Ausgabe 
(1.7.1880) 1
 
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gutem Französisch die verzweifeltsten Klagen aus und wollte sich von Neuem erheben,um nach seinem Bruder zu sehen. ,

Regen Sie sich nicht unnütz auf, mein Herr, ermähnte der Franzose. Ich werdemein Möglichstes thun. Freilich ist der Schädel Ihres armen Bruders arg zerschmettert und

Er muß sterben, nicht wahr? unterbrach ihn der Nüsse und seine Augen ruhten mitdem Ausdruck der furchtbarsten Unruhe auf dem Arzt, der die Achseln zuckte und derFrage auszuweichen suchte, indem er sich wieder eifrig mit dem Verwundeten beschäftigte.

Nein, sagen Sie mir alles, ich muß es wissen; drängte der Andere und erhob sichplötzlich, um noch einmal mit ängstlichen Blicken den Zustand des Bruders zu beobachten.Nicht wahr, diese schreckliche Wunde ist nicht mehr zu heilen? Er stirbt? wandte er sichdann zu dem Franzosen und seine Angen ruhten dann voll schmerzlicher Erwartung aufden Lippen des Arztes.

Ich weiß es nicht. Ihr Bruder scheint mir von kräftiger Konstitution zu sein undvielleicht gelingt es mir, ihn zu retten.

Langsam strich der Russe mit der Hand über sein Antlitz, plötzlich ergriff er denArm des Doktors, der eben wieder um den Schwerverwundeten bemüht war. TäuschenSie mich nicht länger, daß Sie sich den Anschein geben, als könnten Sie die fürchterlicheWunde meines Bruders noch zusammenflicken. Ich weiß es, er ist todt, ich hab' ihnverloren. Die elenden Räuber haben ihm zu arg mitgespielt und ihm den Schädel ganzzerschmettert. Kommen Sie, ich kann den Anblick nicht länger ertragen, gönnen Sie ihn:die ewige Ruhe und in leidenschaftlicher Erregung wollte der Russe den Arzt mitHinwegziehen.

Nein, ich darf Ihren Bruder noch nHt völlig aufgeben, wehrte ihn der Franzoseab, in dem der Arzt allein lebendig war. Gerade dieser schwierige Fall stachelte ihn auf,all' seine Kunst zu zeigen. Ich bin nicht ohne Hoffnung, ihn am Leben zu erhalten, seinGeist wird freilich für immer umflort bleiben.

Ohne ein Wort zu entgegnen senkte der Russe den Kopf; er stieß nur einen Seufzeraus und schweigend mit aufmerksamen Augen beobachtete er die ferneren Bemühungendes Arztes. Bald hatte derselbe vorläufig sein Werk gethan, der Verwundete wurdesorgsam auf die mitgebrachte Bahre gelegt und nun trat man langsam den Rückweg zudem Gasthofe an.

Welch' eine traurige Wanderung inmitten dieser herrlichen Natur. Leuchtkäferschwirrten wie goldene Funken in der Luft, die von dem Duft der blühenden Mprthcerfüllt, sich weich und schmeichelnd um die Sinne legte. Die Natur schien hier dasjauchzendste Lied von Lust und Leben anzustimmen, aber Alle, die an dem traurigen Gangebetheiligt waren, konnten sich nicht dem Zauber überlassen, den dieser Abend sonst aufsie ausgeübt hätte. Selbst die aus dein Gasthofe mitgebrachte und zum Schwatzen stetsaufgelegte Dienerschaft verhielt sich merkwürdig still.

Der Verwundete gab während des ganzen Weges kein Lebenszeichen von sich; erwurde mit großer Vorsicht in ein zu ebener Erde belegcnes Zimmer des Gasthofes ge-bracht und erst jetzt, als der Arzt nun in größerer Ruhe seine Bemühungen verdoppelnkonnte, zeigte ein schwaches Athcmholcn, daß noch Leben in ihm sei.

Die Künstler hatten sich entfernt, da der Raum, in den der Verwundete gebrachrwurde, ohnehin sehr beschränkt war. Der Doktor hatte sich eine junge Magd herbei-gerufen, deren Anstelligkcit ihm bekannt war, die ihm die nöthigen Handreichungen zumachen hatte und sich auch dieser schwierigen Aufgabe mit ebenso viel Geschick wie wüthi-ger Entschlossenheit unterzog. Doktor Bcrnard, der trotz seiner vierzig Jahre den galantenFranzosen nicht verleugnen konnte, flüsterte mehr wie einmal: Brav Marietta! und diedunklen Augen der Dirne funkelten dann über das gespendete Lob, sie hielt dann' umso herzhafter an der Seite des Arztes aus, obwohl jedes andere junge Mädchen, mitetwas schwächeren Nerven, vor all' dem Entsetzlichen völlig zusammengebrochen wäre.

Während dieser ganzen Zeit war der Bruder des Schwerverwundetcn nicht von