstens dieser arme Bursche noch zu retten, meinte der Deutsche ,und versuchte den Strick zu losen, der aber so fest den Haks des Unglücklichen umschloß,daß es ihm nicht gelang; erst als der Däne ein Messer hervorholte, glückte eS nichtohne Mühe denn die größte Vorsicht war nothwendig den Strick zu durchschneiden.Ein leises Athemholen, ein schwaches Zurücktreten des Blutes aus dem damit überfülltenGehirn, bewies den Künstlern, daß hier wenigstens noch Leben vorhanden sei.

Bleiben Sie hier und halten Sie bei den Unglücklichen mit Ihrem CagliostroWacht, während ich nach Sorrent eilen und Hilfe Herbeibringen will. Wir sind zumGlück nur noch wenige Minuten davon entfernt, meinte der Deutsche .

Der Däne war damit einverstanden und der süddeutsche Maler stürmte mit einerHast hinweg, die sonst bei dem ein wenig phlegmatischen Künstler völlig unbekannt war.

Langsam und schwer schlug der von seinen Fesseln Befreite die Augen auf undlispelte kaum verständlich in deutscher Sprache: Wo ist mein Bruder? Ist er todt?und er suchte den Kopf zu erheben und nach der Stelle zu blicken, wo der Ermordete lag.

Ihr Bruder scheint leider todt zu sein, antwortete der Däne theilnahmvoll. Wenig-stens gibt er kein Lebenszeichen mehr von sich, aber vielleicht dürfen wir noch hoffen,wenn auch

Nein, nein, er ist todt! O, meine Ahnung! Der Unglückliche ließ den Kopf zurück-sinken und schloß die Augen. Der Gedanke an den Verlust seines Bruders mußte ihnzu gewaltig erschüttert haben, denn die Sinne drohten ihm wieder zu vergehen.

Sie sind ein Deutscher? fragte der Däne.

Ein schwaches Kopfschütteln war die Antwort. Wir sind Russen und als derdänische Maler ein etwas verwundertes Gesicht machte, setzte der Fremde hinzu: Wirsind aus den Ostseeprovinzen gebürtig, Aber ich will meinen Bruder sehen, meinenarmen Boguslav! und mit Anstrengung all' seiner Kraft suchte er sich emporzuraffen,um sein Vorhaben auszuführen.

Theilnahmsvoll unterstützte ihn der Däne. Obwohl es nur wenige Schritte waren,hatte der Fremde Mühe sich fortzuschleppen und ohne die kräftigen Schultern des Malerswürde er nicht sein Ziel erreicht haben. Als er jetzt seines Bruders ansichtig wurde,betrachtete er ihn mit starren, glanzlosen Augen eine lange Zeit ganz aufmerksam, dannbrach er plötzlich mit einem lauten, verzweifelten Schrei zusammen und verlor von Neuemvöllig die Besinnung.

Zum Glück traf bald darauf der Süddeutsche mit Leuten aus dem nächsten Gasthofeein und half seinem dänischen Berufsgenossen aus seiner peinlichen Lage, der nicht mehrwußte, was er mit dem Unglücklichen beginnen sollte.

Ein französischer Arzt hatte sich zufällig als Fremder in dem Gasthofe befundenund mit dem humanen Eifer, der seinem Stande größtentheils nachgerühmt werden kann,hatte sich der Doktor sogleich zur Begleitung angeboten, und nachdem er einen raschenBlick ükur die beiden am Boden liegenden Menschen geworfen, wandte er all' seine Auf-merksamkeit allein dem Verwundeten zu: Der Andere ist nur ohnmächtig. Bitte, reibenSie ihm die Schläfe mit Eau de Cologne ein, das wird genügen. Hier aber ist einschwieriger Fall, und er schickte sich an, die Wunde des Unglücklichen näher zu untersuchen.

Nicht wahr, der Aermste ist todt? fragten die Künstler.

Der Mensch ist entsetzlich zugerichtet. Es wäre ein Wunder, wenn er davon käme.So leise auch der Franzose gesprochen, der Andere mußte dennoch die Worte gehört haben,denn er schlug matt die Augen auf und jammerte: 0 mon Dien!

Beruhigen Sie sich, mein Herr, sagte der Arzt: Noch ist nicht alle Hoffnung ver-loren. Dennoch blieb dieser Zuspruch ohne Wirkung, denn der Russe stieß in ziemlich