Ausgabe 
(1.7.1880) 1
 
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der Stelle gewichen, trotz seiner sichtbaren Erschöpfung verfolgte er mit größter Aufmerk-samkeit die Anstrengungen des französischen Arztes und als dieser sich jetzt jubelnd mitden Worten an ihn wandte: Triumph! ich habe dem Tode noch einmal Ihren Bruderstreitig gemacht! sagte der Russe mit schmerzlichem Lächeln: Aber zu welchem Leben?!Oder wird es Ihrer wunderbaren Kunst auch gelingen, den Geist meines armen, einzigenBoguslav zu retten?

Nein, das ist mir leider unmöglich, antwortete der Arzt achselzuckend.

Ach, dann wäre es vielleicht besser gewesen, diese Schurken hätten ihn getödtetlentgegnete der Bruder. Mein armer Boguslav! und in seinen Augen schimmerte einfeuchter Glanz. Was kaun ihm ein Dasein nutzen, wenn ihm jede Besinnung fehlt?

Sie haben wohl Recht, mein Herr, erwiderte der Franzose. Dennoch bleibt esunsere Pflicht, das Leben des Unglücklichen zu erhalten.

Und Sie hoffen wirklich nicht, daß mein armer Bruder das klare Bewußtsein wiedererhalt? fragte der Russe von Neuem mit großer Lebhaftigkeit und seine Blicke ruhtenwieder erwartungsvoll auf dem Franzosen .

Selbst eine noch größere Kunst als die meine würde an dieser Aufgabe scheitern,war die lebhafte Antwort: Sehen Sie nur, wie dieser Schädel bearbeitet worden. DieHirnschale ist ja ganz zerschmettert und was das Schlimmste, die Verletzung geht biszur weichen Hirnhaut. Es grenzt überhaupt an das Wunderbare, daß der Tod nichtsogleich erfolgt ist.

(Fortsetzung folgt.)

Eine lustige Gerichtsverhandlung.

Der Oederbauer von Niederstcrzling war bei seinen Ortsnachbarn nicht sehr beliebt.Er war noch ziemlich gut bei Jahren, hatte einen schönen Hof von seinen Eltern geerbtund viel Geld im Kasten, aber er war ein Hagestolz geblieben, hauste für sich und lebtesehr sparsam. Man sagte, er habe nur aus Sparsamkeit es verschmäht, sich eine Haus-frau zu suchen und jetzt möge ihn keine mehr.

Der Oederbauer pflegte auch nur selten sich im Wirthshaus sehen zu lassen, undkam er alle heilige Zeit einmal in der Dämmerstunde dahin, dann trank er nicht vielund redete noch weniger, schlich sich vielmehr bald wieder heim, wie er gekommen war,ohne freundliches Wort und ohne Gruß und Handschlag. War er selbst den älterenBauern, die ihn von Jugend auf kannten, ein unheimlicher Kerl, so galt er bei denjungen Burschen des Ortes als Ausbund des Geizes und der Habsucht, dem man, woman nur konnte, anthat, was ihn ärgern oder verletzen mochte.

Eines schönen Abends, es war Kirchweih in Niedersterzling, da ging's im unternWirthshaus hoch her! Die Burschen sangen zur Zither und einige Musikanten spieltenim Tanzsaal auf. Jung und alt war guter Dinge, und Tanz und Gesang wechseltenab, den Niedersterzlingern die Zeit zu vertreiben.

Die Klänge der Tanzmusik drangen auch zum Oederbauern hinüber in seine ein-same Stube, und weckten in ihm den letzten Rest menschlicher Regungen, so daß es ihnnicht länger in seinem stillen Hause litt, sondern unter die lustigen Menschen in's Wirths-haus trieb. Spät war's schon, als der Oederbauer in die große Zechstube trat undam Ofensitz Platz nahm. Allgemeines Staunen verursachte diese seltene Erscheinung.Man traute seinen Augen kauni der Oederbauer hatte bei seinem Eintreten sogar dieNächststehenden gegrüßt und sich jetzt schon das zweite Glas einschenken lassen! Alsaber vollends der Oederbauer seinen grünen Zugbeutel aufthat und den Musikanten einenblanken Gulden auf den Tisch hinwarf, da verwandelte sich das Staunen in allgemeienHeiterkeit.

Der Zitherspieler, ein frischer, schneidiger Stegreifdichter, war gleich bei der Handund smrg ein S chnada hüpfl auf den Oeder bauern, das sofort zündend einschlug, so daß